von Azadeh Rahnama und Lulu Dombois

„Die Gärten umgeben sie (die Stadt Damaskus) wie der Lichthof den Mond, sie umfassen sie wie der Kelch seine Blüte. Im Osten erstreckt sich ihre grüne Umgebung, soweit das Auge reicht: wo auch immer man auf den vier Seiten hinschaut, trifft der Blick auf ihre reifen Früchte. Diejenigen, die sagten: ‚Wenn das Paradies auf Erden ist, dann ist ohne Zweifel Damaskus ein Teil davon. Wenn es im Himmel ist, dann wetteifert es mit ihm und teilt den Ruhm‘, sprachen die Wahrheit.“ (Ibn Ǧubair, 1184)

Die syrische Hauptstadt Damaskus ist in eine fruchtbare Bewässerungsoase, die sogenannte Ghuta (arab. für fruchtbare Ebene mit Bäumen), eingebettet und wird im Norden durch den Berg Qasiyun, einen Ausläufer des Antilibanon-Gebirges, begrenzt. Im Süden wird die Ghuta durch die 700-900 m hohe vulkanische Bergkette der Aswad- und Al-Mani-Berge vom Hauran, der Kornkammer Syriens, getrennt. Im Osten verläuft sich die Hochebene ohne natürliche Grenze in der Syrischen Wüstensteppe. Der Fluss Barada ist die Hauptwasserquelle der Stadt und ihrer Ghuta. Ursprünglich dehnte sich die Ghuta in einem Radius von ca. 7-10 km um die Altstadt von Damaskus aus, sie lag wie ein breiter grüner Gürtel vor der Stadtmauer.

Die Oase entstand auf den fruchtbaren Böden, welche mit den geschmolzenen Niederschlägen vom Berg Qasiyun heruntergespült wurden.

Ghuta von Damaskus, Luftaufnahme von Obst- und Gemüsegärten
Ghuta von Damaskus, Luftaufnahme von Obst- und Gemüsegärten | Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin, Sammlung Eugen Wirth (CC-BY-NC-SA)

Die Bedeutung der Ghuta

Die Ghuta von Damaskus war unter den Oasen des Orients die größte und berühmteste.

Sie war nicht nur landwirtschaftlicher Nutzraum, sondern verfügte darüber hinaus über zahlreiche weitere Funktionen und hatte eine starke historische, ökologische, versorgungstechnische und kulturelle Bedeutung für die Stadt Damaskus. Ihren außerordentlichen Wasserreichtum verdankte die Ghuta dem Barada, der in sieben Flussarme aufgeteilt war und so sauberes Wasser führte, dass die Bewohner des Barada-Tales ihr Trinkwasser noch bis in die 1960er Jahre direkt aus dem Fluss entnahmen. 

Die Böden der Ghuta zeichneten sich durch eine hohe Fruchtbarkeit aus, nicht zuletzt da der Barada dort einst in einem später ausgetrockneten See endete, aber auch da der organische Abfall der Stadt über Jahrhunderte von den Bauern abgeholt und auf den landwirtschaftlichen Flächen verteilt wurde. Die landwirtschaftliche Nutzung der Ghuta erfolgte in Zonen, deren intensive Nutzung ringförmig von den Stadtmauern ins Umland abnahm.

Die Ghuta, der einstige Paradiesgürtel um Damaskus
Damaszener Rosen am Bewässerungskanal – irgendwo in der Ghuta, 2010 | Lulu Dombois/Azadeh Rahnama (CC-BY-NC-ND)
Weingarten in der Ghuta von Damaskus
Weingarten in der Ghuta von Damaskus | Anne-Marie Bianquis (CC-BY-NC-ND)

In den stadtnahen, gut bewässerten und gedüngten Gebieten, wurde überwiegend Gemüse angebaut, stadtferner war die Ghuta von weitläufigen Obstbaumhainen geprägt. Vor allem Nüsse, Aprikosen und Oliven gehörten zu den Spezialitäten, die die Ghuta hervorbrachte. Die landwirtschaftlichen Erträge waren so reich, dass die Bewohner von Damaskus versorgt werden konnten und sich die Stadt damit autark mit Lebensmitteln versorgen konnte.

