von Dr. Esam Aljaber Abou-Fakher

Mit dem Rückzug des Osmanischen Reiches als Folge des Ersten Weltkriegs konstituierte sich 1920 in Syrien ein autonomes syrisches Königreich mit Faisal bin al-Hussain als seinem König. Als wichtiger Ausdruck der Selbstdarstellung des Staats sollte nun die bisher in Umlauf befindliche osmanische Währung durch eine neue ersetzt werden. So schuf das Königreich seine eigene Währung, den Dinar, was die Geburtsstunde der ‚syrischen‘ Münzen ankündigte. Der junge Staat war jedoch nicht von Dauer, denn im selben Jahr fiel Syrien unter das französische Mandat, das den Dinar vereitelte und durch die Installierung der „Bank Syriens“ dem Land eine neue Währung aufzwang. Die neue Währungseinheit war das Pfund (auch Lira), das 100 Piaster entsprach. Erst mit dem Erlangen der Unabhängigkeit im Jahr 1946 konnte Syrien das Finanzwesen von Frankreich entbinden und durch die anschließende Gründung der „Zentralbank Syriens“ die Währungshoheit und Geldausgabe unabhängig ausüben. Das Währungssystem des Mandats wurde dabei für das neue Geld übernommen. Vor diesem Hintergrund lassen sich die syrischen Münzen in drei politische Phasen unterteilen: 

1. Münze des Syrischen Königreiches – Der Golddinar (1920)

2. Münzen des französischen Mandats (1920–1946)

3. Münzen der Unabhängigkeitszeit (ab 1946)

Golddinar des Syrischen Königreiches, 21 mm, 1920
Abb. 1: Golddinar des Syrischen Königreiches, 21 mm, 1920 | Esam Aljaber Abou-Fakher (CC-BY-NC-SA)

Münze des Syrischen Königreiches- Der Golddinar (1920)

Der Dinar des syrischen Königreiches war eine Goldmünze, die nicht in Umlauf kam und nur in wenigen Exemplaren als Probemünzen existierte. Auf seine Vorderseite wurde das Wappen des Königreichs mit siebenzackigem Stern und Krone geprägt (Abb. 1). Der Stern symbolisiert die sieben Verse der koranischen Eröffnungs-Sure, die Krone ein königliches Herrschaftszeichen. In der islamischen Kultur ist die Krone jedoch unüblich; sie ist eher der christlich-europäischen Kultur zuzuordnen, was diese Kombination bemerkenswert macht. Die Rückseite des Dinars zeigt den Namen Königs Faisals I. als „Tughra“ (kalligrafische Kombination von Namen und Titel des Sultans) und erinnert damit an die osmanische Münztradition. Diese Gestaltung des Dinars zeigt die politischen Einflüsse der Zeit, die von zurückgehendem osmanischem und zunehmendem westlichem Gedankengut geprägt war.

½ Piaster, 21 mm, 1921 (französisches Mandat)
Abb. 2: ½ Piaster, 21 mm, 1921 (französisches Mandat) | Esam Aljaber Abou-Fakher (CC-BY-NC-SA)

Münzen des französischen Mandats (1920–1946)

Mit der französischen Besatzung Syriens im Jahr 1920 wurden die syrischen Münzen weitgehend der visuellen Kultur Frankreichs unterworfen und trugen neben der arabischen die französische Sprache. Ihre Bildsprache beruhte vor allem auf Pflanzenmotiven wie Eichen, Oliven, Ähren etc. Diese waren bei islamischen Münzen unwesentlich, wohingegen sie in der französischen Kultur- und Münzgestaltung sehr präsent sind (Abb. 2). So dienten die syrischen Münzen vor allem als Repräsentationsmittel der französischen Mandatsmacht. Erst 1929 wurden Münzen ausgegeben, die durch abstrakte Ornamentmotive eher die syrische Kultur ansprachen (Abb. 3). Die ‚lokale‘ Regierung, die prinzipiell der Vermittler zwischen der Bevölkerung und der Mandatsmacht war, hatte wohl bei der Gestaltung mitwirken können. Ohnehin haben die Mandatsmünzen – sowohl durch die Pflanzenmotive als auch durch die abstrakten Ornamente – eine Modernisierung in der heimischen Münzgestaltung eingeleitet, die vorher eher durch islamisch-kalligrafische Motive geprägt war. Dabei standen diese Münzen durch weitgehenden Verzicht auf Darstellungen von Menschen und Tieren mit der traditionell-islamischen Kultur und ihrem „Bilderverbot“ in Einklang.

