1. Stimmen der syrischen Musik
  2. Musikalische Diversität in Syrien
  3. Musik & Community in Syria
  4. Volksmusik
  5. Musik & Religion
  6. Jazz Lives in Syria
  7. Der Klang von Dayr az-Zawr
  8. Muwashahat: Eine Erinnerung aus Damaskus

von Hannibal Saad

Die Geschichte des Jazz Lives in Syria Festivals beginnt mit meiner Rückkehr nach Syrien im Jahr 2004, nachdem ich viele Jahre in den USA gelebt hatte. Ich traf auf ein anderes Land als das, das ich in den 90er Jahren verlassen hatte, als viele Musiker den Drang verspürten, auszuwandern, weil sie das Gefühl hatten, dass es für sie keine Möglichkeiten gab, zu spielen und erfolgreich zu sein. Es war schon immer mein Traum gewesen, eine Plattform für syrische Musiker zu gründen, auf der sie miteinander und mit anderen internationalen Künstlern zusammenarbeiten konnten, und ich konnte eine frische Energie und neue Möglichkeiten spüren. Es war der perfekte Zeitpunkt, um etwas Neues zu beginnen, und als es dann soweit war, schlossen sich viele der Reise an, darunter großartige Musiker, Kulturzentren und Partner wie das Higher Institute of Music und die Schweizer Botschaft in Damaskus. Die einzigartige Geschichte des Festivals war nicht nur ein Traum, der wahr wurde, sondern der Beginn einer Entdeckungsreise. Ich war begierig darauf zu verstehen, wie wir ein solides Fundament schaffen konnten, auf dem die Jazzfestivalszene gedeihen und Wurzeln schlagen kann. Ich wusste, dass ich dafür die historischen Entwicklungen und den Kampf meiner Vorgänger verstehen musste. Ich begann mich also auf die Spuren des Jazz in Syrien zu begeben und meine Suche nach Antworten führte mich zu einer großen Entdeckung eines langen, eher unbeachteten Teils der syrischen Musikgeschichte.

Die Geschichte des Jazz in Syrien

Anders als manche denken würden, hat Syrien eine sehr lange und lebendige Geschichte mit Jazzmusik. Ihre Anfänge lassen sich bis in die 1930er Jahre zurückverfolgen, zur gleichen Zeit, als das Land Tango-, Rumba- und Sambamusik entdeckte, mit Aleppo und Damaskus als führenden Städten – beide mit ihrer ganz eigenen und unterschiedlichen Jazzszene.

Under the Sky of Damascus

Eine der frühesten Aufzeichnungen des Jazz in Syrien findet sich in dem Film Under the Sky of Damascus (Taht sama’a Dimashq). Der in 1932 gedrehte Film ist einer der ersten Stummfilme Syriens und gilt bis heute als einer der Schätze des syrischen Kinos, der einen Einblick in die jazzige Vergangenheit von Damaskus gibt.

Der Film „Under the Sky of Damascus“ (Quelle: Youtube)

Wenn man in alten Zeitschriften des frühen 20. Jahrhunderts blätterte, fand man gelegentlich Anzeigen für westliche Jazz-Konzerte, die in der Nähe des Marjeh-Platzes in Damaskus stattfanden. Es war Adnan Abu Alshamat selbst, der bekannte syrische Komponist, der mir erzählte, dass er 1945 im Canon Garden in Damaskus eine Big Band sah, in der die französische und syrische Armee spielte. Die syrische Gemeinde in Damaskus begann schnell, diese Melodien zu übernehmen und schuf ihre eigenen Arrangements. Bereits 1943 gründeten die Musiker Hisham Al-Shamaa, Hassan Derkzenly und Shukri Shawkli die erste syrische Jazzband und traten bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1947 auf. Hisham Al-Shamaa gründete seine eigene Gruppe „The band for contemporary music“ und ging kurz darauf nach Ägypten, um an der Musikakademie von Fouad I. zu studieren. Hassan Derkzenly gründete währenddessen eine syrische Jazzband, die bis 1968 auf öffentlichen Plätzen sowie in Radio und Fernsehen auftrat.

