von Dr. Anke Scharrahs

‘ajami-Täfelungen und Zimmerdecken waren wichtige Elemente der kunstvollen Raumgestaltung von privaten Residenzen in syrischen Städten im 16ten bis zum 19ten Jahrhundert. Sie interagieren fein ausbalanciert mit prachtvollen Steinmosaiken, Perlmuttintarsien in sanften Pastellfarben, vergoldeten und bemalten Steinreliefs, prächtigen Fliesen und kostbaren Textilien. Die Dekorationstechniken und die verwendeten Materialien entwickelten sich im Laufe der Zeit, genau wie die Motive es taten. Die Muster, Blumenvasen und kleinen Landschaftsbilder zeigen den Einfluss von Indien bis Frankreich und vom Iran bis zur Türkei nebst anderen Ursprüngen. Die Dekorationen spiegeln beides wider, den spezifischen Geschmack jedes einzelnen Bauherrn und die hochentwickelte Kunstfertigkeit der Künstlerwerkstätten. Die verwendeten Materialien wurden entweder selbst gewonnen, vor Ort produziert oder stammen aus fernen Regionen, wie zum Beispiel seltene Pigmente oder Färbemittel. Die Künstler mussten das hochgesteckte Ziel, mit teuren Materialien spektakuläre, lebhafte Oberflächendekorationen zu erschaffen, unter einen Hut bringen mit dem Anspruch, jedoch immer noch für die Klienten erschwinglich zu sein. Einige der verlorenen Geheimnisse, wie die Künstler spezielle Effekte und außerordentlich brillante Farben erschufen, konnten mit Hilfe moderner analytischer Techniken und mikroskopischer Untersuchungen enthüllt werden. Einige der wiederentdeckten Malmaterialien waren zerkleinertes Kobaltglas (auch Smalte genannt), Karmin (Dunkelrot gewonnen aus Läusen) und Aloe (Farbstoff für orangefarbene Lacküberzüge).

Die Geheimnisse der Alten Meister
Dekorierte Tür eines Wandschrankes des Damaskuszimmers im Museum für Völkerkunde Dresden (© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Museum für Völkerkunde Dresden, Foto: Anke Scharrahs)

Im Damaskus des 18ten Jahrhunderts gab es noch keine Geschäfte, in denen Dosen oder Tuben mit fertiger Farbe verkauft wurden, wie wir sie heutzutage kennen. Man muss sich vorstellen, dass alle Materialien für die Erstellung von ‘ajami-Täfelungen von Hand in den Werkstätten erzeugt werden mussten, zum Beispiel die Herstellung von Farben durch die Zerkleinerung von Mineralien oder durch den Umgang mit pflanzlichen Farbstoffen oder bestimmten giftigen Materialien. Eines der faszinierendsten Materialien war ein leuchtend orange-gelbes Pigment, das wegen seiner unvergleichlich intensiven goldartigen Farbe und seiner speziellen Eigenschaft der Doppelbrechung des Lichts in seiner Kristall-Struktur häufig verwendet wurde. So faszinierend dieses Material für Künstler auch ist, so gefährlich ist es wegen seiner hochgiftigen Natur, da es aus purem Arsensulfid besteht. Die strahlend blaue Farbe, die in vielen Räumen unter einer braunen Lackschicht gefunden wurde, entstand durch das Färben von Glas während des Erhitzungsprozesses mit teurem Kobaltoxyd und dem anschließenden Zerkleinern des Glases zu Pulver. Die alten Meister mussten zudem wissen, welche Flüssigkeit die Richtige war, um mit den verschiedenen Pigmenten vermischt zu werden, um die gewünschte Farbe zu erzeugen. Das blaue Glaspulver zum Beispiel erscheint schwarz, wenn es mit Öl oder Harz vermengt wird; wird es aber mit Eiweiß oder Gelatineleim vermengt, ergibt sich ein leuchtendes Blau. Eine brillante rote Farbe wurde erzeugt, wenn zuerst ein helles Orange als untere Schicht verwendet wurde, die dann mit einer dünnen Schicht des teuren Zinnoberrots bedeckt wurde. Die dünne rote Schicht allein würde als blasses gräuliches Rot erscheinen.

Der Spezialeffekt der ‘ajami-Reliefs wurde durch die Verwendung einer zähflüssigen Paste, die nur aus ungebranntem Gips und Gelatineleim bestand, erschaffen. Diese Mixtur musste zügig auf das Holz aufgetragen werden, denn sie benötigt eine Temperatur von ungefähr 60°C, um flüssig genug für die Ausführung der erhabenen Muster zu sein. Bei einer niedrigeren Temperatur oder zu langsamem Auftragen der Paste würde diese zu schnell fest werden, noch bevor der Künstler sein Motiv vollenden konnte. Die Künstler mussten sehr erfahren und kunstfertig sein und mit schneller, ruhiger Hand arbeiten, und sie mussten die Motive auswendig beherrschen, um bei der Verwendung von solch kniffligen Materialien die komplizierten Ornamente erschaffen zu können.

