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  2. Musikalische Diversität in Syrien
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  7. Der Klang von Dayr az-Zawr
  8. Muwashahat: Eine Erinnerung aus Damaskus

von Obeid Alyousef

Obeid Alyousef ist ein Musiker aus Syrien, der an einem Buch für die Dokumentation des gefährdeten musikalischen Erbes seiner Heimat Dayr az-Zawr arbeitet. Dayr az-Zawr ist eine Region mit gleichnamiger Stadt im Osten von Syrien, die am Euphrat liegt. Sie gehörte zu den am stärksten betroffenen Gebieten, die unter der Kontrolle des sogenannten Islamischen Staates gelitten haben. In Interview erzählt Obeid Alyousef von seiner persönlichen Verbindung zu dieser Region, ihrer musikalischen Traditionen und was getan werden muss, um das kulturelle musikalische Erbe von Dayr az-Zawr zu retten.


Obeid, wie bist du zur Musik gekommen und was verbindet dich mit Dayr az-Zawr?

Ich bin 1986 in Dayr az-Zawr geboren und in einer künstlerischen Familie aufgewachsen. Mein Vater war Kunstmaler und als Kind habe ich viel Zeit in seinem Atelier verbracht. In unserem Haus gab es ein Instrument, nämlich die Oud, die sich in einem Schrank befand. Es war das Instrument eines Freundes meines Vaters. Als Kind wollte ich dieses „Ding“ immer ausprobieren. Natürlich durfte ich die Oud nicht anfassen.  Mein Vater erzählte mir später, dass  ich jeden Tag weinte und schrie: „Ich will das Ding hier!“. Ein paar Jahre später begann mein Bruder Oud zu spielen. Ich fing an, heimlich von ihm zu lernen. Später suchte mein Vater einen Lehrer für mich und dann habe ich mich an der Musikfakultät in Homs beworben und dort ein Musikstudium absolviert. Ich war danach als Dozent an der Universität in Homs tätig. Während dieser Zeit begann der Krieg in Syrien und alles lief anders als geplant. Es war nicht leicht, normal in Syrien weiterzuleben. Ich habe Syrien verlassen und bin Ende 2015 nach Deutschland gekommen.  Seitdem arbeite ich als Musiker, und habe Orchesterprojekte und kleinere Musikprojekte. Aber Dayr az-Zawr bleibt meine Heimat, in der ich kulturell verwurzelt.

Dayr az-Zawr, Hängebrücke über den Euphrat
Hängebrücke über den Euphrat in Dayr az-Zawr © Claus-Peter Haase (CC-BY-NC-SA)
Straßenszene in einem Suq von Dayr az-Zawr
Straßenszene in einem Suq von Dayr az-Zawr © Jean-Claude David (CC-BY-NC-ND)

Wann hattest du erstmals die Idee, den Fokus deiner Forschung auf Dayr az-Zawr zu richten?

In 2008 hatte ich erstmals die Idee, das musikalische Erbe am Euphrat zu dokumentieren. Ich fing an, nach Literatur und Aufnahmen zu suchen, konnte aber nichts finden. Es gab lediglich zerstreute Aufnahmen von Hochzeiten oder bestimmten Anlässen. Und ich hatte einige Aufnahmen von meinem Vater und einiger anderer Bewohner aus der Stadt. Mein Vater hat diese Traditionen geliebt.

Jedes Mal wenn er mit seinen Freunden musizierte, hat er es aufgezeichnet. Wir haben diese Aufnahmen als Familienarchiv aufbewahrt. Glücklicherweise sind diese Aufnahmen noch erhalten, darunter Aufnahmen aus den 1940ern und ältere. Man kann kaum verstehen, was gesungen wird. Also begann ich, einige Lieder zu sammeln, die ich finden konnte.

Video mit Musikaufnahmen aus Dayr az-Zawr (Quelle: Youtube)

Ich habe damals mit einem Freund daran gearbeitet und wir wollten es in einem Buch publizieren. Dann kam der Krieg und unser Haus wurde in Brand gesetzt. Mit dem Brand verloren wir unsere Instrumente und einen Teil unserer Dokumentation. Aber ich habe weiterhin vor, an der Dokumentation zu arbeiten. Die Situation hat sich seither natürlich verändert. Jetzt wird das Buch auf Deutsch veröffentlicht und ich werde die Texte sowohl mit lateinischen als auch arabischen  Buchstaben schreiben. Es wird auch theoretisch erklärt, warum dieses Lied in dieser Form gespielt wird, welche Tonleiter es hat und wie man sie am besten spielt. Dies ist wichtig, damit die Tonleiter für Europäer verständlich ist, da sie keine Vierteltöne kennen.

Was ist besonders an der Musik aus Dayr az-Zawr?

Der Name Dayr az-Zawr bedeutet auf Deutsch soviel wie „das Kloster der Besucher“. Das Wort Dayr heißt Kloster, und Zawr bedeutet Besuch. Es gibt eine Erzählung, die besagt, dass die Stadt diesen Namen trägt, weil es eine Klosteranlage gab, zu der Besucher gehen konnten, wenn sie keinen Platz zum Schlafen finden konnten. Sie fanden dort bei Nacht einen Unterschlupf. Ob das wahr ist, weiß ich nicht. Aber diese Tradition der Gastfreundlichkeit ist Teil in unserer Kultur. Jetzt im Krieg hat sich das sicherlich verändert.

