von Hiba Bizreh

Die syrische Jazira – eine außergewöhnlich reiche archäologische Landschaft
Karte Mesopotamiens | Hiba Bizreh (CC-BY-NC-ND)

Die riesige Region des nördlichen Mesopotamien reicht vom Euphrat bis zum Tigris und wird als al-Jazira – arabisch für „die Insel“ – bezeichnet. Im heutigen Nordostsyrien gelegen, umfasst sie die Überschwemmungsgebiete des Euphrat und seiner beiden Hauptzuflüsse, des Khabur und des Balikh.

Eine natürliche Grenze stellen die beiden Gebirgszüge Jabal ʿAbd al-ʿAziz und Jabal Sinjar  dar, die die fruchtbare, nördliche „Obere Jazira“ von der südlichen „Unteren Jazira“ mit ihren mancherorts kargeren Böden separiert.

A general view of ʿAbd al-ʿAziz Mountains, showing the village of Al-Ghara, which contains the shrine of ʿAbd al-ʿAziz
Blick auf den Höhenzug ʿAbd al-ʿAziz mit dem Dorf Al-Ghara, wo sich der Schrein von Shaykh ʿAbd al-ʿAziz befindet, 1990 | Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz (CC-BY-NC-SA
Die syrische Jazira – eine außergewöhnlich reiche archäologische Landschaft
Auf dem Khabur bei Raʾs al-ʿAyn, einfache Seilfähre aus leeren Fässern, 1989 | Karin Pütt (CC-BY-NC-ND)

Dank jährlicher Niederschläge von mehr als 300 mm (unweit der östlichen Taurusausläufer) lassen sich Feldfrüchte, vor allem Weizen, in der Oberen Jazira im Regenfeldbau anbauen. Im Süden hingegen erfordert die Kultivierung des Landes, insbesondere der Anbau von Baumwolle, künstliche Bewässerung, der Regen würde hier keinesfalls ausreichen. Viehzucht ist in der gesamten Jazira eine wichtige Grundlage des täglichen Lebens, es werden Schafe, Ziegen und Kühe gehalten.

Der Khabur als wichtigste Lebensader die Region durchfließt beide Teile des nördlichen Mesopotamien. Die weiten Steppen und Täler des Flussbeckens mit ihren zahlreichen, vor allem in Stromnähe befindlichen archäologischen Fundstätten, sind Zeugen einer Besiedlung durch den Menschen seit prähistorischer Zeit.

Die syrische Jazira – eine außergewöhnlich reiche archäologische Landschaft
Karte des Khabur-Bassins mit den wichtigsten archäologischen Stätten | Hiba Bizreh (CC-BY-NC-ND)

Der nördliche Teil des Khabur-Beckens weist eine dreieckige Form auf, und wird als „Khabur-Dreieck“ oder „Oberer Khabur“ bezeichnet. Die moderne Stadt al-Hasaka befindet sich im südlichen Winkel dieses Dreiecks, das viele kleinere und größere Orte wie Raʾs al-ʿAin und al-Qamishli umfasst. In dieser Region fließt eine Reihe von Wadis zusammen, die in den Khabur münden. Trotz der Trockenheit im Sommer erwacht die Region im nächsten Frühjahr dank der winterlichen Niederschläge – vor allem auch aus dem nördlich anschließenden Tur Abdin-Gebirge (heute Türkei) – wieder zum Leben.

Das mittlere Khabur-Becken liegt zwischen den Städten al-Hasaka und al-Shaddada, während der südlichere Teil bis zur Mündung in den Euphrat bei Busayra/al-Bsira als das untere Khabur-Becken bezeichnet wird.

Tall ʿAjaja, view towards the Khabur from the archaeological Tall
Tall ʿAjaja, Blick vom Siedlungshügel auf den Khabur, 1984 | Deutsches Archäologisches Institut (CC-BY-NC-SA)
Die syrische Jazira – eine außergewöhnlich reiche archäologische Landschaft
Khabur mit Weidenbäumen am Ufer, 1963 | Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin, collection Eugen Wirth (CC-BY-NC-SA)

Seit dem 19. Jahrhundert fühlten sich Archäologen und Reisende von der an historischen Stätten reichen Khabur-Region angezogen. Erste Funde wurden im Jahre 1850 verzeichnet, als der britische Archäologe Austen Henry Layard im Gebiet des unteren Khabur Ausgrabungen durchführte. Im Jahre 1893 bereiste der deutsche Diplomat Max von Oppenheim (siehe Artikel „Der Eselsführer von Max von Oppenheim) die Region und beschrieb einige wichtige Fundstätten an den Flussufern des Khabur.

