von Rami Alafandi

Kunst kennt keine Grenzen. Im Laufe der Geschichte ist Kunsthandwerk immer wieder auf Reisen gegangen und dabei neue Stile und Formen miteinander vermischt und angepasst. Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Reise durch die Geschichte der Motive im Osmanischen Reich, illustriert am Beispiel der ʿajami-Räume in Aleppo. Er möchte zeigen, wie die ʿajami-Motive von weit her angereist sind und weder von Ländern noch Kulturen beeindruckt waren. Sie wurden vielmehr von talentierten Kunsthandwerkern getragen, die zur Schaffung eines der faszinierendsten Beispiele syrischen Kunsthandwerks beitrugen, das wir auch heute noch bewundern: verzierte Holztäfelungen, auch bekannt unter dem Begriff ʿajami.

Während der osmanischen Zeit wurden in Syrien, vor allem in den Handelszentren Damaskus und Aleppo, wohlhabende Hofhäuser mit diesen bemalten Holztäfelungen verziert. Ihre Oberfläche bot eine unendliche Fülle blumiger und figurativer Motive, die von verschiedenen Kunsthandwerkern aus verschiedenen Kulturen entwickelt wurden. Der Import talentierter Kunsthandwerker aus eroberten Gebieten in das Atelier des osmanischen Palastes war eine gängige Praxis der osmanischen Herrscher und Teil des Eroberungsplans der Sultane. Die Hauptaufgabe dieser Kunsthandwerker war es, einzigartige Meisterwerke zu schaffen, die die Bedeutung der gegenwärtig regierenden Sultane zeigten. Auf diese Weise schuf das Osmanische Reich eine Art Schmelztiegel, in dem verschiedenen Kunststile und Motive verschmolzen wurden, sodass ein ganzes Mosaik von Entwürfen entstand.

Bei näherer Betrachtung sind diese Motive noch immer auf verschiedenen Materialien wie Holz, Keramik und Manuskripten überall in der Region erkennbar. Ihre Ursprünge lassen sich auf mehrere Regionen wie Zentralasien und Europa zurückverfolgen. Obwohl die Motive aus verschiedenen Kulturen stammen, entwickelten sie sich zu drei verschiedenen Stilen, die alle auf den aleppinischen Werken von ‚ajami zu finden sind: der stilisierte (oder abstrakte) Stil (bekannt als der klassische Stil), der halbstilisierte Stil und der naturalistische Stil. Die Namen dieser Stile variieren je nach Land, Sprache und Forscher. Für diesen Artikel hat sich der Autor für die seiner Meinung nach passendste Terminologie entschieden.

Stilisierte klassische Motive blühten im 15. bis zum 16. Jahrhundert:

Stilisierte Motive sind von zentralasiatischen Motiven beeinflusst und umfassen zwei Arten von Motiven: Rumi und Hatayi. In Aleppo wurden die Stile Rumi und Hatayi während des 17. Jahrhunderts gemeinsam verwendet und tauchten in späteren Zeiten immer wieder auf. 

Rumi besteht aus systematisch und symmetrisch geformten wirbelnden Stängeln mit Blättern. Diese Motive finden sich im allseits bekannten Aleppo-Zimmer, das sich heute im Museum für Islamische Kunst in Berlin befindet, sowie im Bayt Ghazaleh in Aleppo (Abb. 1 und 2).

Der Ausdruck Rumi leitet sich ab vom arabischen und türkischen Wort für „römisch“ und bedeutet das Land der Römer und bezeichnet das Land in Anatolien (Bilad al-Rum), das vor der Übernahme durch das Sultanat der Rum-Seldschuken, Teil des römischen / byzantinischen Reiches war, welches die Motive nach Vorderasien brachte.

Im Gegensatz dazu zeichnet sich Hatayi durch freiere aber symmetrische, gewellte Stängel aus und umfasst Blätter, Blüten, Blumenschmuck und einen Querschnitt von Blumen. Die Motive wurden mittels eines systematischen Farbschemas gezeichnet (Abb. 3). 

Halbstilisierte Motive blühten im 16. bis zum 18. Jahrhundert:

Halbstilisierte Motive entstanden insbesondere, als Sultan Selim I. Täbris im Iran eroberte und einen persischen Künstler namens Schah Kulu mitbrachte. Seine künstlerische Kreativität führte unter der Herrschaft des Sultans Suleiman zu einem Stil von Motiven, der als Saz bekannt wurde. Saz gleicht dem Hatayi, ist jedoch natürlicher und wird in einem vollkommen freien Zeichenstil mit langen, gewellten Stielen und stacheligen Blättern dargestellt (Abb. 4). Diese werden von Figuren von Kreaturen wie Vögeln, Engeln und mythologischen Tieren begleitet. 

