von Maya Alkateb-Chami

Als ich Um Muhammad (Shahira Hdiyeh) zum ersten Mal traf, trug sie stolz einen selbstgemachten Seidenschal [masloubeh مسلوبة ] auf dem Kopf, was sie bei vielen Gelegenheiten tat. Als Mutter von drei Töchtern und drei Söhnen, von denen fünf in städtische Gebiete gezogen waren, lebte sie in dem Bergdorf Deir Mama in der Nähe von Mesyaf (Hama), wo sie sich mit ihrem Ehemann Abu Muhammad (Badie‘ Saniyeh) ein Haus mit zwei großen Zimmern teilte. Um Muhammad hatte seit ihrer Kindheit mit ihrer Familie Kokons gezüchtet. Zum Zeitpunkt unseres Treffens führte sie dies bereits seit 45 Jahren in ihrem neuen Heim fort.  Im Jahr 2009, erzielte die Familie die Hälfte ihres Einkommens durch die eigene Landwirtschaft (einschließlich des Anbaus von Kokons). Die andere Hälfte des Einkommens wurde durch die Arbeit ihrer Kinder getragen. Um Muhammad verarbeitete Seidengarn (sogenanntes „Werfen“, oder Zwirnen und Kombinieren) und häkelte Seidenkleider für zusätzliches Geld.  

Ein Blick in die Welt des syrischen Seidenbaus
Die Handwerkerin Um Muhammad ist seit ihrer Kindheit in der Seidenraupenzucht tätig. Auf ihrem Kopf trägt sie einen vor Jahren selbst hergestellten Seidenschal. (© Hany Hawasly)

Um Muhammad war sehr stolz auf ihre Seidenarbeiten und weigerte sich, die Seidenraupenzucht aufzugeben, trotz des Drängens einiger ihrer Kinder, die besorgt waren, dass sie für diese ermüdende Arbeit zu alt geworden sei. Sie hatte vor Jahren ihr eigenes Seidentuch gehäkelt und erklärte mir, dass es an einigen Stellen dünner geworden sei, weil sie diese oft auf die Haut ihrer vielen Enkelkinder aufgelegt hatte, wenn diese als Babys Ausschlag bekamen. Sie glaubte, basierend auf ihrer eigenen Erfahrung, an seine heilenden Qualitäten. Sie und ihr Mann züchteten jeden Frühling Seidenraupen, wobei ihre Tochter, die in der Nähe wohnte, ihnen häufig dabei half. 

Die Aufzucht der Seidenwürmer fand bei ihnen zu Hause statt. Dafür räumten sie die beiden großen Räume ihres Hauses für etwa zwanzig Tage im Jahr aus und schliefen im Freien. Das Paar pflückte dann mühsam Maulbeerblätter von ihren eigenen Bäumen und trug sie zu Fuß zum Haus. Dann sammelten sie gemeinsam trockene Zweige und arrangierten sie zu Halterungen, auf die die Würmer später kletterten, um dort Kokons zu spinnen. 

Die Seidenraupe (Bombyx mori), die in Syrien aufgezogen wird, ist vollständig vom Menschen abhängig: Die Blätter müssen für die Würmer fein gehackt werden, wenn sie klein sind, und sie müssen in ihrer Reichweite serviert werden. In der Aufzuchtsumgebung, die auch frei von Rauch, Gerüchen und sogar störendem Lärm sein muss, sollten bestimmte Wärme- und Feuchtigkeitsbestimmungen eingehalten werden. Blätter, die Pestizide von anderen Pflanzen aufgenommen haben, oder natürliche Räuber, wie Ameisen und Mäuse, müssen von den Raupen ferngehalten werden. Grundsätzlich gilt, je mehr Sorgfalt den Würmern gewidmet wird, desto größere und schönere Kokons geben sie ab und desto höher ist ihr Wert.