1907/08 untersuchten Ernst Herzfeld und Friedrich Sarre viele altorientalische Siedlungshügel (Talls) am Westufer des Flusses. Die ersten genaueren Geländeuntersuchungen an Talls des unteren Khaburs und südlich von Hasaka fanden zwischen 1975 und 1977 im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Tübinger Atlas des Vorderen Orients“ (TAVO) statt, bei dem 55 archäologische Orte entdeckt wurden. Sie stammen aus verschiedenen altorientalischen Perioden, vor allem aus der Bronzezeit (3000-1200 v. Chr.) – so wie beispielsweise Tall ʿAjaja und Tall Taban. In Tall Shaykh Hamad/Dur Katlimmu gräbt ein Team der FU Berlin unter der Leitung von Hartmut Kühne seit 1978, das 550 keilschriftliche akkadische und 40 aramäische Texte geborgen hat.

Tall ʿAjaja, remains of a mud brick wall, 9th c. BC
Tall ʿAjaja, Reste einer Lehmziegelwand aus dem 9.Jahrhundert v. d. Z., 1984 | German Archaeological Institute (CC-BY-NC-SA)
Tall Shaykh Hamad (Dur Katlimmu) - Excavations
Tall Shaykh Hamad (Dur Katlimmu), Grabung, 1986 | Deutsches Archäologisches Institut (CC-BY-NC-SA)
Die syrische Jazira – eine außergewöhnlich reiche archäologische Landschaft
Tall Taban, Keramikgefäß, 1991 | Deutsches 
Archäologisches Institut, photo Michael Meinecke (CC-BY-NC-SA)

Ab 1983 erforschte ein französisches Team unter der Leitung von Jean-Yves Monchambert das mittlere und untere Khabur-Becken systematisch, nachdem die syrische Generaldirektion der Altertümer und Museen einen internationalen Aufruf zur Dokumentation der historischen Stätten gestartet hatte, da drei geplante Stauseen  diese Stätten überfluten würden. Das französische Team konnte 58 historische Stätten identifizieren, darunter auch Tall Umm Qsayr (Qseir)[1], Tall Ziyada[2] und Tall Raqa’i. Letzterer wurde von der niederländisch-amerikanischen Mission unter der Leitung von Glenn Schwartz und Hans Curvers ausgegraben. Spätere Ausgrabungen an einigen von ihnen ergaben, dass sie archäologische Schichten enthielten, von denen die frühesten aus der Halaf-Periode stammen, gefolgt von der Obed-Zeit (5000-3800 v. Chr.), Uruk-Kultur (3800-3100 v. Chr.), Bronzezeit, klassische Periode, die spätesten stammen aus der frühislamischen Zeit.

Als eine der wichtigsten Fundstätten des mittleren Khabur wurde Tall Mashnaqa entdeckt, der von J.-Y. Monchambert in den Jahren 1985 und 1986 ausgegraben wurde. Danach setzte ein französisches Team unter der Leitung von Dominique Beyer die Forschungen zwischen 1992 und 2000 fort. Bevor Tall Mashnaqa vom Wasser des Stausees überflutet wurde, konnte D. Beyer umfangreiche Ausgrabungen durchführen, die belegen, dass Mashnaqa der – bislang – einzige Tall in der Region des mittleren Khabur ist, der eine Kontinuität menschlicher Besiedlung vom 5. Jahrtausend v. Chr. (Obed-Periode) bis zum 3. Jt. v. Chr. aufweist, ebenso wie eine spätere römische Besiedlung. Das 4. Jt. vor unserer Zeit – sprich: die sogenannte Uruk- Kultur – spielt hier eine besondere Rolle, da aus dieser Zeit wichtige Entdeckungen wie Herde, Brennöfen, Mittelsaalhäuser und ferner auch ein großer, runder Bau, der wohl zu Verteidigungszwecken errichtet wurde, stammen.

