von Dr. Saria Almarzook

In Damaskus, der ältesten Hauptstadt der Welt mit ihren einhundertfünfzig Märkten (suq), kann man noch die „Ruinen“ des berühmten Surujiyya Markts sehen. Der Markt liegt nördlich des Suq al-Hamidiyya und Suq al-Khaja. Im Westen grenzt er an die Mauern der historischen Zitadelle von Damaskus und des ‘Tor des Geheimnisses’, mit Blick auf die Ufer der Flüsse Banias und Barada, gegenüber der Sanjaqdar Moschee (Ibn al-Mabrid, 1939). Früher lag er orthonogal zum Zarabiliyya Suq, bevor dieser abgerissen wurde. Im Osten grenzt der Suq as-Surujiyya an traditionelle syrische Wohnhäuser und den Suq Al-Mahayariyya, und im Norden an die King Faisal ibn Hussein Street (Al-Armashi, 2017). Der restliche Markt erstreckt sich mit einem gewölbten Eisen- und Zinkdach von der Thawra Street und der König Faisal Straße parallel zur Mauer der Zitadelle von Damaskus, wie auf der Karte zu sehen ist (Fig. 2).

Postcard of Suq as-Surujiyya in Damascus
Fig. 1: Alte Postkarte des Suq as-Surujiyya in Damaskus – © Wolf-Dieter Lemke (CC-BY-NC-ND)
Der letzte Meister der Sattelmacher
Fig. 2: Karte des Suq as-Surujiyya – © Imad Al-Armashi, basierend auf einer Karte von Prof. Stefan Weber

Der Suq as-Surujiyya entstand höchstwahrscheinlich in der Ayyubiden-Dynastie, also vor etwa 800 Jahren. Der Markt war spezialisiert auf die Herstellung von Sätteln für Pferde, und alle anderen Arten von Tieren, die für den Transport auf den Handelsrouten, auf den Feldern und für andere Dienste eingesetzt wurden, wie Maultiere, Esel und Kamele (Al-Armashi, 2017). Die Nachfrage nach Pferdesätteln stieg mit der Ankunft der Osmanen in Damaskus durch ihre Beteiligung an militärischen Missionen. Es entstand ein Bedarf an der Ausrüstung von Pferden in Militärlagern und Kasernen. Sättel wurden auch von Reisenden und Forschern benötigt, die die osmanischen Staaten in dieser Zeit bereisten, insbesondere während des Endes der osmanischen Herrschaft in der Levante, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts und an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert. Jeder wollte arabische Sättel, die im Suq as-Surujiyya von Damaskus hergestellt wurden (Nuʿaysa, 1986). Die Herstellung von Sätteln fand nicht ausschließlich im Surujiyya Suq in Damaskus statt, wie die wenigen verfügbaren Quellen verlauten lassen. Einige Züchter erwähnen, dass es auch lokale Sattelhersteller auf dem Land und in Städten weit weg von Damaskus gab. Die Kavallerie verwendete jedoch stolz Damaszener Sättel und betrachtete sie als unverzichtbare Dekoration bei großen Veranstaltungen und Festen. Ein Damaszener Sattel vereinte Schönheit, Qualität und Widerstandsfähigkeit.

Der letzte Meister der Sattelmacher
Fig. 3: Bestandteile eines handgefertigten Damaszener Sattel für Araberpferde‎ – © Khalil Ibrahim Sheik Al-Sroujieh  (CC-BY-NC-ND)

Der Begriff Surujiyya bezieht sich auf die Werkzeuge, die zur Herstellung eines Reitersattels verwendet werden und auf die komplette Sattelausrüstung. Wesentliche Elemente dieser Ausrüstung sind der Sattel (oder jalal, die Bedeckung des Pferderückens) und sein Zubehör einschließlich Zaumzeug (الراسيات), Zügel oder Leine (الصرع أو المقود), Trensengebiss (الشكيمة), Bauchgurt (الحزام), Martingal aus Wollfäden und Muscheln (الشوبند أو الصدرية) oder Martingal aus Silber (السلبند), und Steigbügel (الركاب).