10 Piaster (Silber), 17 mm, 1929 (französisches Mandat)
Abb. 3: 10 Piaster (Silber), 17 mm, 1929 (französisches Mandat) | Esam Aljaber Abou-Fakher (CC-BY-NC-SA)

Münzen der Unabhängigkeitszeit (ab 1946)

Nach der Unabhängigkeit 1946 wollte sich Syrien durch eine neue Bildsprache als souveräner und offener Staat auf internationaler Bühne darstellen. Bereits vor der ersten Münzausgabe – und als Fortschritt gegenüber den nonfigurativen Merkmalen der islamischen Kunst – wurde das Adlerbild als Staatswappen entwickelt, das auf der sogenannten Adlerfahne (arab.: al-Uqab) des Propheten Muhammad beruht. So fand dieses Motiv direkt seinen Weg – von der ersten Münzausgabe 1947 bis heute – als dauerhaftes Motiv auf die Vorderseite der Münzen. Was die Rückseite anbelangt, griff Syrien am Anfang nach Motiven mit globalem symbolischen Gehalt, wie Sonne für ‚neuer Morgen‘, was deutlich für den neuen Staat stand. Die Ähre tauchte wieder auf, nun jedoch auf ihre international verbreitete Präsenz hin als lebensnotwendiges Nahrungsmittel und Symbol der Fruchtbarkeit (Abb. 4). Dazu erschien das abstrakte islamische Ornamentmuster einer Arabeske, das seitdem häufig variiert wurde. Diese Arabeske weist auf die Verwurzelung in der islamischen Kultur hin, die sie zu einem unverwechselbaren Zeichen der Authentizität und Kontinuität des neuen Staats machen sollte. So war sie fast halbes Jahrhundert (1947–1995) das Hauptmotiv der Rückseite syrischer Kursmünzen. Die Kombination Adler/Arabeske charakterisierte diese Zeit.

50 Piaster, 24 mm, Unabhängigkeitszeit 1947
Abb. 4: 50 Piaster (Silber), 24 mm, 1947 | Esam Aljaber Abou-Fakher (CC-BY-NC-SA)

Im Jahr 1958 kam es zur Vereinigung Syriens mit Ägypten unter sozialistischen Vorzeichen. Als Folge davon wurden Motive sozialistischer Symbolik auf die syrischen Münzen platziert. So wurde die Ähre mit dem Zahnkranz verbunden. Diese Kombination steht für Industrie und Landwirtschaft, zwei üblichen Themen sozialistischer Ikonografie (Abb. 5). Die politische Vereinigung scheiterte jedoch nach kurzer Zeit und die Münzgestaltung kehrte zur Tradition Adler/Arabeske zurück, was mit der Münzausgabe 1968 seinen Höhepunkt erreichte, als neue Geldstücke hinzukamen und die Arabeske raumgreifender wurde (Abb. 6).

25 Piaster (Silber), 20 mm, 1958 (Vereinigung mit Ägypten)
Abb. 5: 25 Piaster (Silber), 20 mm, 1958 (Vereinigung mit Ägypten) | Esam Aljaber Abou-Fakher (CC-BY-NC-SA)
1 Pfund, 27 mm, 1968 – Wiederprägung 1971
Abb. 6: 1 Pfund, 27 mm, 1968 – Wiederprägung 1971 | Esam Aljaber Abou-Fakher (CC-BY-NC-SA)

Nach der Unabhängigkeit wurden auch Gedenkmünzen herausgegeben, deren Gestaltung aktuelle Anlässe auf der Rückseite zeigte – so die Münzen zur Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), die die Vermehrung der Nahrungsproduktion durch den Bau des Euphrat-Staudamms thematisierten (Abb. 7). Vor allem feierten die Gedenkmünzen jedoch die regierende sozialistische Baath-Partei und den Präsidenten Hafiz al-Assad als Zentralfigur und intensivierten damit die politische Propaganda auf den Geldstücken. Neben der vorgenannten sozialistischen Symbolik, die generell fortgeführt wurde, sind hierzu die Parteifahne sowie das Porträt al-Assads die markantesten Motive (Abb. 8 u. 9).

