von Annegret Hafner

Meine erste Begegnung mit einem Filzteppich machte ich im August 2008 während meiner ersten Reise nach Syrien. Er fiel mir direkt beim Eintreten in eine Wohnung in Aleppo in die Augen. Es war ein dicker dichter wolliger Teppich. Noch nie zuvor hatte ich einen so dicken robusten Filz gesehen. Die 4cm Dicke war massiv aus Wolle. Aber wie, mit welchem Kraftaufwand, wird so ein Teppich hergestellt? Denn bekanntlich verfilzen sich die Wollhaare durch die Walgbewegung und dem Zufügen von warmem Wasser und Kernseife. 

Die Frage der Herstellung sollte nicht offen bleiben, denn kurze Zeit später hatte ich die Gelegenheit eine der Produktionsstätten für Filzteppiche zu besuchen. Eine Stunde Autofahrt von Aleppo in nordöstlicher Richtung und ich war in Al Bab. Übersetzt bedeutet der Ortsname „Das Tor“. Al Bab ist eine kleine Stadt mit Dorfcharakter, in der es gar nicht so einfach war, die „Teppichfabrik“ zu finden. Wir kamen in immer kleinere Straßen, bis wir schließlich vor einer Garage hielten. Davor standen zwei große Säcke gefüllt mit Rohwolle, deren Geruch nach nassem Schaf mir bereits kurz nach der Ankunft in die Nase stieg.

Eine Produktionsstätte für Filzteppiche in Al Bab
Ein robuster 4 cm dicker Filzteppich aus Wolle in der Produktionsstätte für Filzteppiche in Al-Bab

Fig. 1: Eine Produktionsstätte für Filzteppiche in Al Bab – © Annegret Hafner (CC-BY-NC-ND)
Fig. 2: Ein robuster 4 cm dicker Filzteppich aus Wolle – © Annegret Hafner (CC-BY-NC-ND)

Aus der Garage drangen eintönige dumpfe Geräusche, die sich als Nebenprodukt des Filzteppichwalggerätes herausstellten. Ich trat in einem schmalen, dunklen Raum, aus dessen hintersten Ecke es staubte und dröhnte. Ein altes eisernes Gerät, das wenn auch etwas breiter einer Wäschemangel ähnelte, ließ in regelmäßigen Abständen ein Brett auf eine sich drehende Rolle fallen. Ein Teppich in seiner Entstehung. So wurde also die harte Handarbeit von der Maschine abgelöst. Der Besitzer erklärte mir, dass vor knapp 10 Jahren bestimmte Prozesse automatisiert wurden. Nicht nur in Al Bab, dem Zentrum der Filzteppichproduktion, auch auf dem Land bis zur irakischen Grenze fanden die Maschinen ihren Einsatz. Zuvor wurde diese Arbeit tatsächlich von Hand, oder besser von Fuß übernommen. Zwei Männer bearbeiteten einen Teppich innerhalb von 10 Stunden, wohingegen die Maschine 24 Stunden benötigt. Doch bedenkt man den enormen Kraftaufwand, so war die Maschine eine willkommene Hilfe. 

Ein selbstgebaute Walke bei der Herstellung eines Teppichs
Ein Teppichhersteller rollt einen fertigen Filzteppich in seiner Werkstatt in Al-Bab aus

Fig. 3: Ein selbstgebaute Walke bei der Herstellung eines Teppichs – © Annegret Hafner (CC-BY-NC-ND)
Fig. 4: Ein Teppichhersteller aus Al-Bab rollt einen fertigen Filzteppich aus – © Annegret Hafner (CC-BY-NC-ND)

Ein älterer Herr, in zerrissener Kleidung, äußerlich von seiner schweren Arbeit geprägt, demonstrierte uns freudestrahlend, wie die Fußarbeit damals ausgesehen hat. Ein Bein auf der Teppichrolle, das andere auf dem Boden, trat er, die Hände unterstützend auf dem vorderen Bein auf der Rolle, in regelmäßigem Rhythmus schwungvoll die Rolle. Diese bewegte sich vorwärts, bis es nicht mehr weiterging, und die Richtung einfach geändert wurde.

Ein alter Mann aus Al Bab demonstriert, wie Filzteppiche traditionell in Fußarbeit hergestellt wurden.
Fig. 5: Ein älterer Herr aus Al Bab demonstriert, wie Filzteppiche traditionell in Fußarbeit hergestellt wurden – © Annegret Hafner (CC-BY-NC-ND)

Erstaunlicherweise gab es zehn Jahre zuvor (1998) noch 400 Werkstätten in Al Bab, von denen zum Zeitpunkt meiner Reise in 2008 lediglich sechs überlebt hatten. Die automatische Produktion, die neue Verwendung von Polypropylen und Acryl, sowie der immense körperliche Aufwand bewirkten, dass sich das Gewerbe irgendwann gesundheitlich und zeitlich nicht mehr bezahlt machte. Viele Filzer bekommen von dem Wollstaub Lungenkrebs. Das Handwerk schien in seinen letzten Stunden zu sein. Doch hier auf dem Land hatte es noch Bestand, wenn auch mit maschineller Hilfe.

In der benachbarten Garage hatte ich Glück. Im hinteren Teil dieser Garage wurde gerade ein Teppich vorbereitet. In voller Größe lag das Design in Form einer Schablone auf dem Boden. Auf dem Boden wurde bereits mit der Verteilung der farbigen Wolle begonnen. Die Oberseite des Teppichs liegt zunächst unten. Das Design ist gespiegelt. Die sehr brillante Wolle wird Schicht für Schicht aufgebaut und schließlich von der grundfarbenen Wolle bedeckt. Für einen Quadratmeter Teppich werden sechs Kilo Wolle benötigt. Bei der Ermittlung der finalen Größe rechnet man gewöhnlich 30 % ab, die durch eine Schrumpfung des Materials verloren gehen. Diese kommt vom Umland, oder der Kunde bringt sie selbst mit in die Werkstatt. Leider wurden mir die folgenden Arbeitsschritte nicht gezeigt. Es ist zu vermuten, dass die Fläche anschließend befeuchtet und in Tuch umschlagen wird. Dann rollt man die Fläche auf und legt sie in die Maschine. Nach zwei Stunden wird die Rolle herausgehoben, entrollt, umgedreht, und wieder aufgerollt. So wird bis zum Schluss verfahren, bis die Wolle fest verfilzt und die Größe erreicht ist.

Wieder auf der Straße präsentierte man mir noch zwei weitere Teppiche, die im Gegensatz zu dem vorherigen, sehr farbintensiv waren. Ornamente in Rosa, Rot, Lila und Blau auf hellrosa Grund. Eine sehr freundliche Kombination. Ich konnte mir augenblicklich vorstellen, wie dieser Teppich als Spiel-, Schlaf- und Gehgrund wirken würde. Eine steife, wärmende Fläche, die durchaus durch ihre Andersartigkeit besticht. Es war das letzte Mal, dass mir ein solcher Teppich mir über den Weg gelaufen war.

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