Schah Kulu hatte einen begabten Schüler namens Kara Mehmed Memi, der auch ein berühmter Künstler am osmanischen Hof wurde. Er schuf einen neuen Stil, der in der Türkei nach ihm benannt ist. Der Kara-Memi-Stil ist international als „Viertelblumen“ bekannt, da er vier grundlegende, sich wiederholende Blumen umfasst: Tulpen, Rosen, Nelken und Hyazinthen (Abb. 5). 

Eines der verblüffendsten Beispiele für verzierte Holztäfelungen ist das sogenannte Aleppo-Zimmer (der ursprüngliche Empfangsraum von Bayt Wakil). Es befindet sich im Museum für Islamische Kunst in Berlin und zeigt eine Vielzahl von Motiven und präsentiert eine ganze Fülle von Motiven. Dazu gehören sowohl die stilisierten (Rumi und Hatayi) als auch die halbstilisierten Motive (Saz und Kara Memi).

Neben diesen Stilen befinden sich entlang der osmanischen Stile auch chinesische Motive, Menschen- und Tierfiguren sowie mythologische Kreaturen und Szenerien aus berühmter Literatur. Seine einzigartige Oberfläche zeigt die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe und die vielfältigen Talente, die diese Künstler in nur einem Raum vereinten. 

Der naturalistische Stil begann im frühen 18. Jahrhundert:

Der naturalistische Stil entstand im 18. Jahrhundert in Istanbul, der als das Zeitalter der Tulpen (1713-1733) bekannt ist. In dieser Zeit war das Osmanische Reich stark von der westlichen Kultur und Kunst, insbesondere den Stilen des Barocks und des Rokokos beeinflusst. Klassische Stile wurden häufig durch naturalistische Motive ersetzt. Blumensträuße und Schüsseln voller Früchte hielten Einzug in die Motivdekorationen. Ein schönes Beispiel ist das Zimmer von Sultan Ahmed III im Topkapı-Palast in Istanbul. Diese Stile tauchten auch in den aleppinischen Häusern auf, wie zum Beispiel im Haus Ghazaleh und anderen Orten (Abb. 8- 10).

Das Haus Ghazaleh ist insofern interessant, als dass es viele bemalte Holztäfelungen aus verschiedenen Epochen der osmanischen Zeit enthielt. Die Täfelungen zeigten Beispiele aller oben erwähnten Stile. Bedauerlicherweise gingen die meisten der Holztäfelungen während des bewaffneten Konflikts in Aleppo von 2012 bis 2016 verloren. Jedoch hat der Verfasser dieses Artikels diese Täfelungen eingehend dokumentiert und erforscht. 

Abb. 10: Blumenstrauß und Früchte in Schalen an den Wandpaneelen Bayt ad-Dahhan/ Funduq Qasr al-Mansuriyya, 18. Jahrhundert (© Rami Alafandi)

Istanbul, die damalige osmanische Hauptstadt, war der Treffpunkt von Künstlern, die all diese Motivstile hervorgebracht und entwickelt hatten. Die Beispiele aus Aleppo zeigen, wie eng diese zwei Städte miteinander verbunden waren. Obwohl die Architektur von Aleppo einen besonderen örtlichen Stil aufweist, der sich insbesondere im Steinmauerwerk und in den Steinverzierungen und der Gestaltung der Häuser zeigt, folgten die bemalten Holzdekorationen überraschenderweise den osmanischen Kunstrichtungen. Die Verbindung zwischen Istanbul und Aleppo wurde ermöglicht durch die Künstler, die reisten, um in anderen Städten des Osmanischen Reiches Kunsthandwerk zu produzieren, und die Aleppiner, insbesondere Händler, die den Kunstrichtungen des Osmanischen Reiches während ihrer Reisen nach und ihrer Besuche in Istanbul und anderen osmanischen Städten ausgesetzt waren. Aus diesem Kulturaustausch ergab sich eine Fülle von Motiven, die die prächtigen Holztäfelungen zierten und mit großer Herzlichkeit den Weg ins aleppinische Haus fanden. 


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1 Comment

  1. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Als Kunsthistorikerin und Guide in Berlin führe ich auch im Vorderasiatischen Museum und freue mich sehr über diese genauen Informationen. Das gesamte Projekt ist sehr anregend, auch wenn der traurige Gründungshintergrund dabei im Hinterkopf bleibt.

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