von Elisabeth Korinth

Bei der Herstellung eines ‘Ajami-Werkes ist die Qualität der Dekoration und die Präzision der Ausführung in hohem Maße abhängig von den handwerklichen Fähigkeiten und der praktischen Erfahrung des Künstlers. Ein ‘Ajami-Werk herzustellen ist gewöhnlich nicht die Arbeit einer einzelnen Person, sondern einer kompletten Werkstatt. Familien, die sich in diesem Handwerk spezialisierten, blicken oft auf eine lange Geschichte zurück, in der Erfahrungen an die nächste Generation weitergegeben werden. Auf diese Weise konnten Prozesse mit der Zeit optimiert werden. Die Bedeutung der Ausbildung der Künstler darf deshalb nicht unterschätzt werden. Eine symbolische Bedeutung hat außerdem, bei welchem Meister ein Schüler gelernt hat.

In Syrien hat jedes Handwerk hat einen (oder mehrere) Großmeister, die sich durch ihre Erfahrung und die Qualität ihrer Arbeit einen angesehenen Ruf erarbeitet haben. Die Großmeister des Handwerks werden Sheikh al-Kar bzw. Sheikh al-Maslaha genannt. Ein Ehrentitel, der übersetzt der „Scheich des Handwerksgewerbe“ bedeutet.

Darstellung eines Pfauen auf den bemalten Holzpaneelen des Aleppo-Zimmers (© Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Photo: Georg Niedermeiser)

„Ein Sheikh al-Kar“, erklärt Ziad Baydoun, „ist jemand, der das Handwerk von A bis Z alleine durchführen kann, „beginnend mit dem Entwurf des Designs, dem Zuschneiden der Holzplatten bis hin zum letzten Pinselstrich.“ Ein Großmeister muss wissen wie die Farben zusammengesetzt werden und wie er damit experimentieren kann. Die Entwicklung von ‘Ajami erzählt demnach nicht nur die Geschichte eines Handwerks, sondern enthüllt zugrunde liegende kulturelle Konzepte, die Auskunft darüber geben, wie das Handwerk vor einigen hundert Jahren praktiziert wurde, als es noch einem Großmeister unterstellt war.  

Das Handwerk von einem bekannten Meister gelernt zu haben, bedeutet immer noch ein gewisses Prestige, auch wenn es die Rolle des Sheikh al-Kar in seiner ursprünglichen Funktion nicht mehr gibt und dessen politische und religiöse Rolle im Laufe der Zeit verblasst ist. Im Allgemeinen kann jeder das Handwerk erlernen, wenn er in einer Werkstatt beschäftigt ist. Jedoch werden Handwerkstricks und Unternehmensgeheimnisse meist innerhalb der Familie bewahrt, was einerseits den Erfolg des Familienunternehmens sichert. Andererseits erschwert es Außenstehenden, das Handwerk zu erlernen. Das Wissen droht verloren zu gehen und das Handwerk droht in Vergessenheit zu geraten. Im Interview mit Alia Alnuaimi, spricht die Künstlerin über die Schwierigkeiten, die sie zu Beginn ihrer Arbeit aufgrund der fehlenden Ausbildung hatte.

Symbolik der Motive

Während ‘Ajami aufgrund seiner komplexen Herstellungsweise als Luxushandwerk betrachtet wird, geht die Bedeutung der verschiedenen Motive und Bilder über die Farbe und Technik hinaus und drückt eine symbolische Sprache mit versteckten Botschaften aus, die oft durch raffinierte Kalligraphien bereichert wird.

Darstellung der Opferung des Isaaks durch Abraham auf den bemalten Holzpaneelen des Aleppo-Zimmers (© Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Photo: Georg Niedermeiser)

Das Aleppozimmer im Museum für Islamische Kunst in Berlin ist ein außergewöhnliches Beispiel für die verschiedenen Bedeutungsschichten, die in die Bildsprache der dekorierten Tafeln eingebettet sind. Neben einer großen Vielfalt an Blumen, geometrischen Formen und Früchten zeigen die Malereien eine Mischung aus religiösen Szenen, wie beispielsweise dem biblischen Abendmahl und der Opferung des Isaac durch Abraham. Aber auch zeitgenössische künstlerische Darstellungen bekannter persischer und arabischer Literatur wie die Liebesgeschichte von Layla und Majnun sind hier zu finden. Diese Elemente werden durch fantastische, ostasiatische Fabelwesen wie Drachen, Phönixe und das sogenannte Qilin (ein Fabelwesen mit schuppigem Körper und Hirschhörnern) bereichert.

Selbst Motive, die auf den ersten Blick nur als dekoratives Element erscheinen, können tieferliegende Botschaften enthalten. Rami Alafandi widmete seine Forschung der Entstehung und Entwicklung von Motiven in den ‘Ajami-Verzierungen (zu seinem Artikel). Seiner Forschung zufolge symbolisieren Tulpen oft Gott, während Rosen auch als Repräsentation des Propheten Mohammad erscheinen.

Das Handwerk heute

Auch in zeitgenössischen ‘Ajami-Werken findet sich eine persönliche Note des Künstlers, wodurch das Werk zu einem individuellen Ausdruck der Kreativität des Herstellers wird. Jede Werkstatt hat einen eigenen Stil in der Herstellung ihres Kunstwerks. „Ich mag es, versteckte Botschaften in meine Bilder aufzunehmen“, sagt Ziad Baydoun, ein Handwerker aus Damaskus, der derzeit in Malaysia arbeitet, „dies hilft mir einerseits, meine Werke anhand meiner Unterschrift zu erkennen. Andererseits wird das Werk so zu etwas einzigartigem. Manchmal verwende ich die Namen der Bewohner, ihre Sternzeichen und Geburtsdaten.“ Die verzierten Holztafeln spiegeln demnach nicht nur den Charakter der Person wider, die den Raum bewohnt, sondern auch die Identität des Künstlers. Sie verleihen der Ajami-Arbeit damit verschiedene Bedeutungsebenen. Im Interview mit dem Projekt Interactive Heritage Map of Syria erzählt Ziad Baydoun wie er nach Malaysia gekommen ist, wo er versucht die Bedeutung des Handwerks zu vermitteln.

Das Experimentieren mit neuen Materialien und Farben ist ein Teil der Entwicklung neuer Wege und innovativer Methoden dieses Handwerks. „Die schönste Erfahrung für mich war die Einführung von Ölfarben, die ich zuvor nur in der Ölmalerei verwendet habe“, sagt Aliya Alnuami, „das unterscheidet meine Arbeit von anderen, da niemand das gleiche Stück mit den gleichen Farben und Abstufungen herstellen kann.“ Tatsächlich wurden in der Damaszener Werkstatt des Al-Azm-Palastes bereits in den 1920er Jahren Ölfarben verwendet, möglicherweise beeinflusst von den damaligen französischen Werkstattleitern. Die Diskussion darüber, was als authentisch und traditionell gilt und was heutzutage üblich ist, löst oft Debatten aus. Letztendlich verwendet keine heutige Werkstatt die Techniken der alten Großmeister. Zeitgenössische Arbeiten unterscheiden sich wesentlich von denen, die in osmanischer Zeit hergestellt wurden. Dennoch besinnen sie sich auf ein syrisches Handwerk, das über Jahrhunderte praktiziert wurde, erinnern an seine Pracht und sind für eine Vielzahl von Menschen als wichtiger Bestandteil ihres kulturellen Erbes von unschätzbarem persönlichem Wert.


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