Ein Blick in die Welt des syrischen Seidenbaus
Ein Blick in die Welt des syrischen Seidenbaus

Die Seidenraupe, die in Syrien aufgezogen wird, ist vollständig vom Menschen abhängig und kann alleine nicht überleben. Für etwa 20 Tage im Jahr übernehmen die Raupen das Haus ihrer Besitzer und fressen die mühsam zusammengesuchten Maulbeerblätter. (© Hany Hawasly)

Eine Seidenraupe braucht etwa 35 Tage vom Schlüpfen aus ihrem Ei bis zum Einhüllen in den Kokon. Während dieser Zeit durchläuft sie fünf verschiedene Altersstufen (jede dauert etwa eine Woche) und vermehrt ihr Gewicht um etwa das 10.000-fache. Im Dorf Deir Mama beziehen die ersten vier Altersgruppen ihre lokalen Namen jeweils aus den physischen Eigenschaften der Seidenraupen während ihres Wachstumsprozesses: Die erste Altersgruppe wird “der Samen” [al-bizreh البزرة] genannt, die zweite die grüne [al-khadra الخضرة], die dritte “das Muster” [al-naqsheh النقشة], gefolgt von der vierten Gruppe, welche den Namen “die Rote” [al-hamra الحمرا ] trägt. Das fünfte Alter hat keinen spezifischen Namen, sondern wird mit Phrasen wie „nach dem Schlaf von al-hamra [ba’ed nomet al-hamra بعد نومة الحمرا ]“, „wir haben ihr [der Seidenwürmer] Fasten für x (Anzahl der Tage) gebrochen [ilna mfattrin إلنا مف ّ طرين (س) يوم ]“ und ähnliche Sätze beschrieben. 

Jedes Alter endet mit einer Fastenzeit und dem Abwerfen einer Wurmhaut. Als ich Um und Abu Muhammad kennenlernte, bezogen sie die Eier [Samen/ bizir بزر ] immer über das syrische Ministerium für Landwirtschaft und verkauften ihren Kokonertrag normalerweise an einen Nachbarn, dessen Familie die Seide von Hand aufwickelte. Im Jahr 2009 züchteten sie in den beiden großen Räumen ihres Hauses einen Karton Samen, der 12 Gramm wiegt und 22.000 Eier enthielt. Wenn die Raupen ausgewachsen waren, legten sie sie auf Matratzen auf den Boden, auf Möbel und Styroporkisten und auf Teller, die aus gemischtem Kuhdung, Stroh und Wasser hergestellt und dann in der Sonne getrocknet wurden [kreinat كرينات].

Ein Blick in die Welt des syrischen Seidenbaus
Ein Blick in die Welt des syrischen Seidenbaus

Eine Seidenraupe braucht etwa 35 Tage vom Schlüpfen aus ihrem Ei bis zum Einhüllen in den Kokon, wo sich die Raupe dann zu einem Seidenspinner entwickelt. (© Hany Hawasly)

Um Muhammad behandelte die zarten Würmern als wären sie ihre Haustiere. Sie achtete darauf, dass sie genug Futter haben, achtete auf ausreichend Wärme oder öffnete für die kleinen Kreaturen je nach Bedarf die Fenster. In ihrem letzten Lebensalter verbraucht ein Karton Raupen täglich etwa vier große Beutel Maulbeerblätter, verteilt auf drei Mahlzeiten. Das entspricht dem Ertrag von ein bis vier gesunden älteren weißen Maulbeerbäumen der einheimischen Sorte [Morus alba, tut baladi, توت بلدي ].

Wenn die großen Seidenraupen anfingen, durchsichtig zu werden, beeilten sich Um Muhammad und ihr Mann, die natürlichen Haltevorrichtungen zu bringen, die sie zuvor aus trockenen Zweigen von Sträuchern zusammengebaut hatten [shieh شيح ], um die Würmer unterzubringen. Sie waren nun bereit, ihre Kokons zu spinnen. Nach einer Woche wurde der Ertrag gesammelt und verkauft, bevor die Metamorphose endete und die Motten sich ihren Weg nach draußen fraßen und als Erwachsene aus ihrer Unterkunft herauskamen. Im darauffolgenden Monat August, bestellte die Familie dann eine bestimmte Anzahl von Seidenraupen für die Aufzucht im nächsten Frühjahr.

Von Maya Alkateb-Chami, basierend auf ihrer Publikation Syrian Silk: Portrait of a Living Cultural Heritage.

[Deutsche Übersetzung von Elisabeth Korinth]


Interview mit Maya Alkateb-Chami über das Seidenhandwerk in Syrien:

Ein Blick in die Welt des syrischen Seidenbaus

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.