von Ruwaida Tinawi

Laute Geräusche tönen vom Innenhof des Nachbarhauses herüber und die Stimmen von Jung und Alt sind voller Vorfreude. Was ist los? Unser Nachbar Abu al-ʿIzz kündigt an, dass er mit der ganzen Familie am nächsten Tag in die Ghuta fahren möchte.

Die Ghuta von Damaskus war tatsächlich einstmals eines der Paradiese dieser Welt und einer der fruchtbarsten Landstriche. Ihre Plantagengärten werden von den Nebenflüssen des Baradas sowie einem Netz von Bewässerungskanälen versorgt; sie lassen verschiedene Obstbaumarten, alle Gemüsesorten, den berühmten Damaszener Mais und Blumen gedeihen.

Als der frische Frühlingsmorgen kommt, verheißt er allen einen angenehmen Ausflug. Alle Sinne werden in der Ghuta von Damaskus zum Leben erweckt, denn es duftet dort wunderbar und es sieht zauberhaft aus. Die frische Luft belebt einfach jeden, sobald die Person mit ihr in Berührung kommt. Umm al-ʿIzz, die Dame des Hauses, bittet ihre Töchter nach dem Kerosinkocher zu schauen. Die Kochutensilien klappern in der Hektik aneinander. Sie sind alle aus reinem Kupfer, die der Kupferverzinner des Viertels, der sogenannte Mubayyid, auf seine geschickte Art blankgerieben hat. „Vergesst das Öl nicht!“, ruft die Großmutter von Weitem, „beim letzten Ausflug haben wir unsere Nachbarn im nächsten Plantagengarten darum gebeten.“

أشجار مثمرة وذرة في غوطة دمشق
Obstbäume und Mais in der Ghuta von Damaskus, 2005 | Anne-Marie Bianquis (CC-BY-NC-ND)
قناة ري صناعية في غوطة دمشق
Betonbewässerungskanal in der Ghuta von Damaskus, 1963 | Anne-Marie Bianquis (CC-BY-NC-ND)

Die Söhne von Abu al-ʿIzz suchen nach dem Fußball, um damit zu spielen, während von den Töchtern das Springseil bereitgelegt wird und die Frauen das Barjis, ein beliebtes Brettspiel, holen. Noch wichtiger als diese Dinge ist jedoch die Essensauswahl, die sie auf den Ausflug mitnehmen. Das kann Mujaddara sein, ein bekanntes Gericht aus Linsen und Burghul, Weizengrütze, oder Maqali, frittiertes Gemüse, sowie Salat oder auch verschiedenartiges Kabab (Hackfleisch) und Grillfleisch. Dies alles bleibt geheim bis es die Eltern untereinander besprechen. „Holt mal die Grillspieße und Kohle!“, ruft Abu al-ʿIzz. Nachdem sie nun wissen, was es zu essen geben wird, freuen sich die Kinder umso mehr auf das Picknick.

Alle Gegenstände für den Ausflug werden in Ledertüten, „sak“ genannt, bereitgestellt. In einem sak befinden sich die Essenssachen, in einem anderen ein Kissen für den greisen Großvater und in einem dritten eine Decke und Matten zum Ausbreiten im Gras und um darauf zu sitzen. Zweifellos haben die Damaszener das Wort „sak“ von den Franzosen während der Mandatszeit (1918–46) übernommen – wie viele andere französische Wörter, die immer noch in der Umgangssprache von Damaskus benutzt werden.

Die Ghuta, die die syrische Hauptstadt Damaskus umgibt, umfasste früher zahlreiche Plantagengärten, die sich über eine Fläche von ca. 230 km² erstreckten; sie beinhaltet insgesamt 39 Dörfer. Verwaltungstechnisch ist sie in zwei Bezirke unterteilt: West-Ghuta und Ost-Ghuta. Im Norden wird sie vom Fluss Yazid, im Westen von den beiden Flüssen Mazzawi und Dirani begrenzt, im Süden und Osten hingegen verringert sich ihre Fläche allmählich je weiter man sich von Damaskus entfernt.

أبقار وسط بستان في غوطة دمشق
Kühe inmitten eines Feldes in der Ghuta von Damaskus, 2005 | Anne-Marie Bianquis (CC-BY-NC-ND)
بستان زيتون في غوطة دمشق
Ein Olivenhain in der Ghuta von Damaskus, 2005 | Anne-Marie Bianquis (CC-BY-NC-ND)

Die Oase Ghuta mit ihrer grünen Fülle war seit alters her ein Siedlungsraum für mehrere Bevölkerungsgruppen. So deckten die archäologischen Studien und Ausgrabungen das Vorhandensein von vielen monumentalen Bauwerken und Siedlungshügeln (Talls) aus vorgeschichtlicher Zeit auf, wie zum Beispiel den bekannten Tall Aswad mit seinen Siedlungsschichten, die auf die Mittel- und Jungsteinzeit zurückgehen. Aus jüngeren Epochen beherbergt die Ghuta zahlreiche religiöse Besucherstätten, Klöster und Grabmäler sowie besondere Begräbnisstätten wie den Maqam (Schrein) der Sayyida Zaynab, der Enkelin des Propheten Muhammad, oder den Maqam des Prophetengefährten Saʿd ibn ʿUbada al-Ansari.