Die Geheimnisse der Alten Meister
Ausschnitt des Muqarnaṣ-Gesims des Aleppozimmers im Museum für Islamische Kunst, Berlin (© Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Anke Scharrahs)

Die Künstler benutzten nicht nur verschiedene Farben und gefärbte Lacke; sie waren auch Meister in der Verwendung von Blattmetallen und Metallfolien. Sehr empfindliches hauchdünnes Blattgold wurde verwendet und mit speziellen Pinseln und Werkzeugen aufgetragen, als auch dickeres Blattkupfer und Zinnfolie. Diese Metalle wurden auf die reliefierten Ornamente aufgetragen, wodurch eine spezielle Lichtreflektion entstand. Einige Metalle waren auf Hochglanz poliert; andere wurden auf eine raue Fläche aufgetragen, um eine matte Oberfläche zu erzeugen – ähnlich wie der heute verwendete Metalliclack. All diese verschiedenen Bemühungen sollten eine spezifische Oberflächenbeschaffenheit erzeugen und einen Kontrast bilden, wie er zum Beispiel zwischen poliertem Blattgold und mattem, glitzerndem Azurblau besteht oder zwischen silberfarbener Zinnfolie und glänzendem, dunkelrot leuchtendem Lack, zwischen seidigem Pink und hellem Blau, glänzendem Blattkupfer und seidigem Orange, mattem Violett und grünem Lack.

Die Gesamtheit dieser kunstfertig zusammengestellten Oberflächendekoration, mit ihren Schichten aus schimmernden Mustern und Farben, erzeugt diese einzigartige prachtvolle Atmosphäre der Residenzen von Damaskus. Die Muster und Farben der bemalten Holzdekorationen stehen in Beziehung zu denen der Steinmosaike; zum Beispiel können Motive ähnlich denen in den Deckenmustern auch im Fußbodenbelag vorkommen. Der wunderschöne schwarze Marmor, der den Hintergrund für viele Stein-Mosaiken bildet, korrespondiert mit den lebhaften, schwarzen Umrisslinien, die auf die ‘ajami-Täfelungen gemalt wurden. Silberne und goldene Fäden in den seidenen Stoffen und die Stickereien verlangen geradezu nach den Blattmetalldetails an den Wänden und an der Decke und die farbenprächtigen Teppiche und verzierten Kissen spielen eine Symphonie mit den überall vorhandenen bemalten Holztäfelungen. Die Perlmutt-Intarsien und die Spiegel schimmern in silbernem Licht und erzeugen dadurch einen funkelnden Effekt, wenn man sich innerhalb des Raumes bewegt, und spielen im Gleichklang mit dem glitzernden Wasser der Brunnen. Diese stetige Veränderung und das sich immer wieder verändernde Spiel des Lichts im Verlauf des Tages sind einige der faszinierendsten Entdeckungen in diesen Räumen. Es bedeutet, dass sie geschaffen wurden, um Besucher immer und immer wieder während eines langen Besuchs in diesem Haus zu erfreuen, gestaltet, um ihre Ausdruckskraft und ihr Umfeld im Laufe des Tages immer wieder zu verändern. Das gut ausbalancierte Gleichgewicht der leuchtenden Farben, der Ornamente und der architektonischen Elemente sind ein Beweis für die hohe Qualität der Werke und die Kunstfertigkeit der Künstler, die bei jedem Besucher einen tiefen Eindruck hinterlässt.

Dieses Wissen über die Materialien, die Maltechniken und die Motive wurde in den Künstlerwerkstätten der Familien von einer Generation an die nächste weitergegeben. Aber in den 1850ern vollzog sich eine drastische Veränderung, und viele dieser Geheimnisse gingen verloren, weil die Herstellung dieser ‘ajami-Dekorationen stark zurückging. Hierfür gab es zwei Hauptgründe: Erstens die dramatischen Veränderungen in der wirtschaftlichen Situation der Menschen nach dem Öffnen des Osmanischen Reiches für billigere Produkte aus dem industriellen Europa; und zweitens, weil sich der Geschmack der Menschen und der Stil der häuslichen Ausstattung geändert hatten. Die ‘ajami-Künstlerwerkstätten fanden keine Kunden mehr, weil die Menschen Decken in Barockstil, auf europäische Art auf Leinwand gemalt, oder große Landschaftsgemälde an den Wänden bevorzugten statt der hölzernen Täfelungen. Dadurch sind viele Geheimnisse für immer verloren gegangen. Nur wenige können mit Hilfe von wissenschaftlicher Analyse und Forschung wiederentdeckt werden.


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