von Dr. Sari Jammo*

Die sogenannten „Toten Städte“ oder „antiken Dörfer Nordsyriens“ umfassen mehr als 700 Orte des nordwestlichen Teils Syriens in den Gouvernoraten Idlib und Aleppo. Sie verteilen sich auf eine weite Region und liegen auf dem Kalksteinmassiv, das sich von Norden nach Süden erstreckt: Jabal Samʿan, Jabal Barisha, Jabal al-Aʿla, Jabal Wastani, Jabal az-Zawiya. Diese Dörfer wurden zwischen dem 1. und 7. Jahrhundert erbaut und zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert, als die Bevölkerung zu schrumpfen begann, aufgegeben. Tchalenko vermutet, dass in der Region eine weitgehend monokulturelle Wirtschaftsform überwog, die auf Ölbaumanbau beruhte.** Diese hatte zu beträchtlichem Wohlstand geführt. Die Bauern produzierten in großem Umfang Oliven und exportierten Olivenöl in das nahe gelegene Antiochia und weiter in die byzantinischen Städte des Mittelmeerraums. 

Die antiken Dörfer Nordsyriens zeichnen sich durch viele gut erhaltene Ruinen aus, darunter Kirchen, Villen, Wohnhäuser, Zisternen und Badehäuser aus der römischen und byzantinischen Zeit, was die Kulturlandschaft dieser Region prägt. Aufgrund ihrer Einzigartigkeit und ihres archäologischen Werts sind 36 antike Dörfer in 8 Archäologischen Parks 2011 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes und 2013 in die Liste des gefährdeten Welterbes aufgenommen worden.

البارة، معصرة زيتون، القرن 5-6 م
Al-Bara, Ölmühle, 5.-6. Jh. | Rami Alafandi (CC-BY-NC-SA)
باقرحا، الكنيسة الشرقية، 546 م، مشهد عام
Baqirha, Ostkirche, 546 n. Chr., Gesamtsicht | Peter Heiske (CC-BY-NC-ND)

Der seit 2011 anhaltende Konflikt in Syrien hat den Menschen und ihren Besitztümern ebenso wie dem kulturellen Erbe, welches in der Menschheitsgeschichte von besonderer Bedeutung ist, massiven Schaden zugefügt. Die Kulturgüter des Landes sind Bedrohungen wie Zerstörung, Plünderung, illegalem Handel, Diebstahl und korrupten Antiquitätenhändlern ausgesetzt. Dies hat zu erheblichen Schäden bis hin zum Verlust vieler wichtiger archäologischer Stätten und historischer Denkmäler geführt.

البارة، توابيت حجرية مدمرة في المدفن الهرمي أ، القرن 6 م
al-Bara, zerstörte Steinsarkophage im Pyramidengrab A, 6. Jh. n. Chr. | Idleb Antiquities Center

Die Militäroperationen zwangen die Menschen an sicherere Orte zu fliehen. Viele haben sich in den Ruinen der „Toten Städte“ niedergelassen, weil sie hofften, dass diese archäologischen Stätten ihnen etwas Schutz bieten würden. Verfallene byzantinische Gebäude wurden zu Wohnsitzen für Geflüchtete, herumliegende antike Steine wurden verwendet, um weitere Räume zu bauen. Der mangelnde Schutz dieser archäologischen Stätten während des Konflikts und die wirtschaftliche Not brachten manche Menschen dazu, an diesen Stätten auch nach Schätzen zu suchen. Die illegale Ausgrabungstätigkeit nahm stark zu. Die Verantwortungslosigkeit einzelner hat dazu geführt, dass manche Stätten systematisch zerstört wurden. Antike Steine wurden zu behauenen Blöcken recycelt und für den Bau moderner Häuser in großem Maßstab verkauft. Gegenüber der Zeit vor 2011 gab es eine starke Steigerung.