Die Jazzzene in Aleppo ist bis heute relativ unerforscht. Aufzeichnungen aus Aleppo sind bescheiden, aber sie offenbaren die Rolle der Stadt als Zentrum für Jazzmusik-Aktivitäten. In den 70er Jahren wurden die Nachtclubs und Ballsäle in Aleppo von Familien und der gebildeten Mittelschicht besucht. Hier traten nicht nur die besten Musiker der Stadt auf, sondern sie spielten auch eine Schlüsselrolle dabei, dem Publikum die Jazzmusik im täglichen Leben näher zu bringen. Wenn wir über Aleppo sprechen, ist die richtige Person, mit der wir beginnen sollten, der libanesisch-armenische Musiker Vatché Yeramian, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Jazzmusik in Syrien und der Gründer der ersten syrischen Big Band in Damaskus im Jahr 1978. Yeramian hatte ein außergewöhnliches Talent, spielte Saxophon und Geige und war bekannt für seine bescheidene Persönlichkeit und seine musikalischen Leistungen auf Weltklasseniveau.

Jazz Lives in Syria
Albumcover „The Touch“ aus dem Jahr 1983 von Vatché Yeramian & Ihsan Al-Munzer
Jazz Lives in Syria
Schallplattenalbum „The Touch“ aus dem Jahr 1983 von Vatché Yeramian & Ihsan Al-Munzer

Doch trotz seines großen Talents starb er in Armut in Aleppo. Zu seinen Schülern zählten Nouri Eskandar, Hratch Kassis, Tarek Fahham und Salem Bali. Hratch Kassis, der in den USA an der Berkley University in Boston Jazz studiert hatte, gründete mit anderen großen Musikern in Aleppo eine Jazzband und trat alle zwei Wochen im Kulturzentrum von Aleppo auf. Einige verdienten ihren Lebensunterhalt damit, in Nachtclubs zu spielen, damit sie unentgeltlich im Kulturzentrum auftreten konnten. Es verdeutlicht, wie sehr die Jazzszene in Syrien bereits akzeptiert war, noch bevor westliche Institutionen begannen, sich in der Szene zu engagieren. Mit seinem Bruder Berj gründete Hratch in den 90er Jahren die Aleppo Big Band nach dem Vorbild von Vatché Yeramian in Damaskus. Viele Musiker wurden von 1995 bis 2002 in der Armenischen Allgemeinen Wohltätigkeitsorganisation aktiv und 2005 bildete sich eine Big Band im armenischen Club. Die armenische Gemeinde spielte eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Jazzmusik in Aleppo, insbesondere im Zusammenhang mit der Eröffnung des Dar Al Tarbieh Theaters, das 800 Personen aufnehmen konnte und in dem Konzerte und Auftritte von hochkarätigen aleppinischen und armenischen Musikern stattfanden.

Die Stadt Aleppo brachte auch den berühmten Jazzmusiker Nadim Darwish, Sohn von Ali Darwish, hervor, der für die Wiederbelebung arabischer traditioneller Musik bekannt war. Aleppiner Jazzmusiker verbreiteten sich später auch außerhalb der Stadt und begannen, in Städten wie Tartous, Lattakia, Al Raqqa, Qamishli und Hasakeh durch ganz Syrien zu touren und die Jazzmusik einem neuen Publikum nahezubringen. Auch Musikläden spielten damals eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Jazzmusik in Aleppo, wie der Musikladen „Solina“ des Gitarristen Radwan Zein Eddin, der Laden „Shadows“ und viele andere Musikläden im Viertel Bab El Faraj, die heute in Restaurants und Geschäfte umgewandelt wurden.

In den späten 80er Jahren begann Jazzszene in Aleppo kleiner zu werden; die elitären Jazzclubs verloren ihr Publikum und spielten mehr populäre Musikgenres. Auch in Damaskus verlieren sich in den 80er Jahren die Spuren des syrischen Jazz, bis Vahe Temrejian und Johnny Commovitch mit ihrer Band „Tigers “ die Szene wiederbelebten und zu einem kleinen Höhepunkt des Jazz in Aleppo führten.

Vahe Temrejian´s Musikstück Leyli Tawil (Quelle: Youtube)

Die Gründung des Higher Institute of Music and Theatre in den 90er Jahren ebnete den Weg für das akademische Studium von Blechblasinstrumenten und schließlich die offizielle Anerkennung der Jazzmusik, gefolgt von der Gründung eines Blechbläserquintetts durch den Musiker und Gründer des Instituts Solhi Al Wadi. Es entstand sogar ein Jazz-Café mit dem Keyboarder Asem Albunni, dem Bassisten Garo Salakian, dem Saxophonisten Iyad Tarazi und dem Schlagzeuger Tarek Fahham.

