Während die Musik mit kraftvollen Tönen die Luft erfüllte, erklang aus den Kehlen von zwanzigtausend Fans in der Zitadelle von Damaskus der inbrünstige Gesang zu einem der Lieder des Komponisten Ziad Rahbani.

Die Zuschauer hatten sich nach diesem Live-Gesang gesehnt. Auch für Rahbani war es von zentraler Bedeutung, dass sein erster Auftritt im Rahmen der Veranstaltungen „Damaskus- Die arabische Kulturhauptstadt im Jahr 2008“ vor seinem syrischen Publikum stattfand. Ich selbst war dankbar, dass meine erste Erinnerung an die Zitadelle in Damaskus so herzerfreuend war, denn ich weiß, dass die Ereignisse, die diese Zitadelle im Lauf der Geschichte bezeugte, auch mit schmerzhaften Erlebnissen verbunden waren. An diesem Abend war die Zitadelle zwar ein Ort des Feierns und der Freude, aber einst war sie auch ein Ort, wo Menschen ihrer Freiheit beraubt worden sind, wie beispielweise der Journalist Najeeb Al-Rayes während der französischen Mandatszeit. So wie die Zitadelle früher eine Quelle von Prestige und Macht für die Dynastien war, unter deren Herrschaft sich Damaskus befand, so war die Zitadelle gleichzeitig auch Zeugin des Machtverfalls dieser Dynastien. Sie wurde mehrmals zerstört, wiederaufgebaut und befestigt. Ich sehe vor meinen Augen die Verteidiger der Zitadelle während die mongolischen Soldaten unter der Führung Hülagü Khans und nach ihm Timur Lenk mit lautem Gebrüll angreifen, die meisten ihrer Teile zerstörten und sie in Brand steckten.

Diese Ereignisse bezeugen, dass niemand durch Damaskus gehen und die Geschichte der Stadt kennen lernen kann, ohne die nordwestliche Ecke der antiken Stadt zu besuchen, wo sich die Zitadelle befindet. Sie liegt auf gleichem Niveau wie die Stadt selbst; ist nicht höher gelegen. Aus einigen Quellen geht hervor, dass der Bau der ersten Festung auf dem Ort der Zitadelle, die seit 1979 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde, aus der Römerzeit stammt. Die heutige Struktur der Burg geht auf zwei Hauptepochen zurück: die Seldschuken- und die Zengiden-Zeit. Doch auch die daran anschließende ayyubidische Epoche prägte die Gestalt die Zitadelle von Damaskus.

Im Jahr 1071 riefen die Fatimiden den Seldschukenführer Atsiz ibn Uvak zu Hilfe, um die Revolten in Palästina niederzuschlagen. Diese Gelegenheit nutzte Atsiz, um sich Damaskus’ zu bemächtigen und die Stadt zu seinem Sitz zu machen. Er baute die Zitadelle aus, die in der Seldschuken-Zeit Königssitz und militärische Basis war. Die Zitadelle war umgeben von hohen Mauern und Türmen.

Ein Turm der Zitadelle von Damaskus

Im Jahr 1154 marschierte Nur ad-Din Zengi in Damaskus ein und machte sie zur Hauptstadt des damals größten islamischen Reichs. Er bewohnte die Zitadelle und verstärkte ihre Befestigungsanlagen.

Nach seinem Tod übernahm Salah ad-Din die Macht. Auch ihm diente Damaskus als Wohnstätte. Salah ad-Din fügte der Zitadelle einen weiteren Turm hinzu. Doch trotz seines Sieges über die Kreuzritter war die Zitadelle aufgrund des heftigen Beschusses durch die Kreuzritter in einem stark vernachlässigten und schlechten Zustand.

Inschrift an der Zitadelle von Damaskus

Nach dem Tod von Salah ad-Din begann sein Onkel al-Adil nach einem Erdbeben die Zitadelle neu zu errichten. Er erweiterte sie um moderne militärische Verteidigungsanlagen. Zu diesen gehörten Schleudern, die zum Schutz der Stadt gegen die Angriffe der Kreuzritter, die damals eine große Gefahr für die Stadt waren, eingesetzt wurden.

