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„In der zauberhaften Stadt Hama hindert den Betrachter alles daran, an irgendetwas zu denken … Große, drei- oder vierstöckige Wasserschöpfräder (Norias) leiten das geschöpfte Wasser in der Luft zu höher gelegenen Bewässerungskanälen, die aus Steinen bzw. Holz gebaut sind, um die umliegenden Obstplantagen zu bewässern.
Die von den Norias erzeugten langen Melodien verbreiten sich über den Äther … ein vergessener Traum am Flussufer und Teil eines Gedichts, das melodisch mit einem einfachen Musikinstrument aus Liebe und Unbekümmertheit zum Ausdruck gebracht wird. Es ist die Inspiration des aus der immergrünen Natur erklingenden Vogelgezwitschers. Das azurblaue Konstrukt aus dem Reich der Phantasie ist aus zerbrechlichem Material gefertigt worden .Es entzieht sich unserer Kenntnis, wer es errichtet hat und was der Sinn seiner Errichtung ist. Eines aber wissen wir: sein Gleichgewicht kann es nur mit der Kraft der Träume aufrechterhalten.“
Das ist die fantastische Beschreibung der Norias durch die Brüder Tharaud in ihrem Buch „Der Damaskus-Weg“ (Le chemin de Damas), erschienen in Paris im Jahr 1923. Es ist seit jeher die bekannteste Beschreibung der Schönheit und Großartigkeit der Norias in der Stadt Hama.

Hölzerne Wasserschöpfräder am Orontes (Nahr al-ʿAsi) fanden sich früher nicht nur in Hama. Im gesamten Verlauf des Flusses waren früher 80 Norias in Betrieb.

Der Fluss Orontes entspringt einer Quelle im Libanon und fließt dann in nördlicher Richtung durch die mittlere Ebene von Syrien. In der Nähe von Antakya verändert der Orontes seine Flussrichtung nach Westen und mündet dann bei Samandag ins Mittelmeer. Die Mehrheit der Norias jedoch waren in der Umgebung von Hama angesiedelt.

Es waren die Araber, die diese Konstruktion, die aus einem Wasserschöpfrad besteht,  als Noria bezeichneten. Es ist nicht bekannt, wann Norias erfunden worden sind. Ein Mosaikbild aus der Stadt Apameia (Afamiya) aus dem Jahr 469 n. Chr. belegt, dass die Wasserschöpfräder bereits in byzantinischer Zeit bekannt waren.

Die Wasserschöpfräder wurden bis zum Beginn des 21. Jahrhundert nach dem gleichen uralten Prinzip errichtet: Das Schöpfrad aus Holz und die Grundpfeiler aus Stein.

Die Norias: ein exzellentes hydraulisches System

Seit der Urzeit war der Mensch auf der Suche nach effizienten Wasserschöpfsystemen für Flusswasser zur Deckung seiner alltäglichen Bedürfnisse und insbesondere zur Bewässerung der Ackerflächen. Anfangs benutzte der Mensch primitive Geräte wie Kübel und Tröge. Danach entstand der Bedarf an Energie zum Antrieb von Wasserschöpfgeräten. Das Tier stand als einzige Quelle für diesen Zweck zur Verfügung.

Der Quantensprung bei der Wasserschöpftechnik wurde durch den Einsatz von kostenloser Wasserenergie mithilfe von Wasserkübeln bzw. Wasserkästen, also des Prinzips der Noria, am Orontes erzielt. Das eigentliche Bewässerungssystem, das durch die Norias ermöglicht wird, beginnt bei der Stadt Rastan (Mittelsyrien) auf halbem Weg zwischen Homs und der nördlich gelegenen Stadt Hama. In diesem Gebiet bahnt sich der Orontes seinen Lauf durch die Kalksteinschichten des zentralen syrischen Plateaus. Hier wird eine einfache Bewässerung unmittelbar aus dem Fluss zu einem unmöglichen Unterfangen; die Norias boten eine machbare Lösung zur Nutzung des Wassers.

Das alte Norias-Hydrauliksystem ist das am besten entwickelte Bewässerungssystem in der Geschichte Syriens. Diese Erfindung ist von höchster Bedeutung für die notwendige Bewässerung angesichts des durch sommerliche Trockenheit gekennzeichneten mediterranen Klimas. Darüber hinaus ist dieses System für die Wasserversorgung der am Flussufer liegenden Städte lebensnotwendig.

