von May Ghazaleh

Ich möchte dir gerne eine Geschichte aus meiner Heimatstadt Aleppo und dem Ort, aus dem meine Vorfahren stammen, Judaydeh, erzählen.

Ich wurde in Aleppo als Tochter eines syrischen Vaters und einer italienischen Mutter geboren. Meine Familie ist christlich und stammte aus einer bedeutenden Bankerdynastie der Stadt. In den 60er Jahren war Aleppo eine sehr kosmopolitische Stadt und Menschen aller Religionen lebten friedlich zusammen. In der katholischen Franziskanerschule, die ich besuchte, waren meine Freunde Christen, Muslime und Juden. Religion war niemals ein Thema. Unsere Familien haben sich im berühmten Aleppo Club getroffen. Wir lebten alle in perfekter Harmonie zusammen, wachten mit dem Klang des Muezzin und der Kirchenglocken auf und gingen zur Schule.

Beit Ghazaleh: Das Haus meiner Urgroßeltern

ʿAjami-Dekoration im Empfangsraum (Qaʿa) des Haus Ghazaleh in 1979
(© Jean-Claude David, CC-BY-NC-ND)

Im Alter von 14 Jahren brachte mich mein Vater zum ersten Mal nach „Beit Ghazaleh“, um mir zu zeigen, wo meine Urgroßeltern gelebt haben. Zu dieser Zeit war das Haus zwar noch im Besitz meiner Familie, aber es wurde als armenische Schule genutzt (im frühen 20. Jahrhundert war hier eine deutsche Schule untergebracht). Ich erinnere mich noch genau an die sehr einfache Eingangstür. Als ich durch diese trat, war ich von dem Gegensatz zum Inneren überwältigt. Die Innenausstattung war beeindruckend und noch sehr gut erhalten. Mein Vater brachte mich auf den Hof und erzählte mir alles über die kostbaren Erinnerungen, die für ihn mit diesem Haus verbunden waren. Er sprach über den Kamin, der jedes Mal, wenn er angezündet wurde, den Geruch von Zitrone verbreitete. Und das große Hamam, eines der ersten in einem privaten Haus in Aleppo.

Dieses Haus war viel mehr als nur ein Beispiel für die osmanische Architektur des 17. Jahrhunderts. Es war mein Erbe, die Geschichte meiner Familie. Mein Urgroßvater, Fathalla Ghazaleh, und seine Familie waren die letzten, die in diesem Haus lebten. Und Ende des 19. Jahrhunderts verließen sie das alte Viertel von Judaydeh und zogen in ein moderneres und komfortableres Haus nach al-ʿAziziyya. Sie haben jedoch die ‚Ghazale‘-Holztafeln der alten privaten Kapelle geborgen, um damit ihr neues Zuhause in al-ʿAziziyya zu dekorieren. Diese Tafeln befinden sich heute im Robert Mouawad Private Museum in Beirut. Sie stammen aus der Sammlung von Henri Philippe Pharaon. Es sind die einzigen Holztafeln des Hauses, die noch übrig sind.

Beit Ghazaleh: Das Haus meiner Urgroßeltern

Westseite des Innenhofes von Beit Ghazala in 1995 (© Julia Gonnella, CC-BY-NC-ND)

Im Jahr 1965 sind wir wie viele andere Familien aus wirtschaftlichen Gründen in den Libanon ausgewandert. Meine Liebe zu Aleppo, aber, hat nie nachgelassen. Von Zeit zu Zeit kehrte ich in meine kostbare Stadt zurück, um meine Freunde und Familie zu besuchen. In den 80er Jahren ging ich zurück nach Bayt Ghazaleh. In der Zwischenzeit war das Haus an die Generaldirektion für Altertümer und Museen von Aleppo (Directorate Generale of Antiquities and Museums – DGAM) verkauft worden. Alles war wie ich mich daran erinnert hatte, das Haus war leer und verlassen. Es gab nur einen alten Wächter, der den Hof als Geflügelfarm nutzte. Überall waren Hühner. Es stimmte mich traurig. Das Haus meiner Vorfahren sollte nicht in diesem Zustand sein. Ich fühlte mich hilflos. Erst um das Jahr 2007 gelang es der DGAM Aleppo, Gelder für die Sanierung und Restaurierung des Hauses zu sammeln, um darin das Museum der Erinnerung aufzubauen.

Im Jahr 2010 wurde ich dann mit Mark Ghazaleh bekannt gemacht, einen Cousin, den ich bisher nie getroffen hatte, der aber meine Leidenschaft und mein Interesse für das Haus unserer Vorfahren teilte. Diese Begegnung war der Beginn einer gemeinsamen Ahnenforschung, um einen tieferen Einblick in unseren Stammbaum und die Menschen zu bekommen, die Bayt Ghazaleh bewohnt hatten. Wir waren beide gespannt auf die Ergebnisse der Renovierung und ich hatte bereits geplant, dem Museum ein Porträt meiner Urgroßeltern anzubieten, das früher die Wände des Hauses schmückte. Besonders stolz war ich auf meine Großmutter Marie Ghazaleh, die vom Sultan Abdul Hamid II. als Orden ein Wohltätigkeitsmedaillon erhalten hatte, welches eine ausgewählte Frau nur für herausragende humanitäre Arbeit erhalten konnte. Diese Auszeichnung enthielt ein Gedicht, das ein Dichter aus Aleppo 1895 an Marie richtete.

Beit Ghazaleh: Das Haus meiner Urgroßeltern

Beit Ghazaleh in 1995 © Julia Gonnella (CC-BY-NC-ND)

Im Jahr 2011 entschied das Schicksal anders. Der Krieg brach in Syrien aus und Aleppo wurde schwer getroffen. Das Haus wurde all seiner dekorativen Holztafeln beraubt und durch eine Explosion schwer zerstört, was uns mit gebrochenen Herzen zurückließ. Obwohl der Schaden im Vergleich zu all dem Schmerz und Leid, welche die Bevölkerung von Aleppo ertragen musste, unbedeutend zu sein scheint, war ich zutiefst verletzt von dieser Zerstörung und all den Erinnerungen, die zerschmettert worden waren. Dieses unglückliche Ereignis bestärkte meinen Wunsch wie auch den von Mark, die Geschichte von Beit Ghazale mit anderen zu teilen und unser Erbe in dem Buch „Alep, la maison Ghazalé: Histoire et devenirs“ von Jean-Claude David und François Cristofoli festzuhalten.

Mein größter Wunsch ist, dass dieses prestigeträchtige Haus eines Tages auf friedlichem Land vollständig restauriert wird; alles, was gestohlen wurde, an seinen ursprünglichen Ort zurückkehrt und die nächste Generation wird in der Lage sein, die charmante und faszinierende Architektur syrischer Häuser zu sehen. Ich hoffe sehr, dass unser Erbe und die Geschichte, die wir hinterlassen, der Stadt hilft, wieder zu dem zu werden, was sie einmal war. Für Aleppo, für uns Syrer, aber auch für unsere Kinder und Kindeskinder und die kommenden Generationen. So dass alle eines Tages Zeuge unseres Erbes werden und mit der gleichen Art bewundern, wie ich es im Alter von 14 Jahren tat.

Read the book Alep, la maison Ghazalé: Histoire et devenirs and the report about the missing ʿAjami wooden panels from Bayt Ghazala.


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