Der Zustand des materiellen Erbes Syriens und dessen Zerstörung hängt auch mit mangelnden Bewusstsein und Wertschätzung für Kulturgüter durch die Bevölkerung zusammen. Über die Bedeutung dieser Denkmäler als kulturelles Erbe des syrischen Volkes als Ganzes nachzudenken, sollte jedoch als grundlegender Faktor berücksichtigt werden.

الرفادة: السكن داخل خربة تاريخية
ar-Rifada: Leben in einer antiken Ruine | Stefan Heidemann (CC-BY-NC-ND)
إعادة استخدام مبنى بيزنطي كمسكن، سرجيلا
Sirjilla, Nutzung eines byzantinischen Gebäudes als Wohnhaus | Eva Haustein-Bartsch (CC-BY-NC-ND)

Zerstörung und Vandalismus in den „Antiken Dörfern Nordsyriens“ am Beispiel der al-Husn-Kirche in al-Bara
Rekonstruktionszeichnung der Basilika al-Husn von Tchalenko 1953

Im Jahr 2017 untersuchte und dokumentierte die Universität von Tsukuba/Japan gefährdete syrische Kulturerbestätten. Sie tat dies mit finanzieller Unterstützung der Agentur für kulturelle Angelegenheiten der japanischen Regierung und in Zusammenarbeit mit der zivilgesellschaftlichen Organisation „Idleb Antiquities Center“, die sich für die Weltererbestätten der „Antiken Dörfer Nordsyriens“ engagiert.  Aufgrund des intensiven Konflikts in der Region war über die Zerstörung vieler antiker Stätten Nordsyriens berichtet worden. So wurden beispielsweise schwere Schäden vom Simeonskloster sowie aus al-Bara und Sirjilla, den Handelszentren im Jabal az-Zawiya, gemeldet. Es wurde ein Projekt initiiert, um wichtige Gebäude, insbesondere Kirchen, im Weltkulturerbegebiet mit Hilfe von 3D-Modellierungsbildern zu dokumentieren. Al-Bara wurde für die 3D-Dokumentation ausgewählt, nachdem bekannt wurde, dass die Gebäude dort  durch Bombenangriffe und Diebstahl sowie durch das Recycling von Bausteinen schwer beschädigt waren. Al-Bara ist einer der wichtigsten Orte der antiken Dörfer und besitzt mindestens fünf frühe Kirchen, deren größte und besterhaltene die so genannte al-Husn-Basilika am nördlichen Ortsrand war und aus dem 5. Jahrhundert stammt. In al-Bara ebenso wie an anderen Stätten der Region wurden die archäologischen Stätten ausgiebig durchsucht und antike Bausteine systematisch abgebaut. Ein schwerer Bagger, der wahrscheinlich für die Ausgrabung des Fundaments eines modernen Hauses eingesetzt wurde, wurde dabei beobachtet, wie er die Überreste einer archäologischen Stätte platt walzte!

Zerstörung und Vandalismus in den „Antiken Dörfern Nordsyriens“ am Beispiel der al-Husn-Kirche in al-Bara
Satelittenbild mit der Ruine der al-Husn Basilika auf Google Earth, 2010
Zerstörung und Vandalismus in den „Antiken Dörfern Nordsyriens“ am Beispiel der al-Husn-Kirche in al-Bara
Satelittenbild mit der Ruine der al-Husn Basilika auf Google Earth, 2017

Zerstörung und Vandalismus in den „Antiken Dörfern Nordsyriens“ am Beispiel der al-Husn-Kirche in al-Bara
Satelittenbild mit der Ruine der al-Husn Basilika auf Open Street Map, 2021

Eine der schlimmsten Fälle von Zerstörung und absichtlichem Vandalismus ist der Fall der Basilika al-Husn. Das Gebäude war fast verschwunden und kaum noch zu erkennen. Leider wurde die Basilika in ein Feld für die Anpflanzung von Obstbäumen, wie z.B. Feigen, verwandelt. Die bogenförmigen Überreste, die vom östlichen Teil der Kirche stehen geblieben sind, werden wahrscheinlich einstürzen. Viele Steine des Gebäudes wurden woanders weiter verbaut. So wurden sie für den Bau einer Steinterrasse verwendet, um ein modernes Gebäude darauf zu errichten. Daher konnten wir nichts zum Schutz des Gebäudes tun, außer einige Fotos zu machen.