Die syrische Jazira – eine außergewöhnlich reiche archäologische Landschaft
Tall Mashnaqa, Mittelsaalhaus aus der Nach-Obed-Periode, Blick nach Südwesten, 1996 | Dominique Beyer (CC-BY-NC-SA)
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Tall Mashnaqa, runder Ofen (im Hintergrund), der an einen rechteckigen Raum angebaut wurde und den die Ausgräber „Backhaus“ nennen – stammend aus der mittleren Uruk-Zeit, 1994 | Dominique Beyer (CC-BY-NC-SA)

Weitere ausländische Missionen folgten dem Aufruf der Generaldirektion der syrischen Altertümer und Museen, darunter die Universität Laval in Kanada, die mit Rettungsgrabungen an zwei Stätten im Mittleren Khabur begann: Tall ʿAtij (am östlichen Ufer) und Tall Judayda (Gudayda) (am westlichen Ufer) ca. 19 km südlich von Hasaka. Die systematischen Ausgrabungen an beiden Stätten wurden von Michel Fortin von 1986 bis 1993 durchgeführt. Er konnte mehrere Gebäude aus der frühen Bronzezeit (erste Hälfte des 3. Jahrtausends) nachweisen – vor allem in Tall ʿAtij, wo die kanadische Mission eine Art Handelsstation entdeckte, die mit mehreren Vorrichtungen zur Lagerung verschiedener Produkte, vor allem aber von Getreide, ausgestattet war.

Einige Kilometer südlich von Tall ʿAtij liegt Tall Bdiri, das während der frühen Bronzezeit ein wichtiges Zentrum in der Region des Mittleren Khabur mit einer Fläche von 6 ha war. Die Ausgrabungen an diesem Ort begannen 1985 und wurden bis 1992 von einer deutschen Mission unter der Leitung von Peter Pfälzner fortgesetzt.

Auch im Khabur-Dreieck zeugen viele Orte von der altorientalischen Geschichte, wie z. B. das an den Ufern des Jaghjagh-Wadis liegende Nagar, das heutige Tall Brak. Dort wurden Ausgrabungen bereits in den 1930ern unter der Leitung des Briten Max Mallowan begonnen und von anderen britischen Archäologen bis zum Jahre 2006 fortgesetzt. Tall Brak gilt als einer der ältesten Orte der Welt, wo bereits zu Beginn des 4. Jts. v. Chr. städtische Ausmaße und Komplexität erreicht wurden. Die Stadt behielt ihre politische Bedeutung und wirtschaftliche Macht während des größten Teils des 3. Jts. v. Chr. Der Haupthügel mit seinen 43 ha enthält Besiedlungsspuren des Menschen vom Beginn des 6. (Halaf-Kultur) bis hin zum Ende des 2. Jts. v. Chr. (Ende der Spätbronze/mittelassyrische Zeit). Zwischen dem Beginn des 4. und über einen großen Teil des 3. Jts. v. Chr. konnte die Stadt ihre große politische und wirtschaftliche Kraft aufrechterhalten. Zu den bedeutendsten Bauten der Uruk-Kultur gehört der sogenannte Augentempel. Aus dem 3. Jts v. Chr hat der Palast des Akkadierkönigs Naram-Sin die Zeiten überdauert.

Tall Brak, ruins of the Eye Temple 4, 4th millennium BC
Tall Brak, Ruinen des sog. Augentempels mit seinen erodierten Mauern, 2004 | Rami Alafandi (CC-BY-NC-SA)
Die syrische Jazira – eine außergewöhnlich reiche archäologische Landschaft
Tall Brak, Augenamulette aus dem Augentempel | Zunkir CC-BY-SA 4.0
Tall Brak (Nagar), ruins of Naram-Sin Palace, 3rd millennuim BC. [Original photo name: naram sin palace2]
Tall Brak (Nagar), Ruinen des Naram-Sin-Palastes, 3. Jahrtausend v., 2004 | Rami Alafandi (CC-BY-NC-SA)