Seit Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts bis heute hat sich die Ausdehnung der Ghuta aufgrund von Dürrereignissen verändert. Die Brunnen versiegten und viele Quellwasserläufe, die die grünen Wiesen bewässert hatten, verschwanden. Zusätzlich zu diesen Veränderungen drohte der Ghuta eine weitere Gefahr, die im Begriff ist Haine und Gärten schließlich zum Verschwinden zu bringen: es ist das schrittweise Vordringen der Stadt mit ihren Gebäudeblöcken und Fabriken, was Wasserquellen verseucht und beträchtliche Bodenflächen der Ghuta vernichtet hat.

Picknick in der Ghuta von Damaskus – Veränderungen einer Kulturlandschaft
Informelle (ungeplante) Siedlungen breiten sich in der Ghuta Oase aus, 1980er | Anne-Marie Bianquis (CC-BY-NC-ND)

Diese Gefahr hätte es allerdings nicht gegeben ohne die Habgier der Investoren, welche die Lage der Jugend von Damaskus, denen ihre elterlichen Wohnungen zu klein geworden waren und die den Wunsch nach Unabhängigkeit verspürten, ausnutzten. Wenn es an Geld mangelt und der Wunsch stark ist – wo soll man da nur hin? Zu den stadtnahen Gartenflächen der Ghuta. Einige Bauern haben gegen reichliche Gewinne auf dem Immobilienmarkt auf ihre Gartenländereien verzichtet. So wurde denn unsere schöne Ghuta gefüllt mit Bausteinen, Zement und Eisen, nachdem sie doch immer unsere Seelen, Körper und Lungen mit ihrer sanften Brise erfüllt hatte.

At the Zu Beginn des letzten Jahrhunderts fuhren die Damaszener oft mit Pferdefuhrwerken in die Ghuta. Später haben sie diese durch Busse ersetzt. Die Jugendlichen gehen manchmal zu Fuß, um den älteren Leuten Plätze im Fahrzeug zu überlassen. Und wer das Transportmittel beanstandet, den tadelt das Familienoberhaupt: „Noch vor ein paar Jahren hättest du den Ausflug hoch auf dem Eselskarren gemacht.“ of the last century, the Damascenes often drove to the Ghuta in horse-drawn carts. Later on they replaced them with buses. The young people sometimes walk to give older people places in the vehicle. And if you complain about the means of transport, the head of the family will tell you, „Only a few years ago you would have made the trip up on the donkey cart.“

Die Schatten der blühenden Bäume waren im Frühling Lieblingsorte, um sich niederzulassen, immer mit der elterlichen Bitte an die Kinder: „Reißt die Blüten nicht ab! Haram – es wäre schade darum! Sie werden sich innerhalb von Tagen in solch köstliche Früchte wie Aprikosen, Maulbeeren, Pflaumen, Kirschen, Pfirsiche und leckere Walnüsse verwandeln.

Die Tage blättern weitere Seiten der Zeit um: der Krieg kommt und verwandelt die restlichen Grünflächen der Ghuta in Schlachtfelder. Er zerstörte ihre Häuser, verbrannte was von ihren Bäumen übrig war und lies sie zu einem Versteck für jegliche Art von Waffen werden. Dieser Ort ist nicht mehr eines jener Paradiese der Erde, welches die Dichter besangen, in dessen Beschreibung die Schriftsteller wetteiferten und das die Menschen in vollen Zügen genossen.

Ihr Wehklagen hallt von weither: „Ich bin die Braut von Damaskus, warum nur habt ihr mich gezwungen mein grünes Kleid abzulegen! Ich bin eure Lunge, erklärt mir doch woher ihr frische Luft bekommt ohne mich! Ich ernährte und sättigte mich vom Wasser des Baradas, um euch dann die Früchte meiner Anstrengung zu schenken und mit köstlicher Nahrung, mit Gemüse und Obst, zu speisen und Duftpflanzen zu geben. Ich ließ mich weder von dem Reichen noch dem Armen vereinnahmen – ich war für alle gemeinsam da. Solange du Damaszener*in bist, sollst du mich besuchen, denn ich fülle wahrlich deine Lungen mit der Luft, mit der du die kommende Jahreszeit hindurch überlebst. Ich bin die Ghuta von Damaskus, deren Reinheit die Seelen mit Freude, Glück und Zufriedenheit erfüllt hatte und nun von Giften überwältigt worden ist.

Aber nun gut, ich habe noch immer genug Erinnerungen, die mich in meinem Kummer trösten. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ihr eines Tages zu mir zurückkehren werdet, nachdem ich mein grünes Kleid wieder zurückbekommen habe.“

ِAutorenschaft von Ruwaida Tinawi

Lehrerin (für arabische Sprache) aus Syrien

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