كنيسة الحصن، تشكل بقايا أحد جدران البازيليكا حد لحقل زراعي
Die Ruinen der al-Husn Kirche bilden jetzt nur noch die Begrenzung des Ackerlandes mit Obsthain, Foto 2017 | University of Tsukuba, Research Center for West Asian Civilization (CC-BY-NC-ND)
كنيسة الحصن، بقايا من البازيليكا بعد هدمها لتحويل الموقع إلى حقل زراعي
Reste der Apsis der Basilika al-Husn nach der Zerstörung und Umwandlung in Ackerland mit Obstbäumen, Foto 2017 | University of Tsukuba, Research Center for West Asian Civilization (CC-BY-NC-ND)

Qalb Lawza, Basilica of 5th c., Apse and south façade
Ansicht der Basilika von Qalb Lawza, 5. Jh. | Eva Haustein-Bartsch (CC-BY-NC-ND)

Viele der archäologischen Stätten befinden sich in der Nähe moderner Städte, einige von ihnen stehen auf Privatgrundstücken von Einheimischen. Es wurde berichtet, dass die Stätten, die abseits bewohnter Orte liegen, noch mehr Schaden erlitten haben. Allerdings gründeten sich auch verantwortungsvolle lokale Initiativen, die die aktive Rolle der lokalen Bevölkerung beim Schutz des kulturellen Erbes zeigen. Farkiya zum Beispiel ist ein bewohntes altes Dorf in der Nähe von al-Bara und bekannt für seine wichtigen römischen und byzantinischen Denkmäler wie den “Hammam-Palast” und die “Herkulesburg” sowie andere Gebäude mit großen Mosaikfußböden. Dort haben Einheimische ein Komitee gebildet, um die Ruinen und historischen Monumente des Dorfes vor Plünderungen und Vandalismus zu schützen. Es ist ihnen gelungen, die Denkmäler des Dorfes zu überwachen und die illegalen Ausgrabungsstellen aufzufüllen, wenn sie entdeckt wurden. Daher sind die Ruinen und Denkmäler in Farkiya, anders als in den benachbarten Dörfern, einigermaßen geschützt. Auch der Gemeinderat des Dorfes Qalb Lawza hat zum Schutz der byzantinischen Kirche aus dem 5. Jahrhundert beigetragen. Die Kirche war illegalen Ausgrabungen ausgesetzt gewesen und wurde einige Zeit lang als Schafstall genutzt. Dem Gemeinderat war es in Zusammenarbeit mit der lokalen zivilgesellschaftlichen Organisation, dem “Idleb AntiquitiesCenter”, gelungen, diesen Vandalismus zu stoppen. Das Kirchengebäude wurde in Zusammenarbeit mit Einheimischen gereinigt, die Türen wurden repariert, und die Stätte ist jetzt, im Jahr 2020, in gutem Zustand.  

Leider ist vielen Einheimischen nicht bewusst, dass die archäologischen Stätten und Kulturgüter Syriens Teil ihrer nationalen Identität sind. Dies könnte auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein, unter anderem auf das Fehlen von Lehrmaterialien und Konzepten über die Bedeutung der Archäologie in Schulen, auf fehlende Sensibilisierungskampagnen für die Einheimischen, auf das fehlende Engagement bei der Verwaltung der Stätten und auf fehlende Aktivitäten, die die Menschen ermutigen sollen, zum Schutz des kulturellen Erbes beizutragen. Dennoch sollten die Einheimischen ein Verantwortungsgefühl für die Bewahrung des Kulturerbes entwickeln, unabhängig davon, ob sie dabei Unterstützung erhalten oder nicht. Der Vandalismus in Hinsicht auf Kulturgüter zeigt, dass viele Menschen eine solche Verantwortung nicht spüren. Individuelle und lokale Initiativen erhalten leider nicht genügend Unterstützung, um unter diesen schweren Bedingungen auch in anderen Regionen zu arbeiten. 

