1. Die Kunst der syrischen Textilherstellung
  2. Ein Filzteppich von al-Bab
  3. Die Fäden des Lebens: Syrische Textilornamente
  4. Verborgene Persönlichkeiten: Die Frauen aus Duma
  5. Die Farbe, die ewig währt: Textildruck in Syrien
  6. Von Tieren und Pflanzen: Rohmaterialien für Textilien
  7. Ein Blick in die Welt des syrischen Seidenbaus
  8. Einblicke in das jahrhundertealte Seidenhandwerk Syriens
  9. Was bleibt von der Seidenstraße?
  10. Menschen der Wüste: Die Kleidung der Beduinen
  11. Teppiche aus Raqqa: Eine Erinnerung
  12. Traditionelle Textilherstellung: eine gefährdete Tradition
  13. Unvergessen: Der Duft der Erinnerung

Interview mit Maya Alkateb-Chami

„Kulturelles Erbe muss geschützt werden, in einer Zeit, in der die Welt immer kleiner wird, die weitreichende Kraft des Konsums kulturelle Verhaltensweisen verändert und der Tourismus zu einem wichtigen und für viele Gemeinschaften lebenswichtigen Wirtschaftszweig wird. Materielle Kultur, die sich durch Kunst und Kunsthandwerk ausdrückt, ist ein wichtiges Gut, das hilft, zu definieren, wer wir sind. Sie dient als Werkzeug, um menschliche Gemeinsamkeiten hervorzuheben und um Verständnis, Respekt und Wertschätzung zwischen Menschen, die unterschiedlichen Kulturen und Generationen angehören zu fördern.

Maya Alkateb-Chami in Syrian Silk: Portrait of a Living Cultural Heritage (2010)
Einblicke in das jahrhundertealte Seidenhandwerk Syriens
Maya Alkateb-Chami bei ihrem Interview mit Ismail al-Hajj und seinem Sohn, umringt von Weinranken in dem Bergdorf Beit al-Hajj, in der Nähe von Tartous. Al-Hajj hat eine führende Rolle in der Wiederbelebung der Seidenproduktion in Syrien. (© Hany Hawasly)

In den Jahren 2008 – 2010 erforschte Maya Alkateb-Chami das Seidenhandwerk in Syrien, wobei sie sich eingehend mit den Traditionen des Kokonanbaus, des Spulens und Webens befasste. Sie untersuchte zudem, wie die traditionelle Industrie wiederbelebt werden könnte. Ihre Arbeit mündete in eine einzigartige Publikation, die einen Teil des syrischen Lebens beleuchtet, der oft übersehen wird.

Zum 10. Jahrestag der Veröffentlichung von Syrian Silk: Portrait of a Living Cultural Heritage‘ interviewte Kuratorin Elisabeth Korinth die Autorin Alkateb-Chami.

Was war Ihre Motivation, sich mit der Dokumentation der Seidenindustrie in Syrien zu beschäftigen? 

Im Jahr 2009 leitete ich die gemeinnützige Organisation Al Makan Art Association und interessierte mich dafür, ein Projekt zum Schutz und zur Förderung des traditionellen Kunsthandwerks in Syrien zu starten. Ein Freund stellte mich einer Familie in den westlichen Bergen Syriens vor, die seit mindestens vier Generationen wunderschöne Seidenschals herstellte. Mohammad Sa’oud, das Oberhaupt der Familie, der hauptberuflich als Arabischlehrer tätig war, und seine Frau Amal waren sehr gastfreundlich und verfügten über sehr viel Wissen. Den allgemeinen Grundlagen der Projektplanung folgend, begann ich mit einer Problemanalyse, die auch meine ursprüngliche Intention war – wenn ich die Probleme wüsste, könnte ich bessere Lösungsvorschläge entwickeln. Es stellte sich jedoch heraus, dass das syrische Seidenhandwerk komplizierter war, als ich anfangs gedacht hatte, und ziemlich faszinierend. Was 2009 mit einer kurzen Projektplanung begann, führte zu neun Monaten umfassender Forschung und einem intensiven Lernprozess.