Das erste Jazz-Festival

Jazz Lives in Syria
Euro-Arab Jazz Festival – Jazz Caravan in 1996

In den 90er Jahren fand auch das erste Jazzfestival in Damaskus und Aleppo statt: Das erste Euro-Arab Jazz Festival – Jazz Caravan wurde 1995 mit Unterstützung der Europäischen Kommission in mehreren Städten, darunter Damaskus, Aleppo und Dayr az-Zawr, veranstaltet. Diese bahnbrechende Veranstaltung führte das Konzept des Corporate Sponsoring von kulturellen musikalischen Aktivitäten in Syrien ein, indem sie private Sponsoren zusammenbrachte, ohne die dieser Traum nicht möglich gewesen wäre. Einer der Faktoren, der eine Schlüsselrolle bei der Höhe des zugewiesenen Budgets für das Festival spielte, war die Erklärung von Barcelona im Jahr 1995, in der anerkannt wurde, dass die Länder des südlichen Mittelmeerraums in der europäischen Kulturagenda berücksichtigt werden sollten. Das Festival selbst bezog regionale Musiker ein und schuf Partnerschaften zwischen lokalen und internationalen Teilnehmern. Innerhalb von drei Jahren (1994 – 1997) stieg die Zahl der am Festival teilnehmenden Bands von 6 auf 14. Das Euro-Arab Jazz Festival wurde zu einem Höhepunkt des kulturellen Austauschs mit Konzerten, Workshops, Fotografie- und Designwettbewerben. Es schlug jedoch keine Wurzeln in Syrien, als das Festival seine interkulturelle Essenz änderte und nur noch europäische Jazzkünstler auftraten.

Diese Veränderung des Zusammenspiels und damit der kritische Mangel an syrischen Jazzmusikern führte schnell zu einem Ende dieses Festivals. Dennoch hinterließ es Spuren in der Entwicklung einer international agierenden Kulturwirtschaft in Syrien.

Die Gründung des Syrian Jazz Orchestra

Im Jahr 2004 machte ich mich daran, eine Plattform und ein Zentrum zu schaffen, in dem sich diese Musiker entfalten konnten. Zusammen mit Nada Oman Alaeddine organisierte ich mit finanzieller Unterstützung des Schweizer Botschafters Jaques de Watteville einen ersten Jazz-Workshop. Begleitet wurde er vom Higher Institute of Music in Damaskus und dem Jazzman Amadis Dunkel mit seinem Oktett, der später mit uns und lokalen Musikern in Damaskus zu arbeiten begann. Der Erfolg dieses Workshops auf allen Ebenen war beispiellos. Wir waren fasziniert von den vielen großartigen Musikern, die uns ihre Talente offenbarten und waren hungrig auf weitere Aktivitäten. Mit Unterstützung von Athil Hamdan, Cellist und Direktor des Higher Institute of Music, konnten wir Studenten des Instituts versammeln, um die Jazzszene in Syrien aufzubauen. Wir dehnten die Workshops auf andere Teile Syriens aus und begannen, interessierte Musiker aus ganz Syrien zu identifizieren und zu kartieren, was bis dahin ein unerforschtes Terrain war. Doch das Fehlen von Ausbildungsinstitutionen stellte ein großes Hindernis für die Entwicklung eines hochkarätigen Jazz in Syrien dar. Im Jahr 2005 konnten wir mit der Gründung der Big Band auf diesen Mangel reagieren.

Die Big Band begann mit dem Einstudieren und Aufführen klassischer Standards aus dem internationalen Jazzrepertoire, etablierte aber schließlich ihre eigene Identität als syrische oder arabische Big Band.

Auf Entdeckungsreise: Videoserie der Big Band

Die Syrian Big Band beim Jazz Lives in Syria mit Houry Apartian (I Got the World on a String) in 2006 (Quelle: Youtube)

Syrian Big Band beim Jazz Lives in Syria 2006 arrangiert von Kalvin Jones (Quelle: Youtube)

Syrian Big Band beim Jazz Lives in Syria 2005 mit Houry Apartian mit dem Musikstück „Alone Together“ (Quelle: Youtube)

Das daraus resultierende einzigartige Repertoire wurde schnell zum Markenzeichen der Syrian Big Band: ein solides Jazz-Musikfundament, das andere Musikgenres und -stile, einschließlich arabischer und traditioneller syrischer Musik, sowie die eigenen musikalischen Ideen der Musiker aufnehmen und übernehmen kann, ohne deren Essenz zu beeinträchtigen.