Die Ghuta war stets eng verknüpft mit der Stadt und ihren Bewohnern, sowohl wirtschaftlich und versorgungstechnisch als auch soziokulturell – neben ihrer Funktion als landwirtschaftlicher Ertrags- und ökologischer Nutzraum spielte die Ghuta eine wichtige Rolle als landschaftlicher Freizeit- und Erholungsraum. So zog man sich am Feierabend nach einem schweren Arbeitstag in der lauten und staubigen Stadt in die stadtnahe Gartenzone zurück und genoss das frische Klima in seinem privaten Garten oder einem der zahlreichen Tee- und Kaffeehäuser im Schatten der Obstbäume. Die Ghuta hatte somit eine starke kulturelle Bedeutung, die sich für die ganze Stadt über Jahrhunderte und bis ins 21. Jahrhundert identitätsstiftend auswirkte.

Weg in der Ghuta von Damaskus
Weg in der Ghuta von Damaskus | Anne-Marie Bianquis (CC-BY-NC-ND)
Schafherde in einem Baumhain der Ghuta
Schafherde in einem Baumhain der Ghuta | Anne-Marie Bianquis (CC-BY-NC-ND)

Der Wandel der Ghuta

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sah sich der Oasengürtel wegen des schnellen Wachstums der Stadt einem rasanten Wandel unterzogen. Durch neue Wohnviertel, Straßen, Werkstätten und Fabriken außerhalb der Stadtmauern breitete sich die Stadt immer weiter und zumeist unkontrolliert in das Umland aus und drängte die Flächen der Ghuta zurück. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1941 zählte die Stadt rund 296.000 Einwohner, in den 80er Jahren spricht man schon von einer Einwohnerzahl von rund drei Millionen. Dieses rapide Bevölkerungswachstum, bedingt durch Landflucht, Immigration und wirtschaftlichen Aufschwung, erschwerte vermutlich eine geordnete und zielgerichtete Stadtplanung. Im Flächennutzungsplan, den Ecochard und Banshoya 1957 erstellten, wurde die Ghuta als schützens- und erhaltenswert erkannt und es wurden konkrete Räume außerhalb der Ghuta für die potentielle Stadterweiterung vorgeschlagen. Die Umsetzung dessen wurde allerdings nur zögerlich und in Teilen vorgenommen. Die großen und kleinen Siedlungen innerhalb der Ghuta fraßen sich immer weiter in die Bewässerungsoase hinein und entwickelten sich zu Klein- und Großstädten.

Neubau einer Villa inmitten der Ghuta von Damaskus
Neubau einer Villa inmitten der Ghuta von Damaskus | Anne-Marie Bianquis (CC-BY-NC-ND)
Ein zweistöckiges Gebäude in einem Dorf der Ghuta
Ein zweistöckiges Gebäude in einem Dorf der Ghuta | Anne-Marie Bianquis (CC-BY-NC-ND)

Dieses Phänomen des rasanten und meist unkontrollierten Wachstums von Damaskus zog eine extrem hohe Belastung der natürlichen Ressourcen nach sich, wie Vermüllung, ausgelaugte Böden, Wassermangel, Absenkung des Grundwasserspiegels etc. zeigen.

Damaskus nahm sich mit der unkontrollierten Bebauung seines Grüngürtels die eigene Luft zum Atmen. Mit dem Krieg 2011 verwandelte sich die Ghuta in ein Schlachtfeld mit Giftgasangriffen, Belagerungen und Eroberungen. Der Krieg vertrieb die Bewohner, zerstörte die Häuser und verbrannte die Bäume. Von den einst paradiesischen Gärten und blühenden Landschaften dürfte nun nicht mehr viel übrig sein.

West-Ghuta, abgebrannter Olivenhain, 2010
West-Ghuta, abgebrannter Olivenhain, 2010 | Lulu Dombois/Azadeh Rahnama (CC-BY-NC-ND)

Autorenschaft von Azadeh Rahnama und Lulu Dombois. Azadeh Rahnama und Lulu Dombois haben Landschaftsarchitektur an der TU Berlin studiert. 2010 gaben sie ihre Diplomarbeit mit dem Titel Al-Ghouta und Damaskus – eine Geschichte neu erzählt im Fachbereich Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung (bei Professor Prof. Undine Giseke) erfolgreich ab. Zu den Recherchen haben sie Syrien in den Jahren 2008 bis 2010 mehrfach bereist.

ِAutorenschaft von Syrian Heritage Archive Project

Gemeinschaftsprojekt zur Digitalisierung von Beständen des syrischen Kulturerbes aus Deutschland (Museum für Islamische Kunst in Berlin und Deutsches Archäologisches Institut) in der Zeit von 2013-2019

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