Mehr als 60 Jahre nach dem Grabungsbeginn auf Tall Brak wurde durch den Fund von Architektur- und Keramikresten eine weitere, in Fortschritt und Zivilisation durchaus in Konkurrenz stehende Stadt aus dem 4. Jt. entdeckt: Tall Hamoukar im östlichen Teil des Khabur-Dreiecks unweit der heutigen irakischen Grenze. Dort forschte das Oriental Institute der University of Chicago in Zusammenarbeit mit einem syrischen Team seit 1999. Die Blütezeit der Stadt ist durch die Entwicklung eines differenzierten städtischen und lokalen Sozialsystems gekennzeichnet und steht beispielhaft für Stätten im nördlichen Mesopotamien während der Uruk-Zeit.

Am Wadi Da’a im oberen Khabur befindet sich der Tall Shaghar Bazar (Chagar Bazar), der zunächst von Max Mallowan in Begleitung seiner Frau Agatha Christie von 1935 bis 1937 ausgegraben wurde. Die Arbeiten wurden 1999 von einer Expedition der British School of Archaeology in Zusammenarbeit mit der Universität Lüttich und der syrischen Generaldirektion für Altertümer und Museen wiederaufgenommen. Bei den Ausgrabungen wurde eine bedeutende Siedlung aus der Halaf-Periode (6. Jahrtausend v. Chr.) entdeckt, die durch meist geometrisch bemalte Keramik und Figuren nackter Frauen, die die Fruchtbarkeit darstellen, gekennzeichnet ist. Die Stätte war bis zum Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. fast ununterbrochen bewohnt und wurde in der mittleren Bronzezeit (2004-1595 v. Chr.) neu besiedelt. Im 18. Jahrhundert v. Chr. war Shaghar Bazar eine der wichtigsten Städte des assyrischen Reiches. Ein bedeutendes Gebäude – vielleicht ein Palast – wurde teilweise ausgegraben und lieferte über 300 Tontafeln mit Verwaltungstexten. Die Stätte wurde in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. vollständig aufgegeben.

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Tall Shaghar Bazar, Blick auf den tiefer gelegenen Teil  des Talls, 2010 | Hiba Bizreh (CC-BY-NC-ND)
Children on the Tall of Shaghar Bazar
Kinder auf dem Tall Shaghar Bazar, 1989 | Karin Pütt (CC-BY-NC-ND)

In der Nähe von Tall Brak liegt Tall Baydar (Beydar) am Wadi Awayj, das den historischen Namen Nabada trägt. Inschriften von dort bezeugen, dass die Stadt vor allem im 3. Jt. v. Chr. bewohnt und im Jahre 2425 v. Chr. einer der Hauptorte des Königreichs von Nagar (Tall Brak) war. Europäisch-syrische Teams unternahmen aufgrund von dessen Wichtigkeit 16 Grabungskampagnen zwischen 1992 und 2010, die Aufschluss über eine große runde, gut befestigte Stadt mit sieben Toren gab. Diese wurde während der hellenistischen Zeit teilweise wieder benutzt.

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Tall Baydar, Teil des Talls südlich der Akropolis mit der „weißen Halle“, dem Tempel D und dem „südlichen Platz“, 2010 | Hiba Bizreh (CC-BY-NC-ND)
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Tall Baydar, majestätische Treppe, die zur Akropolis, zu den Tempeln C, D und A sowie zum Palast, südlich der Oberstadt führt, 2010 | Hiba Bizreh (CC-BY-NC-ND)

Ende der siebziger Jahre untersuchte ein von Diederik Meijer geführtes niederländisches Team einen großen Teil des Khabur-Dreiecks, etwa zur gleichen Zeit führte eine Gruppe der Yale University Forschungen in und um Tall Laylan (Leilan) durch. Erkenntnisse und Funde beider Teams konnten die Jungsteinzeit über die wichtigsten Phasen des Alten Orients wie Obed-, Uruk- und Bronzezeit bis zur islamischen Epoche belegen.

Russische Archäologen spielten ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Erforschung des Oberen Khaburs. Der von ihnen entdeckte Tall Khazna liegt ca. 25 km nördlich von Hasaka am linken Ufer des Wadi Khanzir. Von 1988 bis 2000 führte ein russisches Team, geleitet von Rauf M. Munchaev, Grabungen durch, die eine charakteristische Architektur aus der Übergangszeit zwischen später Obed- und früher Uruk-Zeit bis zum 3. Jahrtausend ans Licht brachten.