Die von Hülagü angeführten Mongolen eroberten Damaskus im Jahr 1260 n.Chr. und zerstörten den größten Teil der Zitadelle. Bald darauf wurden sie vom Mamluken-Sultan Saif ad-Din Qutuz und seinem Nachfolger Rukn ad-Din Baibars vertrieben, der die Zitadelle wieder aufbaute. Während dieser Zeit erhielt die Zitadelle neue Verteidigungsanlagen, wie z. B. die Kurtinen, die zweigeschossige Wehrgänge sowie die Torbefestigungsanlagen.

Im Jahr 1516 n.Chr. übergaben die Mamluken die Festung den Osmanen, die die Kontrolle über die Stadt erlangten. Im 18. Jahrhundert wurde die Zitadelle von Damaskus durch Erdbeben schwer beschädigt und vom osmanischen Sultan Mustafa III wieder aufgebaut. Später wurde sie vernachlässigt, da sie ihre strategische Funktion verloren hatte. Sie wurde später als Kaserne und Gefängnis genutzt. Im Jahr 1925 beschossen französische Soldaten die Altstadt aus der Zitadelle als Reaktion auf die Große Revolution in Syrien gegen das französische Mandat.

Blick auf die Zitadelle von Damaskus

Seit 1984 ist die Zitadelle Gegenstand von Restaurierungsarbeiten und archäologischen Ausgrabungen und wurde Besuchern und Forschern aus aller Welt als archäologische Stätte und Kulturzentrum geöffnet.

Die Zitadelle verfügt heute über 12 Türme, die mit Zinnen und Schießscharten ausgestattet sind. Darüber hinaus verfügte sie über wichtige Bauten, wie die sog. Ayyubiden-Halle und andere Gebäude auf der Südwestseite. Diese Gebäude verteilten sich auf einem rechteckigen Gelände, das vollständig von einem mit dem Wasser des Barada-Flusses gefüllten Verteidigungsgraben umgeben war.

Ursprünglich besaß die Zitadelle drei Haupttore: das erste, Eisentor genannt, lag an der Nordseite, das zweite lag im Osten und verband die Zitadelle mit dem Asruniya-Markt, das dritte im Westen war lange Zeit unbekannt, bis es 2005 von der syrisch-französischen archäologischen Mission entdeckt wurde. Die Zitadelle besaß zudem weitere, sekundäre Tore, die mit mobilen Brücken ausgestattet waren.

Neben den hohen Türmen und den dicken Mauern, die aus großen Steinblöcken gehauen waren, war die Zitadelle mit mehr als 300 Schießscharten in ihren Mauers ausgestattet. Durch sie beschossen die Verteidiger die Angreifer mit Pfeilen. Hinter den Mauern waren riesige Kriegsmaschinen wie Schleuder für große Steine ​​und Brandbomben angebracht.

Die gemischten Gefühle, die den Besucher während seines Besuchs in der Zitadelle von Damaskus übermannen, erinnern ihn einerseits an die Vielzahl der Ereignisse, die sich in der Stadt Damaskus im Laufe der Jahrhunderte ereignet haben, andererseits bestärken sie ihn, dass Damaskus wirklich eine ewige Stadt ist, über die der amerikanische Schriftsteller Mark Twain einst sagte: „Für Damaskus sind Jahre nur Augenblicke, Jahrzehnte nur vorbeihuschende, unbedeutende Zeitabschnitte. Es misst die Zeit nicht nach Tagen und Monaten und Jahren, sondern nach den Reichen, die es hat erstarken, blühen und verfallen sehen. Es ist ein Urbild der Unsterblichkeit.“ (aus: Die Arglosen im Ausland (1869))

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ِAutorenschaft von Hiba Bizreh

Archäologin aus Syrien. Arbeitete am Syrian Heritage Archive Project in der Zeit von 2018-2019

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