Der Sattelsitz besteht aus einer Matte (الجلال), deren Seiten vernäht sind. Ursprünglich wurde es aufgrund des leichten Gewichts mit Stroh gefüllt. Später stopfte man es mit Baumwolle und zusätzlichen Stoffstücken, überzog es mit Leder, der dann mit bestickten Stoff versehen wurde. Damit wird sichergestellt, dass sich der Reiter beim Reiten mit einem arabischen Sattel wohl fühlt, egal wie lang die Reise ist. Sättel werden aus den besten Arten von Baize, Baumwolle und Wolle hergestellt. Die Reiter in Damaskus und generell in Syrien verwenden unterschiedliche Bezeichnungen für Sättel, je nachdem, ob der Sattelsitz lang ist (marshaha) und den gesamten Rücken des Pferdes bis zum Schweif bedeckt oder kurz (kafliyyah). Die handgearbeiteten Inschriften auf dem Sattel, der mit Silber und bunten Wollfäden verziert ist, variieren. Zusammen mit dem Zubehör bildet der Sattel eine komplett ausgestaltete Einheit, die den Körper des Pferdes bedeckt. Es garantiert totalen Komfort für das Pferd und die Reiter. Die Menge an Silberamuletten, Edelsteinen, Muscheln und bunten Perlen, die besonders das Halfter und das Martingal schmücken repräsentiert Wohlstand (Fig. 4 und 6).

Handcrafted bridles with noseband for Arabian horses
Fig. 4: Handgefertigtes Zaumzeug mit Nasenband für Araber-Pferde – © Khalil Ibrahim Sheik Al-Sroujieh  (CC-BY-NC-ND)
Martingale aus Silber
Fig. 5: Martingal aus Silber – © Khalil Ibrahim Sheik Al-Sroujieh  (CC-BY-NC-ND)
Martingale made of wool and shells
Fig. 6: Martingal aus Wollfäden und Muscheln – © Khalil Ibrahim Sheik Al-Sroujieh  (CC-BY-NC-ND)

Nach syrischem Brauch wurde der Sattel in der Regel für Feste oder kurz vor einer Reise hergerichtet, da das Zurechtmachen des Pferdes ein gutes Omen versprach. Aus diesem Grund wird der Status des Pferdes und das Wohlergehen der Reiter an religiösen Feiertagen oder bei der Abreise zu Geschäften oder dem Hadsch geehrt und gesegnet (Sheik Al-Sroujieh, 2019). Dies ist vor allem auf den religiösen Status der Araberpferde in der islamischen Geschichte und auf ihre Erwähnung im Koran („Die Kriegspferde/al-adiyyat/ Sura 100) und in prophetischen Überlieferungen zurückzuführen, bei denen man ausgeht, dass auf Araberpferde Bezug genommen wird.

Es wird angenommen, dass die Organisation des Handwerks auf die Zeit der Fatiminiden (10.-12. Jahrhundert) zurückgeht, jedoch wurde es in osmanischer Zeit weiter definiert, als jeder Berufszweig in Damaskus einem Handwerksmeister (Sheikh al-Kar) unterstellt wurde. Historischen Quellen zufolge waren zu dieser Zeit 435 Handwerker (kar) in Damaskus registriert (Al-Qasimi and Al-Azam, 1988). Kar ist ein persisch-türkisches Wort, das Handwerk bedeutet. Jedes Handwerk und dessen Handwerker wurde einem Handwerksmeister unterstellt, der in der Regel entweder aus einer adligen Familie (dies konnten prominente Familien aus Damaskus sein oder eine Familie, deren Abstammung auf die Familie des Propheten Mohammed zurückgeht) oder von den Janitscharen (einer Elitetruppe der osmanischen Armee, welche die persönlichen Wachen der osmanischen Sultane stellten) stammte (Farid Beg, 1981). Der Handwerksmeister kann mit dem Leiter einer Berufsgilde gleichgesetzt werden, der durch eine von einem Richter ausgestellte Urkunde ernannt und gemäß dem Gesetz in den Akten des Damaszener Gerichts registriert wurde (Nuaisa, 1986).

Die Herstellung von Damaszener Sätteln für Araber gilt als traditionelles Handwerk, mit dem das Wissen und die Fertigkeit zur Herstellung eines Sattels, seines Zubehörs, der notwendigen Instrumente und die Fachkenntnis über die Tätigkeiten und Produkte dieses Handwerks überliefert werden. Die Zahl der Handwerker ist alarmierend zurückgegangen. Derzeit gibt es nur noch einen Handwerksmeister.

