Der Krieg in Syrien, der dem Land und vielen archäologischen Stätten irreparable Schäden zugefügt hat, zerstörte zugleich besondere Traditionen der Architektur, so unter anderem jene der Kuppelhäuser.

Beinahe jedem westlichen Reisenden, der Syrien während der letzten 200 Jahre besuchte und darüber berichtete, waren die bienenkorbartigen Häuser mancher Regionen und ihre pittoreske Schönheit aufgefallen. Komplett aus luftgetrockneten Ziegeln mit örtlichem Lehm errichtet, stellen sie auch eine nachhaltige Bauweise dar.

In weiten Teilen Syriens waren Kuppelhäuser die übliche Bauweise im 19. und 20. Jahrhundert. Sie fanden sich östlich von Homs bis südlich von Aleppo nahe dem Jabbul-Salzsee und sowie von ar-Raqqa am Euphrat in nördliche Richtung bis in die Kobane- und die türkische Harran-Region. Kuppelhaus-Dörfer liegen auch am Rande der Syrischen Wüste (Badiya), wo ein Dorf wie Shaykh Hilal östlich von Salamiyya heute noch viele bewohnte Kuppelhäuser aufweist. Es sind dies Regionen, wo Bauern und sesshaft gewordene Nomaden leben, welche eine bescheidene Landwirtschaft betreiben.

Spätestens seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts verlassen viele Bewohner die Region auf der Suche nach besseren Einkommensmöglichkeiten und aus vielen anderen Gründen. Wenn deren Häuser nicht mehr unterhalten werden und leer stehen, stürzen die Kuppeln irgendwann ein. Andere Häuser sind dagegen immer noch bewohnt. Die Kenntnisse über den Kuppelbau sind in Gefahr zu verschwinden, obwohl diese Konstruktionstechnik über Jahrtausende in der Großregion verankert war.

Verlassenes Dorf südlich von Aleppo

Als ich im März 2018 in die ländliche Region südlich von Aleppo reiste, stieß ich auf mehr verlassene und geisterhafte Dörfer als mir vor dem Krieg bekannt waren. Die Kuppelhäuser lagen in Ruinen – Opfer eines seit acht Jahren anhaltenden Konflikts. Diese Beobachtungen zeigten mir die Dringlichkeit, eine Strategie zur Rettung dieses Architekturerbes zu entwickeln. Deshalb entschloss ich mich, eine Baustelle für ein Kuppelhaus einzurichten. Dieses Vorhaben sollte vor allem zwei Zielen dienen: Erstens soll das Wissen über diese Art der Wohnform erhalten und aufgezeichnet werden. Zweitens soll demonstriert werden, dass der Bautyp des Kuppelhauses an die Bedürfnisse der heutigen Welt angepasst werden kann.

Aus Sicherheitsgründen war es notwendig, dass ich eine solche Baustelle im Libanon einrichtete, wo wir auf dem Gelände des Zentrums der Nicht-Regierungsorganisation (NGO) „arcenciel“ im Ort Taanayel in der Bekaa-Ebene bauen konnten. Dort haben wir mit Hilfe von syrischen Maurern ein Kuppelhaus errichtet. Wir standen bei der Realisierung dieses Projekt vor dem Problem, einen Maurermeister zu finden, der diese Baupraktik noch beherrscht, zumal in den letzten 50 Jahren nur noch wenige Kuppelhäuser gebaut worden waren.

Der Einrichtung der Baustelle ging ein Untersuchungs- und Interviewprozess voraus. Im Libanon sind die syrischen Flüchtlingslager entsprechend der geografischen und familiären Herkunft der Zeltbewohner unterteilt. Sie waren bei unseren Recherchen eine wesentliche Quelle, um ein Team von Arbeitern zusammen zu stellen. Das Team bestand aus Leuten, die mit dieser Architekturform vertraut waren und das Projekt durchführen konnten, weil sie die traditionellen Bau- und Konstruktionspraktiken noch kannten.

