von Jabbar Abdullah

Der Baumwollanbau gilt als eine der wichtigsten Landwirtschaftszweige von Raqqa. In der Baumwollproduktion steht die Stadt Raqqa an erster Stelle unter den syrischen Städten, mit mehr als  135.000 Hektar Anbaufläche und mehr als 250.000 Tonnen Baumwolle, die jährlich produziert werden. Das Jahreseinkommen aus diesem Landwirtschaftszweig gilt als eine der wichtigsten Einnahmequellen für die Menschen in Raqqa, die vom Landwirtschaften leben. Dieses Einkommen beinhaltet nicht nur Verkauf der Produktion am Jahresende, sondern auch das Einkommen vieler Arbeiterinnen und Arbeitern, die für einen bestimmten Lohn während der langen Saison von Mai bis September arbeiten.

Baumwollsaison in Raqqa
Baumwollernte in Raqqa | Foto: Ali Abdullah

Meine Familie besitzt ebenfalls Ländereien, auf denen mein Vater Baumwolle anpflanzte. Ich erinnere mich noch gut an die Baumwollernte als ich noch ein kleines Kind war. Wir halfen alle mit. Sobald meine Schule um 12 Uhr endete rannte ich nach Hause, warf meine Bücher in mein Zimmer und befreite mich von meiner Uniform. Nach einem schnellen Essen, lief ich rüber auf das Feld. Oft konnte ich meine Mutter in der Menge der vielen Arbeiterinnen nicht finden. Dazu kam, dass ich äußerst schüchtern war. So lief ich statt nach ihr zu rufen durch die Bahnen des Feldes an allen Leuten vorbei und versuchte die Stimme meiner Mutter zu hören.

Oft hatte ich Pech. Aber wenn ich sie fand, freute sie sich immer mich zu sehen. Dann half ich ihr ein bisschen bei der Ernte, brachte ihren Sack zur Waage und versorgte sie mit Wasser. Meine Mutter hatte flinke Finger und verrichtete gute Arbeit – oft versuchte ich ihre Fingertechnik bei der Ernte nachzuahmen und endete nach wenigen Minuten mit blutigen Fingern und müden Händen. Trotz allem könnte ich einiges über die Baumwollernte und dessen verschiedenen Arbeitsphasen lernen.

| Landbewirtschaftung

‎Die erste Arbeitsphase besteht darin, das Land mit speziellen Traktoren zu pflügen, die Samen maschinell zu pflanzen und danach wird das Land in große Quadrate eingeteilt, die oft eine Oberfläche von ungefähr hundert Quadratmetern oder auch mehr haben. Die Seiten der Quadrate werden von Erdhügeln umgeben, von denen jeder eine Höhe von etwa 40 cm und einn Durchmesser von 50 cm hat. Zwischen jeder Reihe von hintereinanderliegenden Quadraten werden entlang des Ackerlandes Bewässerungskanäle gezogen, die eine Breite von mehr als einem Meter habent. Das Ziel bei der Schaffung von Erdhügeln und Bewässerungskanälen besteht darin, die Baumwolle später mit ausreichend Wasser zu versorgen, da Baumwolleeine große Menge Wasser benötigt. Der Bewässerungsvorgang muss mehr als sieben Mal im Laufe der Saison geschehen. Bei jedem Bewässerungsvorgang werden die Bewässerungsplatten vollständig mit Wasser ausgefüllt. Das Gießen wird normalerweise von einer Person durchgeführt, die als saqi (Gießer) bezeichnet wird und ein Werkzeug benötigt, das als karoke (Schaufel) im Volksmund bezeichnet wird. Bei der Bewässerung wird das Wasser durch den Bewässerungskanal geleitet. Zu Beginn jeder Bewässerungsplatte wird eine Öffnung im Erdhügel des Bewässerungskanals gemacht, während gleichzeitig ein Erdhügel im Bewässerungskanal gebildet wird. Auf diese Weise wird das Wasser aufgefangen, damit es in die Zielplatte fließt. Normalerweise benötigt die Bewässerungsplatte einen Zeitraum von mehr als einer halben Stunde, um sich vollständig zu füllen. Der Gießer muss von Zeit zu Zeit eine oder mehrere Runden auf allen vier Plattenerdhügeln laufen, um sicherzustellen, dass die Platte nicht aufgrund des Wasserdrucks Risse bekommt und dann das Wasser austritt. Eine zeitaufwendige Arbeit, aber der Gießer ist schlau und weiß, wir er effektiv Zeit sparen kann: Falls er mehr Zeit zum Essen oder Trinken von Tee haben möchte, teilt er das Wasser gleichzeitig in zwei Platten auf, indem er eine Öffnung in einem der gemeinsamen Erdhügeln macht und so mehr Zeit gewinnt, damit er Brennholzstangen sammeln und unter der Teekanne ein Feuer anzünden kann.  

