von Estibaliz Sienra Iracheta

Im Laufe der letzten Jahrhunderte wurde die Bedeutung von Textilien als Wirtschaftsgüter und Träger gesellschaftlicher Werte bewahrt; verwoben mit den Traditionen und Bräuche der Menschen sind sie zum materiellen Ausdruck ihrer selbst und ihrer kulturellen Vergangenheit. In der syrischen Wüste, wie auch in anderen abgelegenen Kulturräumen der Welt, zeigt sich die Bedeutung von Textilien in den Bräuchen und Trachten von Nomadengemeinschaften, im Arabischen auch als Bedou bezeichnet: Menschen, die in Badiyat al-Sham (der syrischen Wüste) leben.

Der Begriff Beduine bezieht sich historisch gesehen auf kleine nomadisch lebende Gruppen arabischer Viehhirten, die von den alten Stämmen der arabischen Halbinsel abstammen. In diesen Gemeinschaften wurde die Herstellung von Textilien eine grundlegende Tätigkeit, die es ihnen ermöglichte, sich an die extremen Lebens- und Wetterbedingungen der Wüste anzupassen und dort zu überleben. Im Gegensatz zur Mehrheit der Bauern und Stadtbewohner Syriens haben Beduinen einen Teil ihrer traditionellen Kleidung bewahrt, vor allem da diese Textilien praktische und lebensnotwendige Aufgaben erfüllen. 

Das traditionelle Gewand der Beduinen-Frauen und -Männer bestand ursprünglich aus einem thawb, ein knöchellanges Gewand mit langen, weiten Ärmeln aus dunklem oder aus weißem Stoff. Diese waren entweder von Hand oder mit der Maschine genäht oder wurden auf dem Markt gekauft. Abhängig von der Jahreszeit konnte das Gewand aus Baumwolle (für den täglichen Gebrauch), aus Wolle (für den Winter) oder aus Seide (für feierliche und religiöse Anlässe) bestehen. Thawbs aus Seide waren oft mit Stickereien am Ausschnitt, den Seiten und der Brust verziert. Das Gewand konnte auch mithilfe von Patchwork in unterschiedlichen Farben und Materialien verziert sein und wurde in der Regel durch einen Gürtel gehalten. 

Die Funktion der thawbs war von den Ärmeln abhängig. Diese hatten unterschiedliche Einsatzzwecke. Bei Frauen dienten die Ärmel dazu, „hinter dem Rücken so zusammengebunden zu werden, dass sie eine Tasche zum Transportieren von Einkäufen und (oder) eines kleinen Kindes bildeten“ (Zernickel, S. 158). Bei Männern dienten diese Teile der Gewänder dazu, Macht zu demonstrieren und Status und/oder Rang darzustellen. Beim Reiten trugen Männer die Ärmel offen und frei; ansonsten aufgerollt oder hinten zusammengebunden (Zernickel, p.159). Darüber hinaus ermöglichten Größe und Länge der Ärmel es, echte Beduinen von Halbnomaden zu unterscheiden. Frauen trugen ebenfalls Mäntel (saya) mit weiten Ärmeln und Schlitzen an den Seiten. Diese bestanden aus dunklem Stoff, verziert mit applizierten Ornamenten im Ausschnitt und auf der Brust. Wie bei thawbs konnten die Seiten des Mantels vor der Brust zusammengebunden werden, sodass eine Tasche zum Tragen von Dingen entstand. Männer trugen früher ähnliche saye, aber in der Regel kombinierten sie einen Umhang (abaye) zu ihren Kostümen, der als ihr wichtigstes Kleidungsstück galt. 

Menschen der Wüste: Die Kleidung der Beduinen
View into the tent of a nomadic family of the Tayy-tribe – © Karin Pütt (CC-BY-NC-ND)

Auch Kopfbedeckungen waren bei der Bekleidung von Beduinen wichtig. Frauen trugen normalerweise eine margruna: Ein zu einem Dreieck gefaltetes Tuch, welches aufgerollt und um den Kopf gebunden wird, um den Schleier, oder shambar kreshe, zu halten. Schleier dienten dazu, die Zugehörigkeit zu bestimmten Stämmen zu zeigen und verheiratete von ledigen Frauen zu unterscheiden, welche diese häufige als Mittel zum „Flirten“ verwendeten (Kalter, St. 159). Männer andererseits trugen Kopftücher, welche mit unterschiedlichen Farben und Stoffen hergestellt werden konnten. Diese Tücher wurden mithilfe einer Kordel namens agal gesichert, welche aus Ziegenhaar geflochten waren. Für Beduinen waren Kopfbedeckungen ein wichtiger Bestandteil ihrer Kostüme, da diese als Schutz vor Sandstürmen oder zur Erhaltung der Körperwärme Anwendung fanden. Darüber hinaus konnten mit ihnen „unausgesprochene Botschaften – der Ausdruck von Liebe, Interesse, Geringschätzung, etc.“ transportiert werden (Zernickel, S. 160).

Im Allgemeinen gelten Textilien und Kleidung als materielle Ausdrucksformen der eigenen Persönlichkeit. Daher bestimmen und beziehen sie sich auf soziale und kulturelle Assoziationen, die ihnen von den Trägern der Kleidung zugesprochen werden. Wie auch in anderen Teilen der Welt konnten in Syrien ursprünglich Gruppen von Menschen anhand ihrer Textilien erkannt werden, was zu den unterschiedlichsten Emotionen und Reaktionen führte, von Zugehörigkeitsgefühlen bis hin zu Diskriminierung. Traditionelle Kleidungsstücke verschwinden aufgrund moderner Entwicklungen immer mehr, junge Menschen verlieren das Interesse, ältere Handwerker sterben und die westliche Mode nimmt immer mehr Raum ein. Modernisierung und Globalisierung brachten vielfältige Veränderungen in der Art und Weise, wie Menschen sich kleiden und ausdrücken. Das Verhältnis von Bekleidung zu ethnisch-sprachlichen und religiösen Gemeinden und ihre Bedeutung als Ausdruck sozialer Rollen zeugen aber bis heute von der kulturellen Vielfalt Syriens. 


Estibaliz Sienra Iracheta ist Doktorandin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus im Bereich World Heritage. Als Expertin für traditionelle Textilherstellung setzt sie sich für die Förderung traditioneller Textilhandwerke ein. Estibaliz arbeitete zuvor in der Ruth D. Lechuga-Volkskunstsammlung des Franz Mayer Museums und als Lehrerin für Textilrestaurierung an der National School for Conservation, Restoration and Museography of the National Institute of Anthropology and History in Mexiko.

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