Syrian Big Band beim Jazz Lives in Syria mit Rapeinlage von Khaled Omran in 2008 (Quelle: Youtube)

Sham Ya za Alseif mit Linda Betar, Moslem Rahal und Firas Shahrestan in 2005 (Quelle: Youtube)

Syrian Big Band Kinan Idnawi mit in 2008 mit dem Musikstück Gallows von Frank Carlberg (Quelle: Youtube)

Unter den vielen bedeutenden syrischen Jazzkomponisten des Syrian Jazz Orchestra ist vor allem der Dirigent und Arrangeur Nareg Abajian zu nennen, der eine unglaubliche Anzahl von 40 wundervollen Stücken für die Big Band komponiert hat. Bis heute ist Abajian ein wichtiger Teil der modernen Jazzszene in Syrien. Andere Dirigenten wie der finnische Pianist und Komponist Frank Carlberg schrieben und dirigierten für uns und gaben der Big Band einen modernen und doch sehr speziellen Charakter.

Die Liste der talentierten syrischen Bands ist endlos und umfasst leidenschaftliche Musiker wie Basel Rajjoub, Omar Harb, Amro Hammour, Viken Tchalian, Nizar Omran, Houry Apartian, Shohag Apartian, Lena Chammamyan, Racha Rizk, Ibrahim Soulaymani, Dulama Shehab, Tarek Skaikar, und andere. Viele von ihnen, wie Lena Chamamyan, haben aus den Samen, die durch die Arbeit mit dem Syrian Jazz Orchestra sprossen, eine erfolgreiche Karriere gestartet.

Die erfolgreiche Gründung der Syrian Big Band wurde zu einem wahren Inkubator für syrische Jazz- und Musiktalente, der Arbeitsmöglichkeiten schuf und einheimischen Musikern eine Chance gab – eine Bewegung, die auch in den Nachbarländern Libanon und Jordanien neue Formationen entstehen ließ. Ohne Sulhi al-Wadi, der das Higher Institute of Music gegründet hat, und den Direktor Athil Hamdan wären wir nicht in der Lage gewesen, diesen Punkt zu erreichen. Ihre kontinuierliche Unterstützung hielt uns auch in schwierigen Zeiten aufrecht.

Jazz Lives in Syria: Das Festival

Das Gründungsjahr der Syrian Big Band markierte auch den großen Start des Jazz Lives in Syria Festivals, das ab 2005 mit kostenlosen Konzerten in der Zitadelle von Damaskus begann und kontinuierlich wuchs, bis der Krieg 2011 alles zum Stillstand brachte. Die Festivals zeichneten sich durch eine große Synergie zwischen ausländischen und einheimischen Musikern aus, die sich als unglaublich erfolgreich erwies. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und einigen Momenten des Zweifelns wurde es zu einer sehr erfolgreichen internationalen Plattform, auf der denkwürdige Konzerte stattfanden, die sich schnell vervielfachten und zu einem jährlichen Rendezvous von Jazzmusikern und Jazzliebhabern führten. Die Festivals luden jedes Jahr Musiker aus der ganzen Welt ein, darunter aus der Schweiz, den Niederlanden, der Türkei, Indien, Frankreich, Deutschland, Spanien, Kanada, den USA, Italien und vielen anderen. Viele international bekannte Musiker wie Danny Blanc, Lyle Link, Joost Kesselaar, Oliver Friedly und Georgos Antoniou kamen nicht nur nach Syrien, um aufzutreten, sondern entwickelten auch enge Beziehungen zu lokalen Musikern, tauschten Erfahrungen aus und blieben das ganze Jahr über in Kontakt.

David Binney & Wayne Krantz beim Jazz Lives In Syria in 2008 (Quelle: Youtube)

Ensemble Denada beim Jazz Lives in Syria in 2008 (Quelle: Youtube)

Eine Auswahl der Bands, die auf dem Jazz Lives in Syria Festival von 2005 – 2010 performten (Quelle: Youtube)

Ich mag zwar der Initiator gewesen sein, aber das Festival wurde nur wegen all der Menschen, die daran teilnahmen und es zu ihrem eigenen machten, zu einem so großen Erfolg. Wir erhielten von Anfang an große Unterstützung von ausländischen Ministerien, Medien und dem Kulturministerium. Ein solches Projekt kann nicht von einer Person geschaffen werden, sondern nur als kollektive Kraft.

Was passierte nach 2011? Lesen Sie hier über weitere Initiativen für Syrien hier.

Bildquelle Titelbild: © Mais Shoubaji

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