von Prof. Stefan Weber

Es ist schwer zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn man bei trockener Hitze stundenlang schwer bepackt mit Kamera, Stativ und Katasterplänen durch die Altstätte von Damaskus und Aleppo läuft und die Augen und Beine bereits müde sind… Wenn man seit Monaten auf der Jagd nach besondere Architektur ist und trotzdem nicht aufhören kann, weil die eigene Entdeckungslust Einen vorantreibt. Auf Verdacht an eine Tür klopft und seinen Standardspruch sagt: „Ich bin ein deutscher Wissenschaftler, der die Altstadt erforscht und würde gern Ihr Haus sehen. Wäre es möglich….“ Wenn nach kurzem Schweigen dann ein „Augenblick bitte“ erklingt, gefolgt von einem emsigen Treiben auf dem Hof. Dann steigt die Vorfreude. Und wenn dann die Tür aufgeht und man durch einen dunklen Korridor in einen grünen Innenhof tritt und sich ein kleines Paradies eröffnet. Orangen, Jasmin, ein Brunnen und sehr oft wunderbar gestaltete Fassaden.

Zugegeben, meine Erinnerung ist ein wenig geschönt. Hunderte Male waren die Häuser aufgeteilt, die Brunnen kaputt, der Hofgarten kein Paradies mehr. Doch immer wieder überraschte mich Syrien mit wunderschönen traditionellen Hausstrukturen und einem wunderbar ausdekorierten Empfangsraum.

Das Aleppozimmer…ganz persönlich

Modell des Empfangsraumes des Aleppozimmers
(© Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Foto: Georg Niedermeiser)

Fast jedes Haus in Syrien verfügte über ein solches Zimmer für Besucher – bei wohlhabenden Kaufleuten war es prächtig gestaltet. Hier traf sich der Besitzer mit Geschäftspartnern am Vormittag, während es abends bei Hausmusik und ebenfalls viel Besuch etwas unterhaltsamer vonstatten ging. Die Organisation der Räume ermöglichte zusammen mit der Lichtführung, den Wassergeräuschen und den Düften aus dem Innenhof ein unglaubliches Fest der Sinne. Der Empfangssaal und die weiteren Wohnräume gruppieren sich typisch für vormoderne Häuser Syriens um einen Innenhof. Gäste traten vom Hof aus in einen mit Marmor ausgelegten quadratischen Schwellenbereich, zogen sich dort die Schuhe aus, um sich dann auf niedrige Diwane niederzulassen. Der zentrale Eingangsbereich verfügte über einen mittigen Brunnen und war mit einer Kuppel überdeckt, während die drei davon abgehenden Sitzbereiche mit Teppichen ausgelegt waren. Licht drang durch die Fenster zum Hof, die Fenster im Tambour und die gläsernen Bullaugen der Kuppel.

Besonders faszinierten mich die mit reich bemalten Holzvertäfelungen verkleideten ‘Ajami Räume. Die älteste datierte und künstlerisch mit Abstand wertvollste Holzvertäfelung aus Aleppo ist das Aleppozimmer, welches sich im Museum für Islamische Kunst befindet. Es stammt aus dem vor dem Krieg als Hotel genutzten Wohnhaus Bait al-Wakil und war die Wandvertäfelung des Empfangssaales (Qa’a).

Betrat man im 17. Jahrhundert den Raum, breitete sich vor den Besuchern ein großartiges Panorama von floralen und figürlichen Themen aus, von Gedichten und Sinnsprüchen, die die kulturelle Bildung und finanziellen Möglichkeiten des Hausherren zur Schau trugen. Das reiche Bildprogramm und die fein kalligraphierten Texte boten reichliche Themen für kultivierte Zerstreuung am Abend. So unterhalten Ringkämpfer und Gauklerdarstellungen die Betrachter. Prächtige Pfauen, Paradiesvögel, Hasen, Enten, ein Bär, und andere Tiere beleben die Wände. Chinesisch aussehende Fabelwesen, wie beispielsweise der mystische persische Vogel Simurgh als Phönix oder ein in Tibet lebender geflügelter Löwendrache (Ṣannāja) in Form des chinesischen Fabeltiers Qilin führen in eine phantastische Tierwelt.

Während meiner damaligen Entdeckungstouren als angehender Forscher hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich eines Tages der ‚Chef‘ oder besser der Kurator – im wahrsten Sinne des Wortes – des Aleppozimmers sein würde.


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