von Moussa Beitar

Ein Haus in der Sisi-Gasse in Aleppo
Ein Hof im Wakil-Haus – © Lamia Jasser (CC-BY-NC-ND)

Als aber die Zeit verging und die Enkelkinder beschlossen, ihre Eltern davon zu überzeugen, mit der Moderne Schritt zu halten und in die neuen Viertel mit ihren mehrstöckigen Häusern und breiten Straßen zu ziehen, wurde unser Haus zu einem Waisenhaus für die griechisch-orthodoxe Gemeinde und dann zu einem Altenheim.

Dies ging einher mit dem Trend in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, in die alten Häuser zu investieren und diese umzunutzen.

Daher war die Geschichte unseres Familienhauses im Gedächtnis von uns Enkelkindern geprägt von entscheidenden Ereignissen. Einen Teil davon erfuhren wir von unserem Großvater noch vor seinem Tod. Über andere lasen wir in den Stadtannalen bzw. waren selbst Zeugen und Zeitgenossen davon

Zu den einschneidenden Ereignissen zählt die plötzliche Entscheidung unseres Urgroßvaters Shukri, den wertvollsten Besitz, dessen unsere Familie sich rühmte, zu veräußern.

Ein Haus in der Sisi-Gasse in Aleppo
Bayt Wakil (Aleppo-Zimmer), bemaltes Holzpaneel mit Maria und dem Jesuskind – © Jean-Claude David (CC-BY-NC-ND)

In früheren Zeiten war es unter den Vermögenden üblich, die Wände der Empfangsräumen mit bemalten Holzvertäfelungen zu dekorieren. Zu den Vermögenden der Stadt zählten allen voran die Kaufleute sowie Angehörige der Mittelschicht. Diese Gepflogenheit war nicht auf viele der christlichen und armenischen Familien beschränkt, sondern betraf auch auch viele der muslimischen Familien.

So gefiel es Haj ʿIsa Bin Budrus, dem ersten Eigentümer unseres Hauses, im Jahr 1603, die besten Kunsthandwerker und Künstler aus dem Ausland damit zu beauftragen, die Wände seines Empfangsraumes mit Schnitzereien und fantastischen, farbenfrohen Malereien zu dekorieren. Es fiel auf, dass dieses, nach Walnuss- und Kiefernholz duftende, Empfangszimmer selbst nach langen Jahrzehnten und turbulenten Ereignissen in der Stadt sich seinen Zauber bewahrt hatte. Auf den Holzpaneelen sind Menschen, Tiere und Pflanzenmotive abgebildet. Unter den floralen Motiven sind Lotusblüten, Lilien und Nelken zu finden. Auch Verse aus den Psalmen Davids und den Sprüchen Salomos sind in die Holzpaneele integriert. Die wichtigsten Malereien aber sind Motive aus der Bibel – die bedeutendste davon ist die Szene, in der Abraham Isaak Gott opfern möchte. Abraham steht in stolzer Haltung, den Saum seines Umhangs unter seinem Gürtel befestigt. Er hält das Messer in seiner Hand an den Nacken seines unter ihm knienden Sohns Isaak. Isaaks Augen sind verbunden. Über ihm schwebt ein guter Engel, der ein Opferlamm auf dem Arm trägt. Wer wusste damals schon, dass die Augen der Stadt heute verbunden sind und sie selbst zum Opferlamm wird?

Die Stimme meines Großvaters hallt bis heute in meinen Ohren, wie er ausführlich über jenes geliebte Zimmer des Familienhauses sprach. Leider verlor seine Familie ihr Haus im Jahr seiner Geburt (1912) durch einen umfassenden Geschäftsabschluss mit einer deutschen Frau namens Martha Koch, die im Auftrag von einem der Berliner Museen handelte.

Mein Großvater versuchte die Tat seines Vaters damit zu rechtfertigen, dass die Geschichte der Stadt so hart sei wie ihre Steine.

Ein Haus in der Sisi-Gasse in Aleppo
Bayt Wakil (Aleppo Zimmer) ist das Herzstück des Raumes – © Julia Gonnella (CC-BY-NC-ND)
Ein Haus in der Sisi-Gasse in Aleppo
Empfangsraum im Haus der Familie Wakil – © Lamia Jasser (CC-BY-NC-ND)