Was war Ihre interessanteste Erkenntnis im Laufe des Projektes?

Die lange Geschichte der Seidenherstellung in Syrien war faszinierend, vor allem ihre Verflechtung mit der Politik in der Antike und der Neuzeit. Das hatte ich allerdings erwartet. Die Erkenntnis, die mir die Augen öffnete und die ich später benutzte, um meine Forschungen zu formulieren und zu organisieren, war, dass es nicht ein einziges „syrisches Seidenhandwerk“ gab. Was es gab, war eine Vielzahl von Handwerksarten und Traditionen, die miteinander verbunden und voneinander abhängig waren. Man brauchte die Kokons, um Garn herzustellen. Man brauchte Garn, um Stoffe zu weben oder zu häkeln. Die Weberinnen und Weber verkauften die Stoffe direkt oder schickten sie zum Färben. Manchmal wurde der Faden zuerst gefärbt, aber er musste immer für das Weben vorbereitet werden. Diese Prozesse waren getrennt, und jeder Prozess hatte seine eigene Gemeinschaft von Handwerksfrauen und -männern, wobei sich einige Gruppen überschnitten. Was wirklich existierte, war eine ganze Versorgungskette.

Einblicke in das jahrhundertealte Seidenhandwerk Syriens
Seidenproduktionskette in Syrien in 2009 (Maya Alkateb-Chami – CC BY-ND)

Sie haben Ihre Forschung noch vor dem Ausbruch des Krieges in Syrien abgeschlossen. Wie war die Situation des Seidenhandwerks damals und welche Prozesse waren damit verbunden?

Im Jahr 2009 gab es 16 syrische Dörfer, die Seidenraupen züchteten. Sie produzierten zwei Tonnen Kokons, im Vergleich zu 360 Tonnen, die 1970 im Land produziert wurden. Die ganze Familie war mit der intensiven Saisonarbeit beschäftigt. Die Seidenraupen sind sehr empfindlich und reagieren negativ auf Pestizide, Zigarettenrauch, Parfüm und Krankheiten. Wenn sie sehr klein sind, hacken die Frauen für sie Maulbeerblätter fein. Wenn sie ihre volle Größe erreicht haben, schlafen die Familien draußen und überlassen den Raupen die bequemere Unterkunft. Als ich die Dutzenden von Familien befragte, war die einheimische Seidenraupe, die größere gelbliche Kokons produzierte, bereits ausgestorben. Kein Seidenhaspler hatte sie in den vorherigen sieben Jahren gesehen. Seidenraupeneier wurden nun zu Beginn jeder Saison vom Landwirtschaftsministerium importiert und verteilt.

Einblicke in das jahrhundertealte Seidenhandwerk Syriens
Einblicke in das jahrhundertealte Seidenhandwerk Syriens

Im Jahr 2009 züchteten die meisten syrischen Bauern, die Kokons produzierten, Seidenraupen in ihren Privathäusern. Es dauert nur etwa 40 Tage, bis sie Ertrag bringen, aber die empfindlichen Würmer benötigen viel Pflege und umfangreiche Arbeit, vor allem gegen Ende der Aufzuchtzeit. (© Hany Hawasly)

Seidenhaspeln oder حل [hal] ist das Wort für den Prozess des Aufwickelns von Kokons zu Fäden, die 500-1500 Meter lang sind. Im Vergleich dazu sind es bei der höchsten Baumwollqualität etwa sechs Zentimeter, und dies ist der Grund für den Wert von Seide. Die 2009 in Syrien produzierten Kokons wurden in zwei Dörfern aufgewickelt. Die Handwerker und Handwerkerinnen arbeiteten sehr hart daran, die Kokons aufzuwickeln, bevor die reifen Seidenmotten sie zerreißen und anfangen zu fliegen. Sie zogen es vor, die Kokons nicht zu trocknen. Eine Reihe zusätzlicher Schritte werden von den Frauen durchgeführt, um den Faden für die Stoffherstellung vorzubereiten.

