1. Die Kunst der syrischen Textilherstellung
  2. Ein Filzteppich von al-Bab
  3. Die Fäden des Lebens: Syrische Textilornamente
  4. Verborgene Persönlichkeiten: Die Frauen aus Duma
  5. Die Farbe, die ewig währt: Textildruck in Syrien
  6. Von Tieren und Pflanzen: Rohmaterialien für Textilien
  7. Ein Blick in die Welt des syrischen Seidenbaus
  8. Einblicke in das jahrhundertealte Seidenhandwerk Syriens
  9. Was bleibt von der Seidenstraße?
  10. Menschen der Wüste: Die Kleidung der Beduinen
  11. Teppiche aus Raqqa: Eine Erinnerung
  12. Traditionelle Textilherstellung: eine gefährdete Tradition
  13. Unvergessen: Der Duft der Erinnerung

von Estibaliz Sienra Iracheta

Die historische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung traditioneller Textilien in Syrien stellt ein materielles und immaterielles Erbe von unschätzbarem Wert dar, das Menschen ein Gefühl von Identität und Kontinuität über die Zeit hinweg vermittelt. Leider hat, wie bei den meisten Textiltraditionen auf der ganzen Welt, der Verlust des antiken Wissens und der damit verbundenen Handwerkstechniken eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die zu ihrem Verschwinden führt. 

Das rasche Verschwinden traditioneller Textilien in Syrien begann mit der Wende zum 19. Jahrhundert. Als Folge des wirtschaftlichen Handelsabkommen zwischen dem Osmanischen Reich und den europäischen Märkten wurden die Suqs mit billigen britischen Stoffen überflutet, was zu einer Verknappung der lokalen Rohstoffe und einem Anstieg der Preise für handgefertigte Produkte führte. Es wird geschätzt, dass bis 1850 die Herstellung traditioneller Textilien um die Hälfte zurückging, wobei die Verwendung traditioneller Kleidungsstücke um fast drei Viertel zurückging. Die Menschen in den Städten und Gemeinden begannen, Kleidung im europäischen Stil zu tragen. Dieser Rückgang hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf die Märkte und leitete einen Stillstand bei der Weitergabe von Kenntnissen über Textilien ein, die vorher von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Unabhängigkeit des Landes Modernisierung und Industrialisierung in die Region gebracht, was die Einführung von billigeren Materialien und mechanisierten Werkzeugen zur Folge hatte, die die Prozesse vereinfachten und die Arbeitszeit sowie die Produktionskosten senkten. Das führte zum unwiederbringlichen Austausch und schließlich zum Verlust vieler der mühsam entwickelten Textilhandwerke Syriens. Veränderungen in der politischen Landschaft wie auch in den klimatischen Bedingungen, die sich durch die Überweidung der Herden verschlechterten, führten außerdem zu einem dramatischen Rückgang der Zahl der aktiven Nomadengemeinschaften und ihrer traditionellen Lebensweise (Gillow, S.96). 

Untersuchungen der Forscherin Maria Zernickel (1992, S.194) deuten darauf hin, dass vor dem Ersten Weltkrieg bis zu 60 Werkstätten von Indigofärbern in Aleppo tätig waren. Bis 1992 gab es nur noch zwei oder drei von ihnen. Im Jahr 1973 arbeiteten schätzungsweise bis zu 3.500 Weberinnen und Weber in der Stadt, zwei Jahrzehnte später arbeiteten nur noch etwa 200 von ihnen mit traditionellen Webstühlen. Zum Zeitpunkt der Untersuchung waren Werkstätten, die mit Reservetechniken färbten kaum noch zu finden, da das Familiengewerbe durch Fabriken ersetzt worden war, die bedruckte Stoffe herstellten. Die Situation verschlechterte sich zunehmend durch den fehlenden Generationswechsel, der die verbleibenden alten Färber und Weber abgelöst und das Handwerk weitergeführt hätte. Mit dem Rückgang an Geschäften begannen die Jüngeren das Interesse am Erlernen der handwerklichen Fertigkeiten zu verlieren. Laut der Textildesignerin Annegret Hafner verstarben die Brüder Ilias und Gorgi Zâhir, die für die Herstellung von Ikat in Syrien bekannt waren, vor ihrer letzten Reise nach Aleppo im Jahr 2007. Die Zâhir-Brüder hinterließen keine Spuren ihres alten Handwerks. 

War das Überleben der syrischen Textiltraditionen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts stark gefährdet, so hat die Eskalation des bewaffneten Konflikts in der Region seit März 2011 die Produktion traditioneller Textilien stark in Mitleidenschaft gezogen. Sogar die industrielle Fertigung des Landes, die zuvor die alten Handwerkszweige betroffen hatte, ist durch den Krieg verwüstet worden: Fabriken wurden zerstört, Arbeiterinnen und Arbeiter vertrieben und Restriktionen behindern den Handel (AFP, 2016). All diese Umstände führen zu der allgemeinen und niederschmetternden Annahme, dass die meisten traditionellen textilen Ausdrucksformen im Land kurz vor dem Aussterben stehen.

Letzte Aufnahme von dem Weber Mohammad Fllaha bei seiner Arbeit mit einem Schaftwebstuhl in Aleppo (© Mohamad Fllaha)

Mohamed Fllaha, einer der jüngsten Tarbitproduzenten und Weber von Aleppo, war gezwungen, mit seiner Familie aus der Stadt zu fliehen, als der Konflikt eskalierte. Er lebt derzeit in der Türkei und konnte seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr weben. Mehrere Unternehmen und NGOs haben soziale Projekte mit syrischen Flüchtlingen in Ländern wie Jordanien und Libanon ins Leben gerufen, die kleinen Gruppen von Menschen eine Ausbildung und ein Gewerbe zur wirtschaftlichen Selbstversorgung ermöglichen. Allerdings ist der Mangel an finanziellen Mitteln für die Förderung und Durchführung größerer Projekte spürbar. Darüber hinaus ist Zugang zu bestimmten Regionen Syriens, um den Zustand des Textilhandwerks zu beurteilen, damit entscheidende Schutz- und Förderstrategien entwickelt und umgesetzt werden können, immer noch erschwert und in der jetzigen Lage keine Priorität. Aber ohne entscheidende Versuche, das materielle und immaterielle Erbe Syriens zu schützen, werden Jahrhunderte des Wissens, der Schönheit und der Kultur für immer verschwinden. Syrische Textilien werden im Sand der Geschichte vergessen werden und in den blutgefärbten Stoffen des Krieges verschwinden.  


Estibaliz Sienra Iracheta ist Doktorandin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus im Bereich World Heritage. Als Expertin für traditionelle Textilherstellung setzt sie sich für die Förderung traditioneller Textilhandwerke ein. Estibaliz arbeitete zuvor in der Ruth D. Lechuga-Volkskunstsammlung des Franz Mayer Museums und als Lehrerin für Textilrestaurierung an der National School for Conservation, Restoration and Museography of the National Institute of Anthropology and History in Mexiko.

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