Yasin, Sohn des Amin, Sohn des Muhammad Sheikh al-Sroujieh in seinem Laden im Suq as-Surujiyya in Damaskus vor der partiellen Zerstörung des Marktes in 1970
Yasin, Sohn des Amin, Sohn des Muhammad Sheikh al-Sroujieh in seinem Laden im Suq as-Surujiyya in Damaskus vor der partiellen Zerstörung des Marktes in 1970

Die Geschichte des letzten Meister der Sattelmacher des as-Surujiyya: Khalil Ibrahim Sheik Al-Sroujieh‎

Mit der Entwicklung moderner Transportmittel und dem damit verbundenen Verschwinden der Pferde aus dem öffentlichen Leben schwand der funktionale und berufliche Zweck des As-Surujiyya Suq. Die meisten der geschickten Sattelhersteller verließen das Land und nahmen die Geheimnisse des alten Handwerks mit. Dennoch wollen Pferdezüchter (insbesondere von Araberpferden) in allen Teilen der Welt nach wie vor Sättel und Zubehör für Araberpferde kaufen, und sei es nur, um ihre Pferde für Veranstaltungen oder Fotoshootings zu schmücken, oder um sie als traditionelle Dekorationsgegenstände an die Wände ihrer Häuser und Gästehäuser zu hängen.  

„Die Leute, die in der Sattelherstellung arbeiteten, wurden „suruji“ genannt (vom arabischen Wort für Sattel, suruj)”, erzählt Khalil Sheik Al-Sroujieh. “Wenn es Streitigkeiten oder Probleme gab, wurde eine Person mit Erfahrung, Intelligenz und Taktgefühl ausgewählt, um zu schlichten. Er musste vor allem die notwendige finanzielle Kapazität, erwartete Frömmigkeit und einen gewissen Charakter haben, um die Probleme der Händler zu lösen.  Der Gouverneur von Damaskus erließ deshalb ein Dekret, dass jeder Berufsstand einen Meister haben musste, der sich bei Problemen auf dem Markt oder unter Handwerkern um Lösungen bemühte. Diese Person wurde Sheikh Al-Kar (Handwerksmeister) genannt. Da unsere Familie die fähigste und am längsten bestehende in diesem Handwerk war, wurde unser Vorfahre am Ende des achtzehnten Jahrhunderts als Meister für die Zunft der Sattelmacher ausgewählt. Das Handwerk wurde in unserer Familie von Generation zu Generation weitergegeben. Der Titel des Scheikh Al-Kar ist in der Familie geblieben. So wurde der Berufstitel mit der Zeit der Nachname unserer Familie: Sheik Al-Sroujieh.“

Broschüre von Khalil Ibrahim Sheikh Al-Sroujiehs Geschäft in Amman
Broschüre von Khalil Ibrahim Sheikh Al-Sroujiehs Geschäft in Amman

Khalil, Sohn des Ibrahim, Sohn des Ahmed, Sohn des Amin, Sohn des Muhammed Said, Scheikh As-Sroujieh, ist heute der Großmeister des Sattlerhandwerks und der letzte seiner Zunft. Diesen Titel hatte auch sein Großvater väterlicherseits (Scheich Muhammad Said, bekannt als Abu Amin) inne – Vertreter der Handwerker dieses Berufs und oberster Handwerksmeister sowie Repräsentant gegenüber dem Osmanischen Reich. Zu seinen Befugnissen gehörte die Möglichkeit, eine Lizenz zur Ausübung des Berufs zu erteilen (oder zu entziehen), gemäß einem Dekret aus dem Jahr 1797 (Militärdivisionsakte Nr. 330, gemäß dem Eintrag Nr. 240 des Obersten Gerichts in Damaskus). Die Handwerker erbten in der Regel von ihren Vätern oder Brüdern die Position des Handwerksmeisters. Sie konnten durch ein Dekret des Sultans entlassen und ausgewechselt werden. Das Dekret forderte dann ein neuen Handwerksmeisters und legte die gesuchten Eigenschaften fest. Damals war der As-Surujiyya Suq nicht nur auf die Herstellung von Sätteln spezialisiert, sondern war auch ein Zentrum für die Produktion von Pistolengehäusen, kleinen Gewehre sowie von Einbänden zum Schutz von Büchern und Amuletten (Al-Dimashqi, 1341H).