‎Etwa anderthalb Monate nach der ersten Bewässerungsphase wachsen die Pflanzen etwa zwanzig Zentimeter hoch über dem Boden. Nun muss das Unkraut entfernt werden, das zwischen den Baumwollpflanzen gewachsen ist, was als „Taafesch“ in der Umgangssprache bezeichnet wird. Diese Aufgabe wird oft von Frauen erledigt, die gemeinsam arbeiten. Die Arbeit wird unter Gruppen geteilt, die als Workshop bezeichnet wird. Die Gruppen werden von einem Mann namens „Schawiesch“ koordiniert. Diese freiberufliche Aufgabe wird gewöhnlich von einem Mann ausgeführt, der über langjährige Erfahrung in dieser Arbeit verfügt. Die Qualität seiner Arbeit erfordert Erfahrung, Vertrauen und guten Umgang mit Arbeitern und dem Eigentümer des Ackerlands. Mit jedem Schawiesch arbeiten meist zwanzig und fünfzig Angestellte. Seine Hauptaufgabe besteht darin, zwischen dem Landeigentümer und den Arbeiterinnen hinsichtlich der Arbeitsstunden, der Art der Aufgaben und des Transports der Arbeiterinnen zum Ackerland sowie finanzieller Angelegenheiten zu koordinieren. Am Ende ist der Schawiesch der erste und letzte Verantwortungsträger zwischen den beiden Parteien und dafür muss er sicherstellen, dass der Ackerlandeigentümer mit der Arbeit zufrieden ist. 

| Unkrautjäten und Beschneiden der Sträucher  

Zu Beginn jeder Saison setzen sich die Ackerlandeigentümer mit dem Schawiesch in Verbindung, um Termine für die Taafesch-Phase und die nachfolgenden Phasen zu bestimmen. Jeder Schawiesch nimmt normalerweise mehr als 40 Hektar pro Jahr an, abhängig von der Anzahl seiner Angestellten in seinem Workshop.

Baumwollsaison in Raqqa
Arbeiter in ihrer Pause | Foto: Ali Abdullah
Baumwollsaison in Raqqa
Arbeiter in ihrer Pause | Foto: Ali Abdullah

Die Taafesch-Phase, also das Unkrautjäten beginnt normalerweise um fünf Uhr morgens. Nach zwei Arbeitsstunden wird eine  Frühstückspause zu machen. Für die Frühstückspause bereitet der Schawiesch große Teekannen vor, in denen fünf Liter Wasser mit Reisegas gekocht werden können – eines der wichtigsten Werkzeuge des Schawiesch. Nach der Pause wird die Arbeit bis elf Uhr mittags fortgesetzt, wenn die Mittagshitze so heiß zum Arbeiten wird, dass. Zu dieser Zeit bringt der Schawiesch die Arbeiterinnen zu ihren Häusern zurück, damit sie eine längere Mittagspause haben. Nach der Pause arbeiten sie nochmal drei Stunden bis zu ihrem Feierabend. Zum Unkrautjäten benötigt man eine Spitzhacke, mit dem Unkraut zwischen Baumwollpflanzen durch das Herausschneiden der Unkrautwurzeln entfernt wird. Hier spielt die Geschicklichkeit eine wichtige Rolle, damit die benachbarten Baumwollbäume nicht beschädigt werden, wenn sie das Unkraut mit der Spitzhacke entwurzelt.

Nach der Taafesch-Phase folgt das Beschneiden der Pflanzen, in der die Dichte der Baumwollbäume durch manuelles Pflücken der überschüssigen Baumwollpflanzen verringert wird. Diese Phase ist wichtig, um einen bestimmten Abstand zwischen einem Baum und dem anderen zu schaffen. Die Bäume müssen später ausreichend Abstand haben, damit die Zweige atmen und sich ohne aneinanderzuschlagen im Wind bewegen können. Die einzeln gepflückten Baumwollpflanzen werden normalerweise in große Säcke gefüllt, um sie an die Schafe und das Vieh zu verfüttern.

Danach werden die Pflanzen mit einem chemischen Düngemittel gedüngts, um die Wurzeln der Pflanze zu stärken und ihr die erforderliche Fruchtbarkeit zu verleihen. Diese Phase wird gewöhnlich von Männern durchgeführt und findet in zwei verschiedenen Zeiträumen statt. Nach jeder Phase muss das Feld direkt am selben Tag bewässert werden, damit die Pflanzen nicht von der Hitzeentwicklung durch das Düngemittel verbrennen. Die Befruchtungsphase ist eine schnelle Phase, in der nur die Hände verwendet werden. In dieser Phase bekommt der Arbeiter eine bestimmte Menge Dünger in einem Stück Stoff. Dieser Schal wird von seinen vier Seiten an die Taille des Arbeiters gebunden, damit er am Ende etwas formt, das wie eine von oben offene Tasche aussieht. Der Mann nimmt dann eine Handvoll Dünger, um sie ebenmäßig nach links und rechts zu verteilen.

Nach einigen Monaten erreichen die Baumwollbäume eine Höhe von mehr als 60 Zentimetern, wobei die Blätter dicht und breit geworden sind und eine hellgrüne Farbe haben. An ihren Zweigen hängen die Baumwollblumen, die zu reifen begonnen haben.

| Die Saison des Baumwollpflücken

Im September beginnt die Baumwollerntephase. Sie wird von bestimmten Aktivitäten begleitet, die der allgemeinen Atmosphäre eine wunderbare Stimmung und eine Freude an der Ernte und ihrem Gewinn für alle Menschen der Stadt verleihen.