Frau Martha verbrachte eine lange Zeit in der Stadt, wo sie mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter einen kultivierten literarischen Salon betrieb. Dieser Salon wurde von den meisten Konsuln und ausländischen Besuchern aus Europa, unter ihnen Schriftsteller, Weltreisende, Archäologen und Antiquitätenhändler, besucht. Bei einem ihrer häufigen Besuche im Familienhaus war sie beeindruckt von seinem Architekturstil, sodass sie am liebsten das ganze Haus erwerben und nach Berlin fliegen lassen wollte. Da dies aber ein unmögliches Unterfangen war, beschränkte sie sich auf den Erwerb der Holzvertäfelung des Empfangsraumes. Sie fotografierte den Springbrunnen, die Treppe zum Obergeschoss, die dekorativen Holzgitter, den Iwan mit seinem Marmorboden und die mit rotem, gelben und blauem Armanaz-Glas bedeckten Öffnungen in der Kuppel des Empfangsraumes. Sie feilschte auch um die Perserteppiche, die offene Feuerstelle und einige der Silbergegenstände. Nach den vorliegenden Informationen, wurden die Holzpaneele in 14 großen Kisten zum Hafen von Tripoli verbracht und von dort aus nach Hamburg verschifft. Von Hamburg aus wurden sie nach Berlin transportiert.

In der Halle, in der meine Vorfahren saßen und ihre Gäste empfingen, gab es Bilder, die immer noch im Gedächtnis der Stadt und ihrer sich gegenseitig bekriegenden Einwohner gegenwärtig sind. Ich schöpfe wieder aus dem Schatz der Erinnerungen und denke an die Erzählungen meines Großvaters, der einmal mit einem Lächeln sagte:

„Wir sind eine Stadt, die von der Toleranz lebt und das trotz aller Eroberungen und Zwietracht, die über uns gekommen sind. Wir haben unsere muslimischen Geschwister stets geliebt und mit ihnen im Guten wie im Schlechten zusammengelebt. Es kam zu Handelsbeziehungen und Ehen mit Europäern. Auch eine geistige und kulturelle Befruchtung fand zwischen uns und ihnen statt.“

Ich hatte nicht den Mut, meinem Großvater bei seiner Begründung des Verkaufs entgegenzutreten. Ich verstand auch nicht sein kosmopolitisches Konzept meiner Stadt. Als ich versuchte, meinen Standpunkt zum Ausdruck zu bringen, unterbrach er mich heftig und setze wieder an, sich damit zu brüsten, dass der deutsche Ingenieur Volner, der Direktor des Bagdadbahn-Projekts, persönlich den Grundriss des Zimmers gezeichnet und die Abbauarbeiten der Holzpaneele erstklassig beaufsichtigt hatte. Dann kam er wieder darauf zurück, die Handlung seines Vaters zu rechtfertigen, und erzählte mir, wie hervorragend seine Mutter Frau Martha sowie all die Ingenieure und Arbeiter in den langen Tagen des Abbaus und Verpackens der Holzwände verköstigt hatte. Abschließend zitierte er eine der auf den Wänden angebrachten Inschriften:

„Gott ist mit den Großzügigen. Wer großzügig ist, erntet Großzügigkeit.“

Am Vorabend unseres Wegzugs aus dem Sisi-Viertel hielt sich mein Großvater ständig in dem Empfangszimmer auf und verließ es nicht mehr. Er thronte in diesem Saal wie ein unantastbarer Priester mit einem Schweigegelübde. Er brachte mit seiner Stille sogar die Stille zum Schweigen. Wann immer meine Geschwister und ich versuchten, zu ihm in die Halle zu gehen, spürte ich, nun in einem kahlen Raum zu sein, dem seine Funktion abhanden gekommen war. Und wenn ich zu der Kuppel aufschaute, sah ich sie uns scharf anstarren, als würde sie auf unsere Köpfe herabfallen wollen, obwohl die Generation der Enkelkinder nicht für das Geschehene verantwortlich war.

Es gibt Dinge, die für unsere Herzen wertvoll sind, die aber unseren Händen verloren gingen. Es scheint, als ob wir uns jetzt alle traurig daran erinnern würden, wie die Deutschen vor vielen Jahren begannen, die Holzwände unseres Familienheims in einem besonderen Raum im Museum für Islamische Kunst in Berlin unter dem Namen „Aleppo-Zimmer“ auszustellen.

Kurzgeschichte, erstmals am 31.05.2015 in der libanesischen Zeitung as-Safir al-Arabi, und hier mit Erlaubnis des Autors erneut und dreisprachig, veröffentlicht. Teil eines unveröffentlichten Romans von Moussa Beitar. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig. Dieser Roman skizziert soziale und wirtschaftliche Auswirkungen politischer Ereignisse auf die Bewohner der Stadt Aleppo vom 17. Jahrhundert bis ins Jahr 2015

ِAutorenschaft von Syrian Heritage Archive Project

Gemeinschaftsprojekt zur Digitalisierung von Beständen des syrischen Kulturerbes aus Deutschland (Museum für Islamische Kunst in Berlin und Deutsches Archäologisches Institut) in der Zeit von 2013-2019

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