Schließlich wird der traditionell gespulte Faden in Grubenwebstühlen gewebt, die auf Bodenhöhe mit Gruben im Boden für die Beine gebaut sind. Die arbeitsintensiven Webarbeiten werden von Männern ausgeführt. Frauen häkeln ganze Kleidungsstücke oder die Ränder von Tüchern mit komplizierten Mustern. Nur einige der Stoffe werden gefärbt, die meisten werden in ihrer natürlichen Farbe verkauft. Das Besondere ist das Fortbestehen der Seidenherstellung in Syrien trotz vieler Rückschläge. Es war klar, dass die beteiligten Familien diese Arbeit unbedingt fortsetzen wollten.

Einblicke in das jahrhundertealte Seidenhandwerk Syriens
Einblicke in das jahrhundertealte Seidenhandwerk Syriens

Das Seidenhaspeln ist ein Prozess, bei dem Filamente aus verschiedenen Kokons abgewickelt und dann zu einer kontinuierlichen Faser verbunden werden. (© Hany Hawasly

Wie steht es mit den berühmten syrischen Brokaten?

Parallel zu den von mir beschriebenen dörflichen Aktivitäten schufen Handwerker in größeren Städten wie Damaskus unter Verwendung jahrhundertealter Muster exquisite Brokatstoffe mit Metall- und importierten Seidenfäden. Die Färber in Aleppo machten aus einfachen Seidenstoffquadraten symmetrische, abstrakte Ausdrucksformen aus weißen, roten und schwarzen Farbstoffen. Weber in Homs und Hama schufen traditionelle gestreifte Textilien. Handwerkerinnen stellten Knüpf- und Farbkleider her, deren Herstellung Tage dauerte. Geschickte Händler verkauften Stoffe und handelten mit ihren ebenso versierten Kunden Preise aus. All diese Aktivitäten sind Teil des Gesamtbildes der Seidenproduktion in Syrien. Meine Nachforschungen folgten jedoch weitgehend den Kokons, die in den Jahren 2008-2010 in dem Landkreis hergestellt wurden, den Textilien, die daraus hergestellt wurden, und den Gemeinschaften, die an dieser Umwandlung beteiligt waren. 

Einblicke in das jahrhundertealte Seidenhandwerk Syriens
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Masloubeh [مسلوبة], ein traditioneller Seidenschal, der entweder durch Zusammenhäkeln zweier schmaler, handgewebter Stoffstücke an den austretenden Rändern, oder durch vollständiges Häkeln hergestellt wird. Die gewebten Teile werden mit einem traditionellen Grubenwebstuhl hergestellt. (© Hany Hawasly)

Sie erwähnen in Ihrer Publikation, dass Sie die Geschichte der Seidenherstellung in Syrien faszinierend fanden, insbesondere ihre Verflechtung mit der Politik. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

Wir wissen, dass Seide in Syrien erstmals im 1. Jahrhundert n. Chr. in Palmyra gewebt wurde. Der Faden selbst wurde wahrscheinlich importiert, aber beim Weben wurde die lokale Technik verwendet. Mitte des 19. Jahrhunderts machten Seidengarn und Kokons 30 % des Wertes der Verschiffungen aus den Häfen [Groß]Syriens und 70 % im Falle Beiruts aus und unterstützten vor allem die blühende Textilindustrie in Frankreich. Es gibt die Theorie, dass Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg Syrien und den Libanon vor allem für das Mandat, weil sie das Land mit wichtigen Rohstoffen für die Seidenherstellung belieferten. Der darauffolgende dramatische Rückgang der Produktion kann auf eine Reihe von lokalen und globalen Kräften zurückzuführen: die Öffnung des Suezkanals und der erleichterte Zugang zu Seide aus Zentral- und Südostasien; die sinkende Nachfrage nach Luxusprodukten aufgrund der Weltfinanzkrise vor dem Zweiten Weltkrieg, gefolgt vom Krieg und seinen Nachwirkungen; die Einführung von Kunstseide und Krankheiten, die Seidenraupen über mehrere Jahreszeiten hinweg in der Levante befallen haben. Die geringere Auslandsnachfrage bedeutete jedoch eine Chance für den Wachstum der lokalen Garn- und Textilproduktion. 1964 gab es in Syrien sechs private halbautomatische Fabriken zur Herstellung von Seidengarn, zusätzlich zu dem bereits erwähnten traditionellen Seidenhaspeln. 

