von Rami Al-Afandi und Hiba Bizreh

Sie ist nicht wirklich schön, doch beflügelt ihr besonderer, von ihrem Duft und ihrer Farbe herrührender, Charme die Phantasie und versetzt das Herz und die Erinnerung von jedem Ort der Welt aus in den Drogistenmarkt mitten im Bazar von Aleppo. Oder aber ihr betörender Lorbeerduft entführt die Erinnerung auf eine Reise in die öffentlichen Bäder der Altstadt.

Die klassische Aleppo-Seife und ihre Herstellung
Aleppo-Seife – © Jürgen Rese (CC-BY-NC-SA)

Es handelt sich hier um die Aleppo- bzw. Lorbeer-Seife mit ihrer einfachen Würfelform. Seit vielen Jahrhunderten ist Aleppo für die Herstellung berühmt. Diese traditionelle Handwerkskunst war eine der wichtigsten Wirtschaftszweige in Aleppo. Nirgendwo in Syrien wurde so viel Lorbeer-Seife produziert wie hier. Einige Aleppiner Familien waren berühmt für ihre Seifenherstellung in den Seifensiedereien, die in historischen Altbauten untergebracht waren. Die Herstellung erfolgte in örtlichen Manufakturen, die Bestandteile wurden aber aus verschiedenen Regionen Syriens beschafft.

Das Olivenöl, die Hauptzutat, stammt aus dem Westen und Norden von Aleppo, das Lorbeeröl, das der Seife den Duft und die grüne Farbe verleiht, stammt aus dem Küstengebirge: insbesondere aus dem Gebiet zwischen der Grenze zur Türkei bei Antiochia und Kassab. Für die Herstellung der Seife ist ein zudem alkalischer Stoff unbedingt erforderlich. Diesen gewinnt man durch das Einäschern der aus der syrischen Steppe kommenden Anabasis-Pflanze.

Trotz der großen Produktionsmenge hängt die Herstellung der Seife grundsätzlich von der Saison der Olivenernte ab. In der Regel liegt das sogenannte „Seifenkochen“ zwischen November und März oder April.

Die klassische Aleppo-Seife und ihre Herstellung
Seifensiedebehälter in der aj-Jubayli Seifen-Manufaktur – © Jürgen Rese (CC-BY-NC-SA)

Zu Beginn des Mittelalters entstanden in Aleppo die ersten Seifensiedereien, insbesondere im Stadtteil Bab Qinnasrin. Dieses Gewerbe wurde später in den Nord- und Südwesten des Bahsita-Viertels verlegt, wo Olivenöl durch das Bab al-Jinan, das Jinan-Tor, angeliefert wurde. In der al-Masabin- (Seifensiedereien-) Straße, die vom Bab al-Jinan zur Zitadelle führt, befanden sich mehr als 20 Manufakturen. In nördlicher Richtung führte die Seifenstraße zu dem Seifensiederei-Viertel (Hayy al-Masabin), das im Jahr 1975 abgerissen wurde.

Im 16. bzw. 17. Jahrhundert erlebte Aleppo eine wichtige Veränderung bei der Seifenherstellung: Kleine Manufakturen wurden durch große ersetzt, die einen größeren Produktionsumfang gewährleisten konnten. Die meisten dieser Gebäude wurden nicht speziell für die Herstellung von Seife gebaut, sondern von den Seifenherstellern lediglich als Seifensiedereien genutzt. Das Erdgeschoss und die oberen Geschosse der Gebäude wurden entsprechend den Produktionsbedürfnissen umgebaut.

Diese Veränderungen an den Gebäuden machen es schwierig, eine spezielle Typologie der Seifensiedereien auszumachen oder deren Alter überhaupt zu erkennen. Dennoch gibt es einige Seifensiedereien, die seit dem 19.

Die klassische Aleppo-Seife und ihre Herstellung
Masbanat (Seifenfabrik) az-Zanabili, Luftaufnahmen des Innenhofs und der Kuppeln – © Jean-Claude David (CC-BY-NC-ND)

Jahrhundert bestehen. Die Zanabili-Seifensiederei außerhalb des Bab an-Nasr, des Sieges-Tors, und die Jubayli-Seifensiederei im Bab an-Nasr-Viertel zählen zu den ältesten Produktionsstätten in Aleppo; sie gehen sogar zurück auf die Mitte oder das Ende des 18. Jahrhunderts.

Trotz des hohen Stellenwerts der traditionellen Seifensiedereien in Aleppo nahm deren Zahl in der Altstadt während des 20. Jahrhunderts stark ab, sodass sich heute nur noch sechs Seifensiedereien auf zwei Gebiete verteilen: Das erste ist am Bab Qinnasrin, wo sich die Manufakturen Sabuni und al-Jubayli befinden. Das zweite Gebiet ist am Bab an-Nasr, wo sich die beiden Seifensiedereien Zanabili und al-Jubayli und eine weitere Siederei der gleichnamigen Familie, neben der Madrasa ar-Ridaʾiyya, einer osmanischen religiösen Schule, befinden. Eine weitere Zanabili-Seifensiederei befindet sich direkt vor dem Bab an-Nasr. Die Familie Maqiad besitzt eine Seifensiedereien nordwestlich der Zitadelle. Schließlich ist die Seifensiederei Fansa von Khan al-Qadi erwähnenswert, die dann aber umgenutzt wurde.