Der Euphrat fließt durch unsere Stadt und es wird ein bestimmter Dialekt gesprochen. Genauso ist es mit der Musik. Wenn wir die Feinheiten und unscheinbaren Details der Kultur in Dayr az-Zawr unter die Lupe nehmen, können wir klar erkennen, dass politische Staatsgrenzen oft und nicht zwangsläufig kulturelle Grenzen reflektieren. Unser Dialekt ist stark aus dem Irak und der Türkei beeinflusst. Wir sprechen mit einem bestimmten Akzent, der dem Irakischen sehr ähnelt. Viele Wörter aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch haben wir aus dem Türkischen übernommen. Wir singen bestimmte Lieder auf Hochzeiten oder wenn wir die Grundschule beendet haben.

Video mit Musikaufnahmen aus Dayr az-Zawr (Quelle: Youtube)

Wir tanzen bestimmte Tänze. Wenn der Gebetsruf aus dem Minarett der Moscheen in Dayr az-Zawr erschallt, hören wir eine Tonskala und Töne, während sich der Gebetsruf in Aleppo ganz anders anhört – das ist ganz natürlich, denn an jedem Ort nehmen wir neue Klänge und Rhythmen auf und wandeln sie zu etwas Neuem um. Es gibt bestimmte Gesangsarten, die nur in Dayr az-Zawr, in der Region am Euphrat, gesungen werden. Das Besondere ist, dass in Dayr az-Zawr besondere Frequenzen und Mikrotöne entwickelt wurden. Es ist wie bei verschiedenen Akzenten einer Sprache: Ich kann drei Töne eines Stückes hören und weiß sofort, dass es aus Dayr az-Zawr kommt. Im Gegenzug dazu, gibt es natürlich Lieder und Klänge, die man überall in Syrien hört. Aber in jeder Region gibt es eine besondere Art und Weise wie man improvisiert und musiziert.

So kann es beispielweise vorkommen, dass du den gleichen Text in drei, vier oder fünf verschiedenen Varianten findest. Oftmals ist es die gleiche Melodie aber ein bisschen anders gesungen. Manche singen nur bis zur Dominante und manche singen bis zur Subdominante, andere gehen höher. Es sind bekannte Lieder, die man überall singt, aber in verschiedenen Interpretationen, sich oft im Vergleich vom Osten zum Westen in Syrien unterscheiden.

Video mit Musikaufnahmen aus Dayr az-Zawr (Quelle: Youtube)

Warum glaubst du ist es wichtig, das musikalische Erbe von Dayr az-Zawr zu dokumentieren?

Es gibt keinerlei schriftliche Quellen über die Musik in Dayr az-Zawr.  Aber vor dem Krieg gab es das Leben und man konnte immer jemanden finden, der jemanden kennt, der etwas weiß oder eine alte Tonaufnahme hat. Jetzt gibt es das nicht mehr. Wir haben keine Museen in der Region mehr. Für Aleppo und Damaskus gibt es diese Dokumentationen noch, denn die Bibliotheken dort wurden nicht zerstört. In Dayr az-Zawr wurde alles verbrannt, geklaut oder verkauft. Auch in Raqqa, zwei Stunden nördlich von Dayr az-Zawr, ist alles verloren. Instrumente wurden zerstört. Alles, was Kunst war, wurde verboten. Aber es ist noch im Gedächtnis einiger Menschen vorhanden. Die Menschen, die das Wissen haben, werden bald sterben. Viele haben das Land verlassen, und leben heute in der Türkei oder in Jordanien. Aber sie werden nicht ewig leben. Die Zeit rennt uns davon. Ich haben den Wunsch, dieses Erbe zu dokumentieren, denn ist wichtig, dass wir die Traditionen aus dieser Region nicht verlieren. Ich habe außerdem die Idee,  gemeinsam mit einem Sänger die Lieder neu aufnehmen.

Das ist auch aus wissenschaftlicher Perspektive relevant: Mittlerweile gibt es zweifelhafte Videos im Internet von Musikern, die sich als Komponist bestimmter Lieder ausgeben. Quellen könnten dies richtigstellen. Das ist auch aus wissenschaftlicher Sicht wichtig: Youtube-Videos sind keine aufbereiteten, zuverlässigen Quellen und niemand trägt die Verantwortung für deren Korrektheit. Wir brauchen eine klare Dokumentation der Musik samt ihres kulturellen Kontexts. Durch diese Dokumentation würde ich die musikalischen Besonderheiten und Traditionen von Dayr az-Zawr sozusagen globalisieren. Und das ist wichtig. Denn niemand weiß, was dort gesungen wird. Wenn wir jetzt diese Dokumentation schaffen, hat jeder Musiker und Wissenschaftler die Möglichkeit, die einzigartigen Lieder aus dieser Region mit ihrem originalen Klang kennenzulernen, zu studieren und damit zu experimentieren.

Wie weit bist du mit der Dokumentation und welche Herausforderung stellen sich bei deiner Arbeit?

Die erste Entwicklungsphase meines Dokumentationsbuches habe ich bereits fertig. Insgesamt habe ich zwischen 200 und 300 Liedern dokumentiert. Jetzt bin ich in der zweiten Phase, in der ich die Liedtexte kontrolliere und Buchstabe für Buchstabe mit den entsprechenden Noten verbinde. Danach beginne ich mit der Quellenforschung, um die Stücke ihren Komponisten zuzuordnen. Es ist die schwierigste Phase, da ich nicht nach Syrien reisen kann. Es gibt zwar ein paar ältere Menschen, die noch in der Türkei und in Jordanien leben, die mir hierbei helfen könnten. Aber es ist ein großer Aufwand, den ich mir nicht leisten kann. In meiner letzten Phase möchte ich gemeinsam mit deutschen Wissenschaftlern die Musik meiner Heimat für Deutsche verständlich machen. Hierfür muss ich unser Notensystem und unsere Begriffe, in das deutsche Notensystem und das deutsche Vokabular übersetzen. Danach kommt die Veröffentlichung. Ich habe bisher jedoch keine Sponsoren gefunden. Aber ich werde nicht aufgeben.

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