von Rolf Brockschmidt

Im Jahr 1977 war Rolf Brockschmidt als Student Teilnehmer einer archäologischen Bestandsaufnahme am Khabur in Nordostsyrien für den Tübinger Atlas des Vorderen Orients.

Karte des Zweistromlandes zwischen Euphrat und Tigris
Karte des Zweistromlandes zwischen Euphrat und Tigris | Hiba Bizreh (CC-BY-NC-SA)

Die Leitung der Expedition lag bei Professor Wolfgang Röllig von der Universität Tübingen. Dabei wurde Tell Scheich Hamad (Tall ash-Shaykh Hamad) als bedeutende Provinzhauptstadt Dur-Katlimmu entdeckt, die Hartmut Kühne, ebenfalls Expeditionsteilnehmer, seit 1978 an der Freien Universität (seit 1980 als Professor) ausgräbt. Die fünf Teilnehmer der Expedition waren sich damals der Tatsache bewusst, dass der letzte deutsche Archäologe in dieser abgelegenen Gegend Nordostsyriens Baron Max von Oppenheim war, als er 1929/30 den Khabur entlang reiste.

Die Expedition unternahm Erkundungen in der Region. In der ersten Hälfte der Zeit fuhren wir von der Provinzstadt Hasaka im Norden aus den Khabur entlang nach Süden, um bedeutende Siedlungshügel (Talls) zu vermessen, Scherben zu sammeln, zu fotografieren und in Karten einzutragen, in der zweiten Hälfte von Dayr az-Zawr aus nach Norden. Gerade die systematische Kartierung der Siedlungshügel hatte von Oppenheim nicht vorgenommen. Die Flussaue des Khabur ist grün und fruchtbar, doch oben auf dem Plateau reicht der Blick weit über ein flaches Land, karg, staubig, mit einer steppenartigen Vegetation. Es war heiß im August, außergewöhnlich heiß, einen Monat lang hatten wir bis zu 45 Grad im Schatten – und Schatten gibt es in der Jazira, wie diese Gegend heißt, kaum. Die Dörfer lagen auf dem Plateau meist in Flussnähe, ein paar Lehmziegelbauten, die wie Fremdkörper in der Ebene lagen. Nicht wenige hatten einen Tall in der Nähe, der sich markant aus der Ebene erhob – ein Zeichen vorzeitlicher Besiedlung. Ab und zu begegneten einem Kinder, die Schafe hüteten oder Frauen, die mächtige Bündel mit Reisig oder Viehfutter auf dem Rücken schleppten – ganz wie zu Oppenheims Zeiten.

Blick vom Tall Hamidiyya auf die Ebene mit dem Wadi Jarjar und Feldern
Blick vom Tall Hamidiyya auf die Ebene mit dem Wadi Jaghjagh und Feldern | Karin Pütt (CC-BY-NC-ND)
Das Dorf Tall Hamidiyya mit dem Grabungshaus (links)
Das Dorf Tall Hamidiyya mit dem Grabungshaus (links) | Karin Pütt (CC-BY-NC-ND)

Wann immer wir mit unserem VW-Bus in ein Dorf kamen und den Theodoliten auf den Tall schleppen wollten, kamen Kinder und Erwachsene neugierig herbei, um uns zu begrüßen und zu bestaunen. Die Verständigung lief über unseren ständigen Begleiter, den damaligen Museumsdirektor von Dayr-az-Zawr, Assad Mahmoud.

In einem kleinen Dorf am Khabur: fremde Besucher werden willkommen geheißen
In einem kleinen Dorf am Khabur: fremde Besucher werden willkommen geheißen | Karin Pütt (CC-BY-NC-ND)

Eines Tages trafen wir in Tall Knaydij Nord ein, einem kleinen Ort am Siedlungshügel. Als wir ausstiegen, um uns umzuschauen, kam uns die übliche Delegation entgegen, angeführt von einem würdigen älteren Herrn mit weißem Bart. Nach dem Begrüßungsritual wollte er wissen, wer wir seien, was wir hier wollten und woher wir kamen. Meistens dachten die Dorfbewohner, wenn sie unseren Theodoliten sahen, wir seien das Vorauskommando für den Staudammbau – manche hielten uns für Spione Israels, aber das war die Minderheit.

Als der alte Mann erfuhr, dass wir deutsche Archäologen seien, hellte sich seine Miene deutlich auf. „Ja, da war schon einmal jemand hier, vor langer Zeit, der Baron, aber der Name…“ „Max von Oppenheim“, sagte Assad Mahmoud und der alte Mann erinnerte sich plötzlich: „Ja, so hieß er, und ich war damals sein Eselsführer, als junger Mann.“

Damit konnten wir die Untersuchung von Tall Knaydij Nord vergessen. Kein Scherbensammeln, keine Vermessung – wir wurden zu seinem Haus eingeladen, einem größeren rechteckigen Lehmziegelbau, der allerdings schon bessere Tage gesehen hatte. Oben am Dach waren ringsum große Neonleuchten angebracht – Zeichen seines bescheidenen Wohlstands. Niemand im Dorf hatte Neonleuchten am Haus.