Die traditionellen Lorbeer-Seifensiedereien beschränkten sich nicht auf die Umnutzung alter Gebäude, viele der Aleppiner Seifenhersteller bauten moderne Einrichtungen, die sich in der ganzen Stadt ausbreiteten. Mit der Ausbreitung der Seifenfabriken widmeten sich neue Familien der Seifenherstellung, wie z. B. die Familien Salalahia, Hammami, Abaji, Abu Dan, Fattal und Khayyata.

Die Phasen des Herstellungsprozesses erfordern eine entsprechende Bauweise in den verschiedenen Abteilungen der Seifensiedereien, die sich in ihrer Größe voneinander unterscheiden. Die Eingänge sind jenen der Basare ähnlich. Sie haben häufig Tonnengewölbe, selten die Kreuzgewölbe. Man gelangt durch sie in einen rechteckigen Innenhof, von dem aus kleine Räume, in denen die Rohstoffe wie Lorbeer und alkalische Materialien, die aus der Verkohlung der Anabasis-Pflanze gewonnen werden, gelagert werden, zugänglich sind. Die Lagerräume werden durch Tonnengewölbe überdeckt.

Die klassische Aleppo-Seife und ihre Herstellung
Masbanat az-Zanabili, Blick auf den Innenhof und die nördliche Innenhoffassade – © Lamia Jasser (CC-BY-NC-ND)

Der Heizraum befindet sich in einem Untergeschoss, das über eine Treppe im Innenhof zugänglich ist.

Die Seifenherstellung in den traditionellen Seifensiedereien kann nur mithilfe größerer Flächen stattfinden. Daher haben diese Bauten meist einen großen Innenhof, der von symmetrischen Arkaden umgeben ist, an die Hallen anschließen. Hier werden die riesigen Seifensiedebehälter mit der flüssigen Zutatenmischung der berühmten Seife gefüllt.

Die klassische Aleppo-Seife und ihre Herstellung
Die Aleppo-Seife wird zum Trocknen gestapelt. (Aj-Jubayli Seifen-Manufaktur) – © Jürgen Rese (CC-BY-NC-SA)

Im Erdgeschoss finden die meisten Arbeitsprozesse statt. Das obere Stockwerk ist auf eine einzige, aber wesentliche Aufgabe spezialisiert: das Trocknen der Seife. Der Architektur des Obergeschosses kommt daher besondere Aufmerksamkeit zu; es ist so angelegt, dass es eine optimale Belüftung der zu trocknenden Seifenstücke gewährleistet. Hier befindet sich eine Halle, die aus parallelen Säulenreihen mit Rundbögen und einem Giebel mit kleinen Belüftungsöffnungen besteht. Jeder Platz in diesem Stockwerk hat seine Funktion. Der Raum zwischen den Säulenreihen ist der ideale Ort, um die weiche Seifenflüssigkeit in die Form zu gießen und sie nach dem Ende des ersten Trocknungsprozesses von Hand zu schneiden. Zwischen den Säulen werden die würfelförmigen Seifenstücke in Form von schönen Türmen aufgestapelt, so dass die Luft alle Seiten der Seife erreichen kann. Dieser Ort duftet sechs bis neun Monate nach Lorbeer. Dies ist die zum Trocknen der Seife benötigte Zeit vor der Verpackung, dem Verkauf oder dem Transport.

Die klassische Aleppo-Seife und ihre Herstellung
Masbanat al-Jubayli, die Seifenstücke werden zum Trocknen dekorativ übereinander gestapelt – © Jürgen Rese (CC-BY-NC-SA)

Der Irak war einer der wichtigsten Märkte für den Vertrieb der Aleppo-Seife. Der dortige Krieg hatte jedoch erhebliche Auswirkungen auf die Exporte und führte zu deren Rückgang. Nichtsdestotrotz führte der Export dieser Seife auf den europäischen Markt zu einer Wiederbelebung des Handwerks. Obwohl der Krieg und die Krise in Syrien einige der traditionellen Seifensiedereien in der Altstadt zerstörten oder beschädigten, stellten die verbliebenen ihre Produktion nicht ein und behielten ihre angestammten Herstellungsmethoden stets bei.

Trotz aller die Seifenindustrie beeinträchtigenden Widrigkeiten haben die Aleppiner nie die Herstellung der Lorbeer-Seife vernachlässigt – sie ist nicht nur eine Einkommensquelle, sondern auch ein Kulturerbe, das eines der wichtigsten Handelszentren des Nahen Ostens auszeichnet.

ِAutorenschaft von Hiba Bizreh

Archäologin aus Syrien. Arbeitete am Syrian Heritage Archive Project in der Zeit von 2018-2019

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