von Dima Dayoub

Es ist gar nicht nötig, dass wir so sehr um eine perfekte Anpassung an vergangene Formen bemüht sind. Wir sollten lieber versuchen, deren Überreste zu nutzen, um die Vielschichtigkeit und Bedeutung  der Gegenwart zu erweitern. Der Gegensatz von alt und neu sowie die angesammelte Dichte der wichtigsten Elemente wird eines Tages eine Landschaft hervorbringen, über deren Tiefe keine andere Epoche verfügt. (Kevin Lynch, 1972)“ 

Das Stadttor Bab Qinnasrin: Blick von Außen – © Claus-Peter Haase (CC-BY-NC-SA)

Durch meine berufliche Erfahrung als Architektin für Restaurierung und Rekonstruktion, die mehrere Jahre an Projekten in der Altstadt von Aleppo gearbeitet hat, und durch persönliche Beobachtungen als (ehemalige) Bewohnerin dieser Stadt habe ich in den Nachbarschaftsvierteln vor Ort Veränderung und Durchmischung erlebt. Die Bevölkerung, die typischerweise als konservativ beschrieben wird, war vielschichtigen neuen Formen städtebaulicher Eingriffe auf unterschiedlichen Ebenen gegenübergestellt

as mag im Folgenden ein einzelner Tag in Aleppo (in der Zeit vor dem Krieg) illustrieren:

Eine Bäckerei in der Altstadt von Aleppo – © Dima Dayoub (CC-BY-NC-ND)

Wenn ich am Morgen durch das Bab Qinnasrin, eines der historischen Stadttore der Altstadt, über eine kopfsteingepflasterte Gasse laufe, um zur Baustelle zu gelangen, komme ich an einer kleinen Nachbarschaftsbäckerei vorbei. Hier kaufe ich warme Croissants, die genau wie in Paris schmecken – so behaupten es jedenfalls meine französischen Freunde, die in dieser Nachbarschaft lebten. Ich erreiche mein Ziel, ich muss mich bücken, um durch den kleinen Türeingang zu gelangen. Im offenen Innenhof des Wohnhauses beginne ich mit den Arbeitern eine Diskussion über die Entwürfe für ein Schwimmbecken. Nach den Wünschen des (ausländischen) Kunden soll dieses auf einem Teil des Dachs seines aus drei arabischen Häusern zusammengelegten Gästehauses, das er sich im Herzen der Altstadt einrichtet, gebaut werden.

Dieselbe Gasse beherbergt eine bezaubernde Überraschung, die allerdings von außen nicht bemerkbar ist – kein Schild weist auf das versteckte Boutique-Hotel hin. Das Gebäude, eine exklusive Oase mit exotisch ausgestatteten Zimmern, wurde im 16. Jahrhundert erbaut und zu seinem früheren Glanz restauriert. Ich hole mir mein Mittagessen bei einem bekannten Favabohnen- (Ful-) Lokal und schlendere durch eine enge Gasse, um zu unserem zweistöckigen Bürogebäude zu gelangen.  Hier nehme ich unter einem Zitronenbaum mein Mittagessen ein.

Traditionelles Aleppiner Haus im Jahr 2011 – © Dima Dayoub (CC-BY-NC-ND)

Ich bringe meine Arbeit zu Ende und gehe zum Hofhaus meiner Freunde, wo ich in einer Atmosphäre voller Gelächter und Musik Sushi-Rollen zubereite. Ich frage mich, ob der Nachbar nebenan wohl zur gleichen Zeit Yabraq (gefüllte Weinblätter) aufrollt.

Später fahre ich zurück nach Hause, lasse die Altstadt hinter mir und komme in meinem neu errichteten, eintönigen Viertel auf der Westseite der Stadt an.

Ein renoviertes Aleppiner Haus im Viertel al-Jallum – © Dima Dayoub (CC-BY-NC-ND)
Modernes Wohnviertel in Aleppo – © Dima Dayoub (CC-BY-NC-ND)

Meine Erzählung über einen einzelnen Tag soll Licht auf die unterschiedlichen Lebensstile und die Vielfalt werfen, welche in dieser historischen Stadt in der Zeit vor dem Krieg existiert hatten. Die lokale Gemeinschaft in den jeweiligen Nachbarschaftsvierteln brachte es  zu Wege, neue Kulturen und Lebensmuster aufzunehmen und sie ihren eigenen Bedürfnissen und Gebräuchen anzupassen, so wie dies auch bereits in der Vergangenheit gemacht worden war. Die lange Geschichte von Aleppo belegt dieses Phänomen  es ist in den vielen Siedlungsschichten aufeinander folgender Perioden zu finden, deren sichtbare Überreste überall im Stadtgefüge ablesbar sind. Manch einer wird diesem Prozess als Beeinträchtigung des baulichen Gefüges entgegentreten, während andere sein Einsetzen als Ergänzung zu den lokalen Besonderheiten betrachten. In beiden Fällen sollte es bei allen zukünftigen Bestrebungen, die Altstadt von Aleppo wieder aufzubauen, ein Anliegen sein, den Geist der reichen Vergangenheit unter fortgesetztem Bezug auf die Vielfalt und die kulturelle Verschiedenartigkeit des lokalen städtebaulichen Erbes zu erhalten; es wäre der Entwurf für ein einzigartiges, zeitgemäßes Image.

ِAutorenschaft von Dima Dayoub

Architektin Stadtforscherin aus Syrien. Arbeitete am Syrian Heritage Archive Project in der Zeit von 2018-2019

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