Die Erforschung des Oberen Khabur wurde zwischen 1989 und 1991 von der französischen Mission unter der Leitung von Bertille Lyonnet fortgesetzt. Ziel dieser Kampagnen war es, die geoarchäologische Entwicklung der Region während des 2. Jts. v. Chr. zu beleuchten. Aufgrund des archäologischen Reichtums aus verschiedenen altorientalischen Epochen konnte die Mission sowohl die Geschichte der Stätten als auch die Entwicklung der Umwelt des Oberen Khabur rekonstruieren. Lyonnet untersuchte 64 Stätten, darunter einige aus dem präkeramischen und dem keramischen Neolithikum (8300-5600 v. Chr.) wie Tall al-Fukhayriyya (Fakhriyya) und Sikr al-Uhaymir. Die Mission konnte bemalte Halaf-Keramik (5600-5000 v. Chr.) von 40 Fundorten sammeln. Ihre Forschungen stellen einen weiteren maßgeblichen Hinweis zur dichten Besiedlung des Oberen Khaburs und dessen zentrale Rolle in der Halaf-Zeit dar. Zuvor hatte eine japanische Forschergruppe im Jahre 1985 einige wichtige Entdeckungen auf Tall Kashkashuk ebenfalls aus der Halaf-Zeit gemacht.

Tall Halaf with the Khabur-valley, seen from the northeast during the rainy season
Tall Halaf mit dem Khabur-Tal, Blick von Nordosten, während der regnerischen Jahreszeit, 1963 | Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin, collection Eugen Wirth (CC-BY-NC-SA)
Main entrance.
Der Eingang des Nationalmuseums in Aleppo stellt eine Rekonstruktion des Palastes von Guzana (der heutige Tall Halaf) dar, 2002 | Peter Heiske (CC-BY-NC-ND)
Die syrische Jazira – eine außergewöhnlich reiche archäologische Landschaft
Tall ʿArbid, Architektur, 2010 | Hiba Bizreh (CC-BY-NC-ND)

Der Siedlungshügel, dem diese Kultur ihren Namen verdankt, ist das am Ufer des Khabur gelegene Tall Halaf unmittelbar an der heutigen syrisch-türkischen Grenze. Der deutsche Diplomat und Archäologe Max von Oppenheim hatte 1893 diesen Hügel entdeckt, woraufhin er ab 1911 umfangreiche Ausgrabungen unternahm, die eine  Besiedlung des Ortes seit dem 6. Jahrtausend und eine Blütezeit im 5. Jahrtausend v. Chr. belegen. Anschließend ist der Ort lange Zeit unbewohnt gewesen, bevor zu Beginn des 1. Jts. v. Chr. Aramäer dort das Guzana-Königreich errichteten. Dieses überlebte den Untergang des assyrischen Reiches und blieb bis zur römischen und parthischen Zeit bestehen.

Neben den oben genannten Stätten gibt es im Oberen Khabur-Becken noch viele weitere Stätten, die von der großen Bedeutung der Region in der Geschichte des Alten Orients zeugen. Darunter auch Tall Barri, das seit 1980 von einer gemeinsamen italienisch-syrischen Mission unter der Leitung von Emilio Pecorella ausgegraben wird, und Tall ‘Arbid, das wichtige Funde aus dem 3.Jahrtausend v. Chr. zutage gebracht gebracht hat. Die Ausgrabungen wurden von einer polnisch-syrischen Mission unter Piotr Bieliński durchgeführt.

Urkesh, das heutige Tall Mozan, gehörte zu den Städten des Altertums, die vom 4. bis in die zweite Hälfte des 2. Jts. v. Chr. maßgeblich zur politischen Entwicklung des nördlichen Mesopotamien beitrugen. Dort kamen viele Bauten aus der akkadischen Zeit – im 3. Jahrtausend v. Chr., als die Stadt auf dem Gipfel ihrer Entwicklung war – zum Vorschein, darunter der Kumarbi-Tempel (2400 v. Chr.) und der alte königliche Palast (2300 v. Chr.). Giorgio Buccellati leitet seit 1984 nicht nur die syrisch-amerikanische Mission, sondern initiierte auch Projekte für einen öko-archäologischen Park und für die Herstellung kunsthandwerklicher Erzeugnisse durch Frauen aus den Dörfern der Region.