Was geschah danach? Wie sank die Produktion auf zwei Tonnen im Jahr 2009?

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Syrische Kokonproduktion in 1979-2008 nach Gouvernement (Maya Alkateb-Chami – CC BY-ND)

1963 errichtete die syrische Regierung eine Fabrik zur Herstellung von Garn, die den Markt monopolisierte und 1980 alle anderen Fabriken effektiv still legte. Im Laufe der Jahre gaben viele Kokonbauern aus Frustration über Korruption, Bürokratie und niedrige Entlohnung ihre Arbeit auf. Die günstige Position der Fabrik, im Zentrum der Lieferkette des Handwerks, bedeutete, dass die Qualität des Betriebs und der Produkte auch für die Textilproduzenten wichtig war. Zu unterschiedlichen Zeiten wurde der Import von Seidengarn von außerhalb des Landes illegal gemacht. Diejenigen mit wirtschaftlichen Ressourcen und Verbindungen schafften es, auf dem Schwarzmarkt zu bekommen. Die Arbeit wurde für viele unnötig erschwert. Eine Reihe von Regierungsinterventionen spielten eine bedeutende Rolle bei der Schrumpfung der syrischen Seidenproduktion in der modernen Geschichte. Die Geschichte ist natürlich nicht linear, und es gab noch andere Faktoren wie die Schwierigkeit und der hohen Risikofaktor der Kokonproduktion, Veränderungen in den Kulturlandschaften und sogar eine Verschiebung der Dorfarchitektur hin zu mehr Beton. Ich gehe in dem Buch auf weitere Einzelheiten ein. 

Wie würden Sie einer Regierung raten, einzugreifen, um ein traditionelles Handwerk zu schützen?

Eine Intervention, die immuner gegen Misserfolge zu sein scheint, besteht darin, sich auf die steigende Nachfrage nach Endprodukten zu konzentrieren. Abgesehen davon würde ich jeder Entität, sei sie nun staatlich oder nichtstaatlich, raten, mit einer Problemanalyse zu beginnen, bevor sie sich in die Entwicklung von Lösungen stürzt. Ich würde raten, das Kunsthandwerk insbesondere aus der Perspektive der Lieferkette zu betrachten.

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Silk producer Hourieh Hasan (left) and researcher Maya Alkateb-Chami share a candid moment while wearing traditionally reeled and crocheted silk shawls on their heads. (© Hany Hawasly)

Was war für Sie die eindrücklichste Erinnerung, als Sie Familien trafen, die mit der Seidenproduktion verbunden sind? 

Oh, es gab so viele positive Erinnerungen. Die Menschen waren so warm und einladend und wollten ihre persönlichen Geschichten erzählen. Seidenraupen können nur bei kühlem Wetter und dort, wo weiße Maulbeerbäume zur Verfügung stehen, gezüchtet werden. Die Berglandschaften der vielen Dörfer, die in der Seidenproduktion tätig sind, und die Häuser der Menschen sind in meiner Erinnerung tief verwurzelt. Ich bin sehr dankbar für alle Leuten, die mich damals in ihr Leben gelassen haben und dass ich mehr über die Geschichte meines Landes und dessen Leute erfahren habe. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich jeder junge Mensch auf die eine oder andere Weise für die Erforschung seines kulturellen Erbes engagieren sollte.

Lesen Sie die gesamte Publikation “Syrian Silk: Portrait of a Living Cultural Heritage” von Maya Alkateb-Chami hier. Weitere Informationen über Alkateb-Chamis Arbeit zum traditionellem Seidenhandwerk und den entsprechenden Lieferketten finden Sie hier.

[Deutsche Übersetzung von Elisabeth Korinth]


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