Der erste Tag beginnt mit einer morgendlichen Rundfahrt, wobei der Schawiesch bei den Häusern aller Angestellten nacheinander ab vier Uhr morgens hupend vorbeifährt, um sie einzusammeln. Die Dauer der Rundfahrt und der Zugang zum Ackerland dauert ungefähr eine Stunde. Sobald das Ackerland erreicht wird, werden alle auf die Fläche mit zwei Metern Abstand. Dieser Abstand definiert die jeder zugewiesene Erntefläche, die sich vom Beginn des Feldes bis zu dessen Ende erstreckt. Die Arbeiterin benötigt einen Plastiksack, um die Baumwolle zu sammeln, die sie pflückt. Die Arbeiterin legt die Ernte nicht sofort in die Tasche, sondern sammelt vorher das, was sie gepflückt hat, in einem für diesen Zweck passenden Rock, den sie trägt; sie biegt ihr Kleid und bindet es an die Taille, wodurch eine kleine Lücke entsteht, in die sie die gepflückte Baumwolle legt und wenn der Rock mit zwei oder drei Kilogramm gefüllt ist, leert sie die Menge in die Plastiktüte.

Nachdem die Tasche voll ist, bringt sie diese zur Waage, damit der Schawiesch die Baumwolle wiegt. Danach schreibt er das Gewicht mit Datum und Uhrzeit auf die für jede Arbeiterin vorgesehene Seite.

Verpacken der Baumwolle

Nach dem Wiegen nimmt einer der Männer die Plastiktüte, um sie in einen Jutesack zu entleeren, der etwa 200 Kilogramm Baumwolle enthalten kann. Dort werden sie von den Männern mit ihren Füßen komprimiert. Der Sack wird gewöhnlich in ein gegrabenes Loch platziert, um ihn zu fixieren. . Nachdem der Jutesack gefüllt ist, wird seine Öffnung mit einem speziellen Baumwollfaden netzförmig vernäht.

Baumwollsaison in Raqqa
Verpacken der Baumwolle | Foto: Ali Abdullah

Jede Arbeiterin erntet normalerweise zwischen siebzig und achtzig Kilogramm pro Tag. Die Arbeit in der Erntesaison wird aufgrund des kühleren Wetters von morgens bis abends ohne zwischenzeitliche Pause fortgesetzt. Die Zeit vergeht normalerweise schnell. Die Frauen sprechen während der Arbeit miteinander und von Zeit zu Zeit sind von hier und da Gesänge zu hören und manchmal kommt es zu leichten Streitigkeiten, insbesondere wenn eine Arbeiterin die Reihe der anderen Arbeiterin überschreitet. Der Shawiesh ist verantwortlich dafür die Arbeit anhand der geernteten Büsche zu bewerten. Wenn die Baumwollbüsche keine Wollreste enthalten, war die Arbeiterin gut und die Ernte ist sauber.

Baumwollsaison in Raqqa
Überprüfung der Baumwolle | Foto: Ali Abdullah

Quality Check

Der Schawiesch schaut sich den Inhalt der Plastiktüten genau an, während er in den Jutesack geleert wird, um sicherzustellen, dass die Baumwolle sauber und frei von Baumwollbaumblättern und Buschwerk ist. In die Baumwolle gemischte Blätter wirken sich auf den Ackerlandeigentümer aus, wenn er die Ernte verkauft, da diese von Spezialisten untersucht und bewertet werden, was sich auf den Preis auswirkt.

Nach Beendigung der Ernte wird die Baumwolle in einem von einem Traktor gezogenen Anhänger zum staatlichen Baumwollzentrum transportiert. Dort warten die Fahrer aufgrund der großen Anzahl von Traktoren oft ein oder zwei Tage unter freiem Himmel daraufan die Reihe zu kommen,. Nach etwa zwei Monaten gibt der Staat eine Entscheidung bekannt, wie hoch die Erntesummen ist, die an die Landwirte ausgezahlt wird. Dann geht jeder Landwirt mit der dafür ausgegebenen Quittung zu einem bestimmten Zentrum, um sein Geld abzuholen. Danach kommuniziert jeder Bauer mit dem Schawiesch, um ihm das Ernteentgelt zu übergeben. Der Schawiesh macht seinerseits eine Rundfahrt mit seinem Auto zu den Häusern aller Arbeiterinnen, während er das Geld in einer großen Tasche trägt. Er hält sich gut eine halbe Stunde in jedem Haus auf, wo er von den Arbeiterinnen des Hauses umgeben ist, sein Notizbuch öffnet und die Erntemenge jeder Arbeiterin berechnet. Das Feiern beginnt, wenn die Arbeiterinnen ihr Entgelt bekommen haben.

| Galerie: Baumwollernte an anderen Orten in Syrien

Titelbild: Kimberly Vardeman – CC BY 2.0

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