Norias (Wasserräder) in Hama

Hama, Stadt der Norias

Hama ist eine der alten syrischen Städte entlang des Orontes. Sie wird auch als Stadt des Geographen Abu al-Fidaʾ (1273–1331) bezeichnet, der die Stadt von 1310 bis 1331 n. Chr. regierte. Die Vielzahl der Wasserschöpfräder hat der Stadt den weiteren Beinamen „Die Stadt der Norias“ beschert. Auf zwei Kilometern verteilen sich entlang des Flusses 16 Norias, die die Felder auf beiden Flussseiten bewässern, wodurch an vielen Stellen ein breites Flussufer entsteht.

Norias werden mit der Wasserkraft des Flusses angetrieben. Die hölzernen Schöpfräder der Norias sinken in das Flussbett. Zur Beschleunigung ihrer Umdrehung werden kleine abgeschrägte Dämme vor sie gebaut, um so das Wasser zu stauen und schnell in die sogenannten Buchten fließen zu lassen. Das Wasser trifft mit Wucht in die einzelnen Schöpfkästen, sodass die großen Wasserräder sich drehen und das Wasser darin nach oben tragen. Sobald sie den höchsten Punkt erreicht haben, entleeren sich die Kübel in große offene Wasserleitungen (Viadukte). Diese Viadukte führen dann das Wasser zu den höher gelegenen Feldern.

Die Durchmesser der Norias in Hama schwanken zwischen 5 und 12 Metern. Jedes Wasserrad hat zwischen 50 und 120 Wasserkübel. Das größte Wasserschöpfrad am Orontes erreicht einen Durchmesser von 22 m und erhielt von den Bewohnern Hamas den Namen “al-Muhammadiyya”.

Eine im Jahr 1930 durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass ein einzelnes Wasserrad bei Höchstleistung 45 Liter Wasser in der Sekunde transportieren kann. Diese Wassermenge ist ausreichend, um Ackerböden einer Fläche von 25 Hektar zu bewässern. Um die reibungslose und wirkungsvolle Leistung der Wasserschöpfräder aufrechtzuerhalten, müssen diese alle zwei Jahre gewartet und gegebenenfalls einige der Schöpfkästen ausgetauscht werden. Der Fachbegriff für diese turnusmäßigen Wartungsarbeiten ist „kashta“, womit das Abnehmen aller Holzteile gemeint ist.

Eine Noria-Anlage kann aus einem einzelnen oder einem doppelten Wasserschöpfrad bestehen, d. h. zwei Holzräder werden auf dem kleinen Wasserstaudamm angebracht. Manchmal befinden sich Norias auf gegenüberliegenden Uferseiten, um die Kraft des von den kleinen Staudämmen aufgestauten Wassers optimal ausnutzen zu können. Bei mehr als drei Wasserschöpfrädern am gleichen Staudamm spricht man von einer Batterie.

Die Norias werden ihrer Funktion entsprechend in zwei Kategorien eingeteilt:

  • ländliche Wasserschöpfräder zur Bewässerung von Äckern,
  • urbane Wasserschöpfräder zur Bewässerung städtischer Pflanzungen, zur Trinkwasserversorgung und zur Versorgung öffentlicher Einrichtungen wie Moscheen, Badehäuser, Bazare, Parkanlagen etc.
Eine verlassene ländliche Noria

Die Norias heute

Das traditionelle hydraulische System der Norias hat sich bis auf den heutigen Tag als wirksame Methode einer umsichtigen Nutzung der Wasserressourcen erwiesen. So werden landwirtschaftliche Flächen bewässert und die Trinkwasserversorgung sichergestellt.

Diese technisch ausgefeilten und gleichzeitig ästhetischen Anlagen spielten eine wichtige Rolle in der ländlichen Entwicklung von Hama, bis Pumpen zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Region erreichten.

Seitdem sind viele der Wasserschöpfräder verschwunden. Diejenigen, die in Hama überlebt haben, werden ständig von den örtlichen Behörden betreut – sie sind zu einem Symbol der Stadt Hama und zu einem Erbe geworden, das geschützt wird; sie sind die bekannteste Touristenattraktion der Stadt.

Die Norias sind Teil eines Erbes, das den Einfallsreichtum der Einwohner der Region und ihre alte Erfahrung in der Anpassung an natürliche Widrigkeiten widerspiegelt.

Mohamad al-Dbiyat

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ِAutorenschaft von Mohamed al-Dbiyat

Geograf aus Syrien, Lyon

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