by Rania Kataf

Jede Frau in Duma besitzt eine Aghabani-Stickmaschine. „Wir bekommen sie als Teil unserer Aussteuer, ein Brauch, den die Frauen aus Duma seit Generationen leben“, erklärt eine ältere Frau aus der Familie Jowhar. Die Familie Jowhar gilt als eine der größten Familien, die für ihren angesehenen Ruf in der Aghabani-Textilproduktion bekannt sind. Wie viele andere bekannte Familien aus der Stadt Duma wie al-Malik, al-Najjar und Sheikh Bzeneh üben sie dieses Kunsthandwerk bereits in der dritten Generation aus. Duma ist eine Großstadt nordwestlich von Damaskus, in der Region Ghuta. Der Aghabani-Stoff, der aus feinen Stickereien besteht, gehört zu den am meisten bewunderten Damaszener Textilien, die auf einzigartige Weise mit der Stadt Damaskus und den umliegenden kleineren Städten verbunden sind. Auch wenn dieses Kunsthandwerk durch die Damaszener Händler berühmt wurde, sind die wahren Schöpfer dieses Stoffes Frauen, die in Duma und anderswo hinter den Kulissen mit den feinen Stoffen arbeiten.

 „Jedes Stück Aghabani wird von einer Frau einzigartig entworfen, genau wie eine Zeichnung“

Samir Hamoudeh

Aghabani-Stoff ist eine einzigartiges handgefertigtes Muster  aus Seide, Organza oder Baumwolle, die mit weißen, goldenen und/oder silbernen Viskose-Fäden bestickt werden. Ursprünglich waren Weiß, Gold und Silber als die hauptsächlichen Farben des Aghabani-Stoffes bekannt, doch heute gibt es bereits zahlreiche neue Farbkombinationen, um der Nachfrage am Markt zu nachzukommen. „Jedes Stück Aghabani wird von einer Frau einzigartig entworfen, genau wie eine Zeichnung“, erklärt Samir Hammoudeh, Besitzer eines Aghabani-Kaufhauses in Damaskus. „Früher kaufte ich den Baumwollstoff selbst, brachte ihn zum Holzschnitt-Drucker und suchte mit ihm die Designs aus. Am nächsten Tag kam ich dann noch einmal, um diese abzuholen und an die Frauen in Duma zu schicken. Die Männer erledigten ihren Teil, aber die tatsächliche Arbeit war den Frauen überlassen“, fährt er fort. Verschiedene Muster wurden als Orientierungshilfe für die Frauen, welche die Stickerei ausführten, mit auswaschbarer blauer Farbe auf den Stoff aufgedruckt. Jedes Tischtuch enthielt mindestens drei Muster. Die Holzschnittdrucker verwendeten kleinere und größere Holzschnitte, um diese Muster auf die Oberfläche des Stoffes zu drucken.

Samir Hamoudeh, Besitzer eines Aghabani-Ladens in Damaskus, erzählt von seiner Arbeit mit den feinen Stoffen (© Rania Kataf – CC-BY-NC-ND)

Viele Händler glauben, dass Aghabani auf die osmanische Zeit in Damaskus zurückgeht, eine Zeit, als bestickte Stoffe speziell für Männer von hohem Stand oder Rang im religiösen Leben individuell angefertigt wurden. Bereits damals waren Frauen die Pioniere dieses Kunsthandwerks. Noch heute lernen Frauen schon in sehr jungen Jahren alles über Stickerei von ihren Müttern oder Tanten. Schätzungen zufolge waren vor dem Krieg fast 5000 Frauen in Duma von ihrem Zuhause aus in der Aghabani-Produktion tätig. Heute hat die Zahl infolge von sieben Jahren Krieg in Syrien dramatisch abgenommen. In einem Interview mit einer der wenigen noch in diesem Kunsthandwerk tätigen Frauen erklärt Lina Sheikh Bzeneh, dass Aghabani sich auf jegliche Stickerei bezieht, die von den Frauen aus Duma angefertigt werden. Ohne den Einsatz dieser Frauen, gäbe es kein Aghabani. Laila Jowhar verbindet das weltweite Ansehen des Aghabani besonders mit dem Tischtuch und der von ihren Vorfahren verwendeten Handwerksmethode. „Wenn man Menschen nach Aghabani fragt, fällt ihnen meist nur das Tischtuch ein. Es ist heute die beliebteste Stickereiart.“

Für Lina, die dieses Kunsthandwerk seitdem sie 10 Jahre alt war ausübt, hat das Besticken von Tischtüchern den Beginn einer neuen Aghabani-Ära eingeläutet. Sie glaubt, dass der Wechsel von einfachen Stickereien auf Kleidern zu einer erleseneren Auswahl an größeren fein bestickten Geweben und Designs, dazu beigetragen hat, die Identität ihrer Stadt durch eine Aufwertung dieses Handwerks zu bewahren. Sie fragt ihre Mutter: „Mama, seit wann stelle wir Aghabani her?“ Für sie wird Zeit in der Anzahl der von den Frauen ihrer Familie durchgeführten Stiche gemessen. „Frag deine Großmutter, wie alt sie war, als Damaszener kamen und ihr erstes Tischtuch bei ihr bestellten,“ antwortet ihre Mutter.

A handgefertigtes Muster für die Frauen von Douma
Aghabani-Tischtuch mit goldenen und silbernen Fäden

Fig. 1: Ein Muster eines handbedruckten Stoffes (© Rania Kataf – CC-BY-NC-ND) Fig. 2: Aghabani-Stichmuster (© Rania Kataf – CC-BY-NC-ND)

Aufgrund ihres konservativen kulturellen Hintergrunds arbeiteten die Frauen von Duma von ihren Häusern aus, was es unmöglich machte, einen Ersatz für ihre Stickerei-Methode zu finden. Niemand hatte tatsächlich je gesehen, wie diese Frauen ihre Aghabani-Meisterstücke herstellten. Während des Kriegs in Syrien wurde es unmöglich, Duma zu erreichen. Viele Frauen verließen Duma ohne ihre Nadeln und Stickmaschinen. Daher war die Aghabani-Produktion jahrelang zum Erliegen gekommen, bis diese Frauen einen Weg gefunden hatten, ihre Maschinen aus ihren Häusern herauszuschmuggeln und dieses vom Aussterben bedrohte Kunsthandwerk wiederzubeleben. Die Frauen aus Duma begannen, Aghabani von ihren neuen Häusern in sichereren Nachbarorten aus herzustellen. Manche zogen sogar nach Damaskus und traten wieder in Verbindung mit jenen Händlern, für die sie vor dem Konflikt gearbeitet hatten. Als Duma 2018 von offizieller Seite her als sicher bezeichnet wurde, kehrten viele Familien aus Duma in ihre Häuser zurück und brachten das Kunsthandwerk zurück an seinen Entstehungsort. Der Damaszener Kaufhausbesitzer Samir Mahmoud ist sich sicher: „Die Frauen aus Duma haben das Kunsthandwerk gerettet. Die talentierte Handfertigkeit der Frauen aus Duma ist mit nichts zu vergleichen. Sie erschaffen Zauberhaftes.“


Rania Kataf ist eine in Damaskus lebende Künstlerin, die die Erinnerung der Stadt durch Geschichten und Fotografien dokumentiert. Mit ihrer Facebookgruppe ´Humans of Damascus´ versucht sie, Damaszener in diesen Prozess online einzubinden.

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