Der Eselsführer von Max von Oppenheim
Eselsführer Max von Oppenheims bei einer Rast auf dem Rückweg vom Tall Halaf 1913 | Max Freiherr von Oppenheim Stiftung, Köln
Der Eselsführer von Max von Oppenheim
Bei der Ausgrabung des Tall Halaf durch Max von Oppenheim im Jahr 1912: Fund von zwei umgestürzten Skulpturen, die einst das Skorpiontor bewachten (10./9. Jh. v. Chr.) | Max Freiherr von Oppenheim Stiftung, Köln

Der damalige Eselsführer von Max von Oppenheim stellte sich als Shaykh Khidr al-Muslat vom Stamme der Jbur vor, und nach Sitte der Beduinen wollte er uns nun bewirten. Er stellte uns seiner Frau vor, die sich ihrer Rolle als Frau des Shaykhs bewusst war. Sie trug ein schwarzes Gewand, verschwand nach der Begrüßung sogleich im Haus und kehrte bald danach wieder. Zu unseren Ehren hatte sie ihren ganzen Goldschmuck angelegt, eine lange schwere Kette mit vielen Goldstücken und Münzen sowie schwere Armbänder. Wir ließen uns vor dem Haus im Schatten auf Teppichen nieder und bekamen Tee, Zigaretten, Bonbons, Parfüm und ein vorzügliches Essen gereicht, das in der Eile für uns zubereitet wurde – ein Eintopf aus Fleisch, Auberginen, Zwiebeln und Lauch sowie Fladenbrot. Es war vorzüglich.

Der Shaykh entschuldigte sich für das in seinen Augen karge Mahl, es sei eben Ramadan und man faste, aber hätte er gewusst, dass wir kommen, er hätte einen Hammel für uns schlachten lassen. Beduinische Gastfreundschaft, wie auch Max von Oppenheim sie erlebt und beschrieben hat. Der Shaykh klagte ein wenig über die Zeiten – damals war Syrien eine sozialistische Republik. Früher habe er über 20 Dörfer geherrscht, jetzt bleibe ihm nur noch dieses eine. Aber sein Bruder, der Shaykh von Tall Brak, habe wohl dank seiner guten Beziehungen zur saudischen Königsfamilie, die offenbar Druck auf die Regierung ausgeübt habe, sein Vieh und seine Ländereien zurückbekommen und sei wieder ein reicher Mann.

Aber er freute sich, dass er nun Gäste aus Deutschland bewirten konnte, die wie der Baron gekommen waren, um diese Gegend Syriens zu erforschen. Ob er noch mehr über Oppenheim und die damalige Reise erzählt hat, geben weder Tagebuch noch Erinnerung her, aber den Eselsführer des Barons in einem kleinen Dorf am Khabur getroffen zu haben, wird uns ewig in Erinnerung bleiben. Am Nachmittag sind wir nach Hasaka zurückgekehrt und mein Tagebuch vermerkt lapidar: „Danach das Übliche: Scherbenwaschen.“ 


Mit freundlicher Genehmigung des Tagesspiegels, in dem der Artikel im Jahr 2011 erstmalig erschien.

Max Freiherr von Oppenheim ist in archäologischen Kreisen besonders durch seine Entdeckung des prähistorischen Siedlungshügels von Tell Halaf bekannt. Nach der tragischen Zerstörung der archäologischen Funde während des Zweiten Weltkrieges in Berlin wurden die Objekte ab 2001 durch ein großangelegtes Restaurierungsprojekt des Vorderasiatischen Museums restauriert und 2011 in der Sonderausstellung Die geretteten Götter aus dem Palast von Tell Halaf ausgestellt. Der Tagesspiegel berichtete von der Ausstellung in mehreren Artikel, die unter anderem auch Ausschnitte des Tonarchivs von Max von Oppenheim zeigen.


ِAutorenschaft von Rolf Brockschmidt: Rolf Brockschmidt hat Germanistik, Niederlandistik und Geschichte in Berlin und Utrecht studiert und arbeitet seit 1982 als Redakteur und seit 2018 als Autor für den Tagesspiegel. Als Zeichner hat er 1974 an der Grabung in Kamid el Loz, Libanon, und 1977 an dem Survey des Tübinger Atlas des Vorderen Orients am Khabur, Syrien, teilgenommen.

ِAutorenschaft von Syrian Heritage Archive Project

Gemeinschaftsprojekt zur Digitalisierung von Beständen des syrischen Kulturerbes aus Deutschland (Museum für Islamische Kunst in Berlin und Deutsches Archäologisches Institut) in der Zeit von 2013-2019

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