Die Themen, die über die Zerstörung der archäologischen Stätten hinausgehen, lassen sich in zwei grundlegenden Punkten kurz zusammenfassen:

1. Die pädagogische Perspektive: Im Allgemeinen erhielten wir Syrer in der Schule keine kulturelle Bildung über die Bedeutung der Archäologie und darüber, wie wichtig Syrien für die Geschichte der Menschheit ist. Auch trugen die meisten archäologischen Ausgrabungen, die jahrzehntelang in Syrien durchgeführt wurden, nicht dazu bei, das Bewusstsein für die Bedeutung der Archäologie z.B. durch Vorträge für Einheimische während der Grabungssaison zu schärfen. Infolgedessen sind die negativen Folgen des Nichthandelns in den letzten Jahren deutlich zu erkennen.

2. Wirtschaftliche Faktoren: Die Einheimischen leben bereits seit langer Zeit in der Nähe dieser Stätten, aber es gab keinen finanziellen Nutzen für sie. Sogar wenn die Stätte auf einem Privatgrundstück lag. Daher neigen viele Eigentümer dazu, in ihren Boden zu investieren, wenn er sich für die Landwirtschaft eignet, da dies – aus ihrer Sicht – wirtschaftlich sinnvoller ist. 

كنيسة الحصن، بقايا من البازيليكا بعد هدمها لتحويل الموقع إلى حقل زراعي
Ruinen der Basilika al-Husn nach der Umwandlung des Geländes in Ackerland und Blick auf das moderne al-Bara, Foto 2017 | University of Tsukuba, Research Center for West Asian Civilization (CC-BY-NC-ND)
كنيسة الحصن، بقايا إحدى وجهات البازيليكا والتي تحولت بعد هدمها لحقل زراعي
Die einstige Fassade der Basilika, am Rand des neuen Ackerlandes, Foto 2017 | University of Tsukuba, Research Center for West Asian Civilization (CC-BY-NC-ND)
كنيسة الحصن، تشكل بقايا أحد جدران البازيليكا حد لحقل زراعي
Reste einer Mauer der Basilika, die jetzt die Begrenzung des Ackers bildet, Foto 2017 | University of Tsukuba, Research Center for West Asian Civilization (CC-BY-NC-ND)

Für die al-Husn-Kirche scheint es aus der Sicht eines Landbesitzers so zu sein, dass ein Korb mit Früchten wertvoller ist als eine Kirche aus dem 5. Jahrhundert. Offenbar kann er einen zusätzlichen Preis für seine Ernte verlangen, wenn sie von Ländereien des 5. Jahrhunderts (oder vielleicht noch früher) stammt.


*Diese Studie wurde finanziell unterstützt von einem Research Fellowship der Japan Society for the Promotion of Science (JSPS) KAKENHI Grant Number 19F19004.

**Tchalenko, Georges, Villages antiques de la Syrie du nord: le massif de Bélus à lʼépoque romaine, 3 vols., Paris 1953–1958.


Featured image: Gesamtansicht eines Teils der Ruinen von al-Bara | Eva Haustein-Bartsch (CC-BY-NC-ND)


ِAutorenschaft von Sari Jammo: Sari Jammo ist ein Postdoc-Forschungsstipendiat der „Japan Society for the Promotion of Science“ an der Universität Tokio. Er hat an der niversität Tsukuba promoviert, ist Spezialist für altorientalische Archäologie und interessiert sich für die Bewahrung kulturellen Erbes in Konfliktgebieten.

ِAutorenschaft von Syrian Heritage Archive Project

Gemeinschaftsprojekt zur Digitalisierung von Beständen des syrischen Kulturerbes aus Deutschland (Museum für Islamische Kunst in Berlin und Deutsches Archäologisches Institut) in der Zeit von 2013-2019

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