50 Piaster (FAO-Münze: Steigerung der Nahrungsmittelproduktion in der Welt), 23,5 mm, 1976
Abb. 7: 50 Piaster (FAO-Münze: Steigerung der Nahrungsmittelproduktion in der Welt), 23,5 mm, 1976 | Esam Aljaber Abou-Fakher (CC-BY-NC-SA)
25 Piaster (Gedenkmünze: 25. Jahrestag der Partei al-Baath), 20,3 mm, 1972
Abb. 8: 25 Piaster (Gedenkmünze: 25. Jahrestag der Partei al-Baath), 20,3 mm, 1972 | Esam Aljaber Abou-Fakher (CC-BY-NC-SA)

Mit den 1990er Jahren kam es infolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion zu Abschwächungen der sozialistischen Staatsgesinnung. Parallel dazu entwickelte sich der Tourismus zunehmend als wirtschaftlicher Sektor, in dessen Folge das historische Kulturerbe des Landes an Bedeutung gewann. 1996 wurden historische Bauwerke wie die Zitadelle von Aleppo auf den Münzen abgebildet und die Arabeske verdrängt (Abb. 10). Diese Münzen sind bis jetzt im Umlauf.

25 Pfund (Gedenkmünze: fünfundzwanzigster Jahrestag der Korrekturbewegung), 25 mm, 1995
Abb.9: 25 Pfund (Gedenkmünze: fünfundzwanzigster Jahrestag der Korrekturbewegung), 25 mm, 1995 | Esam Aljaber Abou-Fakher (CC-BY-NC-SA)
5 Pfund, 24,5 mm, 1996
Abb. 10: 5 Pfund, 24,5 mm, 1996 | Esam Aljaber Abou-Fakher (CC-BY-NC-SA)

Schon vor 2011 war die 25-Pfund-Münze in drei verschiedenen Entwürfen – als Gedenkmünzen – bei der österreichischen Münze zur Prägung in Auftrag gegeben worden. Sie sollte durch neue Motive und Themen (u. a. „Damaskus, Hauptstadt der arabischen Kultur 2008“) eine Wende in der Münzgestaltung einleiten. Wegen der europäischen Sanktionen gegen Syrien wurde der Auftrag jedoch gestoppt und die Münzen kamen noch nicht in Umlauf.

50 Pfund, 25 mm, 2018 (Kriegszeit)
Abb. 11:50 Pfund, 25 mm, 2018 (Kriegszeit) | Esam Aljaber Abou-Fakher (CC-BY-NC-SA)

Die neueste syrische Münze mit einem Wert von 50 Pfund wurde während des Kriegs geprägt und ist seit 2018 in Umlauf. Sie weist neben dem Wappen auf der Vorderseite das Denkmal des unbekannten Soldaten in Damaskus auf der Rückseite auf und steht damit in engem Zusammenhang mit dem aktuellen Krieg (Abb. 11).

Hintergrund dieses Artikels ist die veröffentlichte Dissertation des Autors. Um mehr über ihn zu erfahren, klicken Sie auf Portrait und Dissertation.


Esam Aljaber Abou-Fakher ist Bildender Künstler und beschäftigt sich mit Numismatik und politischer Ikonografie. Er studierte Kunst an der Universität Damaskus (Syrien) und promovierte 2016 an der Universität Oldenburg mit der Dissertation „Die syrischen Münzen von 1918 bis 2010. Ein Blick auf die politische Ikonografie und Repräsentation des Staates“. 2005 gab er den Gedichtband „Fremdheit des Marmors“ heraus (auf Arabisch).

ِAutorenschaft von Syrian Heritage Archive Project

Gemeinschaftsprojekt zur Digitalisierung von Beständen des syrischen Kulturerbes aus Deutschland (Museum für Islamische Kunst in Berlin und Deutsches Archäologisches Institut) in der Zeit von 2013-2019

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