Die seit mehr als einem Jahrhundert anhaltenden Forschungen brachten viele wichtige Erkenntnisse mit sich und zeigen zu welch fortschrittlichen Kultur-, Gesellschafts- und Politikentwicklungen – vergleichbar mit dem Süden des Zweistromlandes – die syrische Jazira seit Ende des 5. Jts. v. Chr. gelangt war. Sie ist somit auch eines der ersten Zentren der Zivilisation des Nordens.

Die bedeutenden Rettungsgrabungen der wichtigsten Stätten des Khabur-Beckens vermitteln einen riesigen Pool ans Erkenntnissen – dennoch mussten viele von ihnen dem Wasser weichen. Es ist bedauerlich, dass sie viele Talls vollständig von den Stauseen des „Khabur al-Kabir Basin Irrigation Project” (Khabur-West, Hasaka-West, Hasaka-Ost) überflutet wurden – unter ihnen Tall Mashnaqa, Tall Ziyada, Tall Knaydij (Knedij), Tall Taban und Tall Bdiri. Andere Stätten wurden von den Fluten überschwemmt, bevor die Ausgräber sie erreichten, womit deren Geschichte untergegangen ist. Trotz dieses großen Verlustes gibt der Reichtum der Jazira an archäologischen Überresten Anlass zu Optimismus, denn viele andere Stätten warten noch auf  Ausgräber und werden uns hoffentlich neue Erkenntnisse über die Kulturen des Alten Orients liefern.

Die syrische Jazira – eine außergewöhnlich reiche archäologische Landschaft
Westlicher Teil von Tall Mashnaqa – das Foto wurde 1998 nach der Flutung des Khabur-Stausees vom Boot aus aufgenommen | Dominique Beyer (CC-BY-NC-SA)
Die syrische Jazira – eine außergewöhnlich reiche archäologische Landschaft
Tall Taban, Fernblick auf den Hügel mit Khabur und Feldern im Vordergrund, 1984 | Deutsches Archäologisches Institut (CC-BY-NC-SA)
From the guest house the logs of the roof have already been removed, as the resettlement of the village Abu Hajayra was approaching
Vom Gästehaus wurden bereits die Rundhölzer des Daches entfernt, da die Umsiedlung des Dorfes Abu Hajayra bevorstand, 1990 | Karin Pütt (CC-BY-NC-ND)

Beitragsbild: Tall Baydar, Tempel B mit gestaffelten Lisenen und einer Lehmziegelbank davor, 2010 | Hiba Bizreh (CC-BY-NC-ND)


[1]Eine systematische Grabung in Tall Umm Qsayr, 25 km südlich von Hasaka, erfolgte 1986 unter der Leitung von Frank Hole/Yale University.

[2]Der Tall befindet sich am rechten Khabur-Ufer, etwa 14 km südöstlich von Hasaka, und wurde zwischen 1988 und 1990 unter der Leitung von Georgio Buccellati/University of California ausgegraben. In den Jahren 1996 und 1997 übernahm ein Team der Yale University unter der Leitung von Frank Hole die Ausgrabung.


Autorenschaft von Hiba Bizreh: Hiba Bizreh ist Archäologin und arbeitet seit 2018 für das Syrian Heritage Archive Project. Sie hat 2015 an der Universität Straßburg (Frankreich) promoviert. In ihrer Doktorarbeit „Untersuchungen zur proto urbanen Periode in der Region Khabur“ befasste sie sich mit Tall Mashnaqa, einer Stätte, die sich durch kontinuierliche menschliche Besiedlung vom fünften (Obed-Periode) bis zum dritten Jahrtausend v. Chr. auszeichnet.

ِAutorenschaft von Hiba Bizreh

Archäologin aus Syrien. Arbeitete am Syrian Heritage Archive Project in der Zeit von 2018-2019

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