von Bassel Abdulwahab

Seitdem ich Aleppo verlassen habe, versuche ich in jeder Ecke, an der ich vorbeigehe, eine Spur davon zu finden. Nach meinem Umzug nach Deutschland hatte ich als Textildesigner das starke Verlangen, Wege zu finden, meine Erinnerungen wachzurufen. Ich wollte sie in ein Kunstwerk verwandeln und meine so geliebten Erinnerungen darin einbetten. Aber ich war mir nicht sicher, was genau ich bewahlren wollte?

In meiner neuen Heimat Halle stieß ich auf einen Ort, den ich zufällig ausgewählt hatte. Eines Tages, als ich über den Marktplatz ging, wurde meine Aufmerksamkeit durch einen flüchtigen Blick auf eine enge, versteckte und vernachlässigte Gasse gelenkt. Etwas in meinem Inneren lud mich ein, ja drängte mich dazu, die kleine Gasse zu durchqueren. Mit langsamen Schritten, die feuchten, kühlen Luftmoleküle einatmend, bewegte ich mich vorwärts. Der Geruch von Essen aus dem kleinen Küchenfenster rechts von der Gasse und der Rauch des starken Lakritz-Shisha-Tabaks, welcher der nahegelegenen Shisha-Bar auf der linken Seite der Gasse entströmte, drang direkt durch meine Nase in mein Gedächtnis. Mein Herzschlag beschleunigte sich, glaubte ich doch daran, am Ende dieser Gasse endlich eine versteckte Straße nach Aleppo zu finden.

Der Lärm vorbeifahrender Autos brachte einige verdrängte Erinnerungen aus meiner Heimat hervor. Für ein paar Minuten wurde ich in mein geliebtes, vom Krieg zerrissenes Aleppo zurückversetzt. Die Ähnlichkeiten zwischen diesem alten steinernen Torbogen in einer einsamen Gasse mitten in Halle und der Altstadt von Aleppo sind verblüffend. Nachts, wenn man unter dem Bogen steht, sieht man den gleichen gelben Schein von den Straßenlaternen, der in Aleppo warme Schatten auf die alten Steine warf. Die enge Gasse und die verborgenen Kluften luden meine Gedanken dazu ein, dem Weg meiner Erinnerungen zu folgen. Dieser Torbogen in Halle gab mir den Hauch einer Vorstellung von dem Torbogenlabyrinth des alten Basars von Aleppo. Hier stehend konnte ich beinahe das laute Rufen des Kaufmanns hören, das Geschwätz der Nachbarn, die über Preise verhandelten. Aber mehr als alles andere, wenn ich meine Gedanken schweifen ließ, erinnerte ich mich an die Gerüche.

Gerüche sind so tief im Gedächtnis verankert. Ein Geruch kann Erinnerungen an einen Ort, einen bestimmten Moment und eine emotionale Verbindung enthalten. Wenn ich durch den alten überdachten Basar von Aleppo ging, roch ich immer die traditionellen Gerüche, und vielleicht war Aleppo-Seife der stärkste unter ihnen. Seife aus Aleppo ist weltberühmt und wird aus Olivenöl und Lorbeerblättern hergestellt. Ein anderer markanter Duft ist Zaatar (Thymian), da Aleppo auch für seine Thymian-Mischung berühmt ist, die mit einer Vielzahl von Gewürzen vermischt und auf den Märkten verkauft wird. Es ist üblich, dass Geschäfte sowohl Aleppo-Thymian als auch Aleppo-Seife als traditionelle Produkte der Stadt verkaufen.

Ich wusste sofort, dass der Geruch ein wesentlicher Bestandteil eines jeden Stückes war, das ich erschaffen würde, wenn ich meine Stadt Aleppo in meinem Kopf zu neuem Leben erwecken wollte. In dem Versuch zu speichern, was ich gesehen, gefühlt und gerochen hatte, während ich durch diese einsame Gasse in Halle ging, nahm ich einen Webstuhl und begann zu weben.

Als Farben wählte ich Rot und Weiß für Halle, die Farben der Stadt. Für Aleppo wählte ich Schwarz, Gelb, Grau und Braun als Darstellung der städtischen Landschaft. Gelbe und graue Steine sind spezifisch für Aleppo und für Syrien allgemein. Sie sind in vielen architektonischen Elementen zu finden. Der Baustil heißt Ablaq und zeichnet sich durch abwechselnd helle und dunkle Steinreihen aus, wie sie im Inneren der Zitadelle in Aleppo, im Hamam Yalbugha oder in Aleppos armenischer Kirche zu sehen sind. Ich erstellte das Farbschema in Streifen mit einem graduellen Farbverlauf von einem Farbschema zu dem anderen.

Ich habe den Stoff doppelt gewebt, um versteckte Taschen zu schaffen, in denen ich Material aufbewahren kann, das kleine Mengen verschiedener Duftstoffe enthält, in der Hoffnung, dass sie meine Erinnerungen an zu Hause wachrufen könnten. Natürlich wählte ich Aleppo-Seife, frischen Thymian, Zimt und Shisha-Tabak. Die Taschen wurden gestaltet, indem die beiden Stoffe übereinander geformt wurden. Kurz bevor ich die Taschen schloss, legte ich das in Teebeutel gefüllte Duftmaterial bei. Ich hatte einen Weg gefunden, meine Erinnerungen zu bewahren.

Meine Arbeit habe ich als Erinnerung in einem Kurzfilm festgehalten. Das Video zeigt mich bei den Webarbeiten. Eingewickelt in mein Werk möchte ich damit meine Verbindung zu Aleppo zum Ausdruck bringen.

Dokumentation ‚Unforgotten‘

Videodokumentation des Textilprojektes von Bassel Abdulwahab (© Bassel Abdulwahab, Musik von Le Trio Joubran, ‚Nawwâr‘)

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