Struktur eines Kuppelhauses in Taanayel kurz vor dem Ende des Bauprozesses

So kam es, dass Ende Oktober mit finanziellen Mitteln des Cultural Protection Funds des British Council ein mit zwei Kragkuppeln bekröntes Haus das Licht der Welt erblickte – dank der Zusammenarbeit von zwei Architekten, einem Ethnologen, einem Maurermeister und zehn Arbeitern. Ein Handbuch für die Konstruktion, d.h. eine praktische Bauanleitung, wird derzeit erstellt und auf der Webseite von „arcenciel“ veröffentlicht werden. Sie soll jedem, der ein Kuppelhaus bauen möchte, als Anleitung dienen.

Auch wenn der Wert einer solchen Bauanleitung unbestritten sein mag, stellt sich dennoch am Ende des Projekts die Frage nach der Zukunft dieser Architektur.

Im Falle einer Rückkehr nach Syrien werden die Bewohner der betroffenen Dörfer mit vielen gravierenden Problemen konfrontiert sein. So zunächst die Frage der Rückkehr selbst, die für manche Bewohner unumkehrbar sein könnte, da sie nicht mehr in den Libanon werden einreisen können. Aus manchen Familien werden Einzelne vorab zurückkehren, um für die Behausung der ganzen Familie zu sorgen. Eine Rückkehr kann für manche nur unter der Voraussetzung stattfinden, dass eine politische Lösung für die Rückkehr von Regimegegnern gefunden und die Region entmilitarisiert wird.

Generell ist zu befürchten, dass die Architekturform des Kuppelhauses gar nicht in Betracht gezogen wird. Dafür gibt es praktische Gründe, da die Wissensvermittlung vom Meister an den Lehrling abgerissen ist und die letzten mit Kuppelbau vertrauten Meister verschwunden sind. Oder weil konstruktive Probleme beim Bau einer Kuppel durch Ungelernte auftauchen. Außerdem waren die Menschen über viele Jahre hinweg von ihrem kulturellen Erbe getrennt und haben andere Hausformen kennengelernt. Dies trifft in besonderem Maße auf die junge Generation zu, die von der traditionellen Architektur abgeschnitten und entfremdet aufgewachsen ist und sich deshalb nur schwer damit identifizieren kann.

Auch wenn man zum jetzigen Zeitpunkt die Geschehnisse nicht vorhersagen kann, wird die Rückkehr wahrscheinlich unter schwierigen, von Armut geprägten Bedingungen vonstatten gehen. Viele der rückkehrenden Geflüchteten werden vermutlich keinen Zugang zu industriell gefertigten Baumaterialien haben, da diese zu teuer geworden sind. Unter dem Druck, so schnell wie möglich eine Unterkunft zu finden, werden sie notwendigerweise auf die verfügbaren lokalen Materialien zurückgreifen müssen. Das sind an erster Stelle aus Erde gewonnene Baumaterialien; sie könnten die einzige Möglichkeit sein, sich eine Wohnstätte zu errichten.

Der Bau von Lehmziegelhäusern mag durch Not diktiert sein. Wenn die Baumeister aber zeitgemäße Lösungen und Praktiken vorschlagen, die den modernen Bedürfnissen vor allem der jungen Generation entsprechen, könnte das Leben in diesen Häusern nicht mehr als Zwang empfunden, sondern als bewährte Wohnform anerkannt werden. Der syrische Lehmbau kann damit eine Antwort liefern auf die Herausforderungen unserer Zeit.

Houda Kassatly

Links zum Thema:

http://arcenciel-en.org/2018/06/05/chantier-de-construction-dune-maison-a-coupoles/

https://www.britishcouncil.org/arts/culture-development/cultural-protection-fund/dome-houses-syria

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ِAutorenschaft von Huda Kassatly

Anthropologin, Dokumentaristin und Fotografin mit Abschluss in Philosophie aus Libanon

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