von Yazan al-Yaseen

Aufgewachsen bin ich in einem Vorort in der Nähe von Damaskus. Was mir aus meiner Kindheit am besten in Erinnerung geblieben ist, sind die Fußballspiele auf den Straßen mit gleichaltrigen Kindern aus der Nachbarschaft. Jede Straße hatte ihre eigene Gruppe von Fußballspielern. Diese Gruppen konkurrierten gegeneinander, was selbstverständlich zu allerlei Rivalitäten führte. Dies ist jedoch keine Geschichte über Rivalität; sie handelt nicht einmal von Fußball. Dies ist eine Geschichte über Taubenflüsterer. 

Eines Tages nach einem Fußballspiel lud uns ein Mitglied einer Clique aus der Nachbarschaft auf das Dach seines Hauses ein. Was wir dort vorfanden, übertraf unsere kühnsten Vorstellungen: Sein Bruder war ein Taubenflüsterer und hielt auf dem Dach einen Taubenschwarm.

In der Levante und in Teilen Ägyptens ist das Taubenflüstern ein Hobby. Während des langen Sommers kann man gelegentlich ein oder zwei Taubenschwärme sehen, die unter freiem Himmel im Kreis oder in anderen Mustern auf und ab sowie nach links und rechts fliegen. Jemand, der den Ort nicht kennt, könnte denken, dass es sich nur um einen wilden Taubenschwarm handelt. Gewissermaßen ist es das auch … aber das ist nicht die ganze Geschichte. Hinter diesem eigenartigen Tanz verbirgt sich gewöhnlich ein Choreograph. Man könnte ihn auch, nach der Art und Weise, wie er dies tut, als Dirigent oder Maestro bezeichnen.

Nachdem wir die Treppe hinaufgestiegen waren und auf dem Dach angekommen waren, fanden wir zwei große offene Käfige. Unsere ganze Fußballmannschaft hätte darin Platz finden können. Die Tauben waren buchstäblich überall. Einige liefen umher, andere ruhten sich aus oder kümmerten sich um ihre Küken, einige schliefen. Sie störten sich nicht allzu sehr an unserer Anwesenheit. Sie kamen uns als Fremde zwar nicht zu nahe, waren jedoch weder erschrocken noch verängstigt. Wir waren sozusagen erträgliche Gäste in ihrem Hause … Die Atmosphäre hatte etwas atemberaubendes an sich! Eine Weile später kam der ältere Bruder. Er war der König dieses Ortes. Nach einer kurzen Begrüßung ging er, um nach seinen Tauben zu schauen. Sanft berührte er einige, küsste ein paar und unterhielt sich mit einigen anderen. Anschließend drehte er sich zu einer Ecke auf dem Dach und hob einen langen, dünnen Stock mit einem Stück schwarzer Schärpe auf, deren Ende umwickelt war. Pap pap pap, er klopfte mit dem Stock auf den Boden, pap pap pap… pap pap pap. Die Tauben waren alle in Bewegung. Es war Spielzeit und nichts anderes war wichtiger. Wir standen und schauten ehrfürchtig zu … ganz leise.

Während die Tauben sich auf dem Boden versammelten und sich flugbereit machten, fing der Choreograph langsam an, seinem Stock zu bewegen und mit der schwarzen Schärpe einen kleinen Kreis zu formen. Plötzlich begann er laut zu pfeifen. Der erste Pfiff war laut und sehr lang, wodurch sich alle Tauben vom Boden erhoben. Sie flogen und stiegen in perfekter Synchronität mit dem Kreis, den er mit seiner Schärpe gezeichnet hatte, kreisförmig weiter nach oben. Bald nachdem sie in der Luft waren, wurde der Kreis immer größer und die Pfiffe wurden kürzer, wobei nun mehr Töne zu hören waren. Die Tauben verpassten kein einziges Mal seine Bewegung. Jedes Mal, wenn er seinen Kreis auf- oder abwärts bewegte oder seine Bewegung in irgendeiner Form unterbrach, reagierten die Tauben auf ihn.

Hin und wieder ergriff er ein Stück Holz, einen Schuh oder irgendeinen Gegenstand vom Boden und warf ihn nach oben. Später erfuhr ich, dass auf diese Weise Vögel, die zurückgeblieben waren oder sich verirrt hatten, wieder zurück zum Schwarm gelangen konnten. Eine Weile später ließ er seine Bewegung ruhiger werden und seine Pfiffe signalisierten den Vögeln, dass die Spielzeit beendet ist. Der Kreis schloss sich und der Schwarm landete auf dem Dach. Mit etwas Futter, begrüßte der Maestro zufrieden seinen Schwarm und das Spiel war beendet. Es war magisch. 

Tauben im Innenhof der Umayydaden-Moschee(© Dr. Eva Haustein-Bartsch CC-BY-NC-ND)

Später im Leben fand ich heraus, dass Taubenflüsterer in der Gesellschaft eine Unterschicht darstellen. Die Menschen mögen sie generell nicht und machen Witze über sie. Noch überraschender ist, dass ihre Aussage lange vor Gericht nicht akzeptiert wurde. Bereits in der Hadith drückte der Prophet Mohammed seine Unzufriedenheit gegenüber einem Mann namens “Abu Omair” aus, weil dieser die Gewohnheit hatte, Tauben fliegen zu lassen. Es existiert kein direktes Verbot von Taubenflüsterern im Koran, dem Rechtskodex, unter dem die islamischen Gesellschaften seit Jahrhunderten gelebt haben. Diese Menschen stehlen sich jedoch offenkundig gegenseitig die Vögel, indem sie sie in die Luft locken, damit sie sich ihrem eigenen Schwarm anschließen. Die Fähigkeit, dies zu tun, ist ein Zeichen von Kunstfertigkeit und eine Quelle des Stolzes. Dies ist vermutlich der Grund für das Verbot. Jedoch werden Vögel nicht als Eigentum betrachtet, da es sich um Wildtiere handelt. Deshalb sind sie sozusagen Diebe, die man nicht wirklich für ihren Diebstahl ins Gefängnis schicken kann. Das und die Tatsache, dass die Gegenstände, die sie nach oben geworfen haben, seit Jahrhunderten auf die Köpfe der Menschen und ihre Hausgärten gefallen sind, haben sie zu einer verhassten Gruppe von Menschen gemacht, welche systematisch diskriminiert werden. Im Laufe der Zeit unterschieden sich die muslimischen Richter in ihrer Haltung gegenüber Taubenflüsterern. Einige akzeptierten ihre Aussage und andere beschlossen, sie vollständig abzulehnen. Obwohl die modernen Staatsverfassungen das Verbot vollständig aufgehoben haben, besteht weiterhin eine unterschwellige soziale Verachtung in Form eines Sprichworts. Wenn ein Araber einer anderen Person sagt: „Du bist wie ein Taubenflüsterer“, bedeutet dies, dass die andere Person nicht vertrauenswürdig oder ein Lügner ist.

Dies ist zwar in gewisser Weise traurig, doch scheint es die Freude der Taubenflüsterer am Spielen mit den Vögeln nicht zu trüben. Ich persönlich glaube, dass sie recht haben. Wen kümmern andere Menschen, wenn man mit Vögeln sprechen kann!

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