Khalil erinnert sich noch an seine Kindheit und Jugend im as-Surujiyya Suq von Damaskus und den Verlust von mehr als vierzehn Geschäften der Familie durch den Abriss eines wichtigen Teils des Marktes im Jahr 1970. Glücklicherweise hatte sein Vater (Ibrahim Sheik Al-Sroujieh, 2019) einen Teil seiner Ausrüstung nach Amman, Jordanien, gebracht und sich dort mit seiner Familie niedergelassen. Er eröffnete ein Geschäft zur Herstellung von Sätteln in der Al-Hashimi-Straße (Rashid, 2002). Khalil Ibrahim Sheik Al-Sroujieh betreibt sein Geschäft in Amman bis heute zusammen mit seinen Brüdern und Söhnen und führt die Familientradition und das Handwerk seiner Vorfahren fort. Von Zeit zu Zeit besucht er immer noch Damaskus, um Stoffe, geflochtene Seilen und Rohmaterialien besorgen, die nur in Damaskus erhältlich sind. Khalil erzählt von den Arbeitsschritten bei der Herstellung eines arabischen Sattels: „Die Form wird aus Jute gemacht und mit Baumwolle oder Wolle ausgestopft. Dann werden links und rechts die Steigbügel angebracht und ein Riemen für den Bauch des Pferdes auf der rechten Seite. Zwei Holzstücke, im Handel ka’ka genannt, werden dann vorne und hinten befestigt. Das vordere Stücke wird mit Baize oder einer tadriba (Vernähen des Sattelsitzes mit einer langen Nadel und zwei geflochtenen Wollfäden; die Ecken in einer Form parallel zum Pferderücken) bedeckt. Davor wird die Füllung angebracht und ihre Dicke überprüft, um den Komfort des Pferdes und der Reiter zu gewährleisten. Nachdem die Steigbügel und der Bauchgurt befestigt sind, wird das Zubehör, zu dem der Brustgurt, das Halfter, der Riemen und die Zügel gehören, angebracht. Die Herstellung eines Sattels dauert volle drei bis vier Tage.“

Khalil Ibrahim Sheikh Al-Sroujieh making a saddle for a thoroughbred Arabian horse
Fig. 9: Khalil Ibrahim Sheikh Al-Sroujieh bei der Herstellung eines Sattel für Araberpferde – © Khalil Ibrahim Sheik Al-Sroujieh  (CC-BY-NC-ND)
A handmade saddle by Khalil Ibrahim Sheik Al-Sroujieh
Fig. 10: Ein handgefertigter Sattel von Khalil Ibrahim Sheik Al-Sroujieh – © Khalil Ibrahim Sheik Al-Sroujieh  (CC-BY-NC-ND)

Khalil erzählt weiter: „Der Kauf von Pferden ist jetzt auf die Reichen, Scheichs, Prinzen und ihre Gestüte beschränkt. Sie scheuen keine Kosten, um die besten Sättel zu kaufen. Ihre Nachfrage nach Reitsätteln kann sogar goldene Elemente beinhalten, die nur noch ein Abbild einer Industrie repräsentieren, die kurz vor dem Verschwinden ist. Heute gibt es nur noch eine Handvoll Handwerker. In letzter Zeit wurden einige leichte und billige Sättel hergestellt, die von den Leuten zum Reiten in Parks, Resorts und archäologischen Stätten verwendet werden, aber sie sind zweifellos nicht mit den ursprünglichen Sätteln vergleichbar“.

Wir sind uns heute mehr denn je der Bedeutung der Erhaltung traditioneller Handwerksbetriebe bewusst und der Notwendigkeit, Fertigkeiten zu dokumentieren und ihre Details und Veränderungen zu bewahren, ohne dass das Wissen über sie verloren geht oder die mit ihnen verbundenen Begriffe und Wörter mit der Zeit verschwinden. In den letzten Jahren sind Kunsthandwerke zunehmend vom Niedergang betroffen, insbesondere durch den Vormarsch der Technologie in der Herstellung und dem damit einhergehenden Verlust der Wertschätzung für traditionellen Industrien, dem Interesse an Details, die sich nur auf Züchter mit finanziellen Ressourcen beschränken. Khalil Ibrahim Sheik Al-Sroujieh erhält Einladungen von Reitertreffen auf der ganzen Welt, um seine handgefertigten Produkte zu präsentieren. Internationale Fachzeitschriften, die sich für das reiterliche Erbe interessieren, veröffentlichen immer wieder Artikel über ihn und das orientalische Sattlerhandwerk. Es gibt jedoch große Herausforderungen, vor denen dieses traditionelle Handwerk steht. Die wichtigste ist vielleicht, dass die Handwerker geeignete dauerhafte Absatzmärkte brauchen, die Arbeitskosten zu decken und einen angemessenen Gewinn für sie zu erwirtschaften, damit es an zukünftige Generationen weitergegeben werden kann.


Dr. Saria Almarzook ist eine syrisch-deutsche Dozentin und Übersetzerin. Sie promovierte in Molekularbiologie und Biodiversität von Pferden an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihr Buch über die Diversität der Pferde (ISBN: 9783895749476) wurde 2018 veröffentlicht. Darüber hinaus veröffentlichte sie mehrere Artikel in angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften wie Animal Genetics

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